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Politik

Wie Russland den ukrainischen Buchmarkt angreift

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 17, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 17.09.2026 • 22:13 Uhr

Wegen verstärkter Luftangriffe musste die Kiewer Buchmesse in diesem Jahr abgesagt werden. Russland zerstört Bücher aber auch direkt – durch Raketen auf Lagerhallen. Für viele ein gezielter Angriff auf die ukrainische Kultur.

Florian Kellermann

Eine Buchhandlung in Kiew. Jewhenija Rybak hält eine kleine Glastruhe in der Hand. Darin: ein halbverkohltes Kinderbuch. Die Buchhandlung „Readeat“, für die Jewhenija arbeitet, hat es aufgehoben. Es ist eines von acht, die nach dem großen Brand im zentralen Lager der Buchhandlung zumindest noch erkennbar waren. Alle anderen waren völlig verkohlt.

„Wenn Literatur kaputt gemacht wird, das macht dich verzweifelt. Das ist, als wollen sie einen Teil von dir zerstören“, sagt sie. „Das gelingt ihnen nicht, aber es tut weh. In jeder Buchseite steckt die Arbeit so vieler Menschen. Bücher wie diese hier haben auf Kinder gewartet, und Kinder haben auf sie gewartet.“

Tagelanges Warten auf Bücher – falls sie erhältlich sind

Der erste Stock der Buchhandlung lädt zum Entspannen ein, mit Sesseln, Tischen und Kaffee. Die Regale sind voll, aber längst nicht alle Bücher sind derzeit erhältlich. Jewhenija, die hier für das Marketing zuständig ist, deutet auf einen Monitor: eine Botschaft an die Kundinnen und Kunden. Sie müssen zurzeit 15 Tage auf die Lieferung warten, früher stellte „Readeat“ innerhalb von 24 Stunden zu.

Auch Jewhenija hat vor einiger Zeit für sich Bücher bestellt. Sie sei sich aber gar nicht sicher, ob es sie im Moment überhaupt gibt: „Die Verlage haben keinen genauen Überblick, was verbrannt ist und was sie noch irgendwo haben. Aber vielleicht habe ich Glück, und die Bücher gibt es noch irgendwo gedruckt.“

Jedes dritte Buch verbrannt

Mehr als 13 Millionen ukrainische Bücher sind durch russische Luftangriffe in den vergangenen zweieinhalb Monaten verbrannt – jedes dritte Buch, das in diesem Jahr in der Ukraine gedruckt wurde.

Das sei kein Zufall, meint Wolodymyr Jermolenko, Vorsitzender des PEN-Klubs in der Ukraine. „Die Russen wollen sich die Ukraine unterwerfen. Das können sie nur, wenn es bei uns kein Nationalbewusstsein mehr gibt. Wenn wir nicht mehr fühlen, dass wir anders sind, dass wir unsere Kultur haben“, sagt er. „Also zerstört man unsere Kultur und unsere Identