Jeden Tag ein Stück dunkle Schokolade, und nach einem Monat hat man doppelt so viele Stammzellen im Blut und wird jünger. Das versprechen gerade Beiträge in sozialen Netzwerken, etwa in Facebook-Reels zu dunkler Schokolade oder zu einem Kakaogetränk (archiviert). Klingt zu schön, um wahr zu sein – und in dieser Form stimmt es auch nicht.
In 30 Sekunden
Schokolade verdoppelt Stammzellen und macht jünger?
- Eine Verdopplung bestimmter Blutzellen gab es in einer Studie wirklich – aber bei 16 Herzkranken, die ein spezielles Kakaogetränk tranken. Nicht nach Schokolade aus dem Supermarkt.
- Die Studie mit der Schokolade mit über 75 Prozent Kakao hat keine Zellen im Blut gezählt.
- Ob Schokolade jünger macht, hat keine der beiden Studien gemessen.
Zwei echte Studien, zu einem Ergebnis zusammengemischt, das keine davon geliefert hat.
Die Sache mit der Verdopplung
2010 tranken in einer US-Studie 16 Menschen mit einer Herzkrankheit 30 Tage lang zweimal täglich ein Kakaogetränk mit besonders vielen Flavanolen. Das sind Pflanzenstoffe, die im Kakao stecken. Danach hatten sie 2,2-mal so viele bestimmte Zellen im Blut, die bei der Reparatur von Blutgefäßen mitwirken, und ihre Gefäße funktionierten besser. Das ist ein echtes Ergebnis. Aber es waren nur 16 Menschen, alle herzkrank, im Schnitt 64 Jahre alt.
Und es war keine Tafel Schokolade. Das Getränk hatte eine genau festgelegte Menge Flavanole, fast viermal so viel, wie die EU-Lebensmittelbehörde EFSA für einen positiven Effekt auf die Gefäße nennt. Wie viele Flavanole in einer normalen Schokolade stecken, hängt stark von der Verarbeitung ab und lässt sich am Kakaoanteil nicht verlässlich ablesen.
Dazu kommt: Die Zellen wurden mehr, aber nicht besser. Ob sie länger überleben oder sich stärker vermehren, hat sich in der Studie nicht verändert. Und eine bestimmte Zellgruppe im Blut ist nicht „die Stammzellen“ des Körpers.
Und woher kommen die 75 Prozent?
Aus einer ganz anderen Studie. 2014 aßen in Portugal 30 junge, gesunde Menschen einen Monat lang täglich zehn Gramm dunkle Schokolade mit über 75 Prozent Kakao, 30 weitere dienten als Vergleich. Danach hatten sich einige Gefäßwerte verbessert. Zellen im Blut wurden dabei aber gar nicht gezählt.
Zwei Studien, eine Behauptung
Studie 1: Kakaogetränk (2010)
Wer
16 Herzkranke, im Schnitt 64 Jahre
Was
Spezielles Kakaogetränk, keine Schokolade
Mehr Zellen im Blut?
Ja, 2,2-mal so viele
Verjüngung gemessen?
Nein
Studie 2: Schokolade (2014)
Wer
30 junge Gesunde plus 30 zum Vergleich
Was
10 Gramm Schokolade, über 75 % Kakao
Mehr Zellen im Blut?
Nicht untersucht

Verjüngung gemessen?
Nein
Die Verdopplung kommt aus Studie 1, die Schokolade aus Studie 2. Keine liefert beides – und keine hat Verjüngung gemessen.
Und die Verjüngung?
Das hat schlicht niemand untersucht. Keine der beiden Studien hat das biologische Alter der Teilnehmenden bestimmt, beide dauerten nur rund einen Monat. In den Arbeiten, auf die sich die Beiträge stützen, findet sich dafür kein Beleg.
Warum solche Beiträge so gut ankommen
Das Muster funktioniert, weil kein Baustein erfunden ist. Die Zahl ist echt, die Schokolade ist echt, die Studien sind echt. Weggelassen wird nur, wer untersucht wurde, womit und was genau gemessen wurde. Übrig bleibt ein Versprechen, das nach Wissenschaft klingt – und das man bei Schokolade natürlich besonders gern glaubt.
Zum Mitnehmen
Drei Fragen bei jedem Wundermittel
- Wer wurde untersucht?16 Kranke sind nicht alle Menschen.
- Was genau wurde getestet?Ein Studiengetränk ist nicht dasselbe wie ein Produkt aus dem Supermarkt.
- Was wurde gemessen?Mehr Zellen im Blut sind noch keine Verjüngung.
Für alle, die es genau wissen wollen
Die Details
Die Kakaostudie von 2010
Die Arbeit von Christian Heiss und Kollegen erschien im Journal of the American College of Cardiology. Die 16 Teilnehmenden nahmen ihre üblichen Medikamente weiter und tranken in ausgeloster Reihenfolge je 30 Tage lang zweimal täglich ein flavanolreiches Getränk mit 375 Milligramm Flavanolen pro Portion und ein sonst gleich zusammengesetztes mit 9 Milligramm. Weder Teilnehmende noch Ärzte wussten, welches Getränk gerade dran war. Nach der flavanolreichen Phase waren sogenannte zirkulierende angiogene Zellen, auch endotheliale Vorläuferzellen genannt, 2,2-mal so häufig. Die Erweiterungsfähigkeit der Oberarmarterie verbesserte sich um 47 Prozent, der obere Blutdruckwert lag im Schnitt um 4,2 mmHg niedriger. Bei Überleben, Vermehrung und Wanderungsfähigkeit der Zellen fanden die Forschenden keinen Unterschied.
Die Schokoladenstudie von 2014
Die Arbeit von Telmo Pereira und Kollegen aus Coimbra erschien in Cardiology Research and Practice. Gemessen wurden Blutdruck, Gefäßsteifigkeit und Gefäßerweiterung. Die Vergleichsgruppe bekam keine Ersatzschokolade, sondern gar keine Intervention, eine Verblindung war damit nicht möglich.
Was die EFSA bestätigt hat
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit erkannte 2012 an, dass Kakaoflavanole helfen, die normale Erweiterungsfähigkeit der Blutgefäße aufrechtzuerhalten. Dafür nennt sie 200 Milligramm Kakaoflavanole täglich, enthalten etwa in 2,5 Gramm flavanolreichem Kakaopulver oder zehn Gramm flavanolreicher dunkler Schokolade. Das ist keine allgemeine Verzehrempfehlung, und es geht um die Gefäße – nicht um Stammzellen oder das Altern. Die Studie von 2010 verwendete 750 Milligramm pro Tag.
Warum der Kakaoanteil wenig verrät
Eine Untersuchung im Journal of Agricultural and Food Chemistry verglich 2008 handelsübliche Kakaopulver: Naturbelassene enthielten im Schnitt 34,6 Milligramm Flavanole pro Gramm, stark alkalisierte, also mit Lauge behandelte, nur 3,9 Milligramm. Ein höherer Kakaoanteil geht zwar tendenziell mit mehr Polyphenolen einher, der Flavanolgehalt einer Tafel lässt sich daraus aber nicht verlässlich ablesen.
Wer mitbezahlt hat
Die Kakaostudie wurde laut University of California San Francisco vom Süßwarenkonzern Mars und der American Heart Association finanziert, ein Co-Autor arbeitete bei Mars. Die EFSA-Gesundheitsaussage hatte der Schokoladenhersteller Barry Callebaut beantragt, der damit nach eigenen Angaben Produkte aus seinem ACTICOA-Verfahren vermarkten kann. Falsch werden die Ergebnisse dadurch nicht. Es ist aber ein Grund, bei der Übertragung auf gewöhnliche Schokolade genau hinzusehen.
Quellen
- Christian Heiss et al.: Improvement of Endothelial Function With Dietary Flavanols Is Associated With Mobilization of Circulating Angiogenic Cells in Patients With Coronary Artery Disease, Journal of the American College of Cardiology, Juli 2010
- University of California San Francisco: Mitteilung zur Studie inklusive Finanzierungsangabe (via ScienceDaily), Juli 2010
- Telmo Pereira et al.: Central Arterial Hemodynamic Effects of Dark Chocolate Ingestion in Young Healthy People, Cardiology Research and Practice, 2014
- EFSA: Wissenschaftliche Stellungnahme zu Kakaoflavanolen und Gefäßerweiterung, EFSA Journal, 2012
- Barry Callebaut: Mitteilung zur positiven EFSA-Stellungnahme
- Kenneth B. Miller et al.: Impact of Alkalization on the Antioxidant and Flavanol Content of Commercial Cocoa Powders, Journal of Agricultural and Food Chemistry, 2008
- Natalia Mikołajczak, Małgorzata Tańska: Relationships between cocoa mass percentage, surface color, free phenolic compounds content and antioxidant capacity of commercially available dark chocolate bars, Journal of Food Science and Technology, 2020
- Auch die dpa hat die Behauptung geprüft: dpa-Faktencheck, 14. September 2026
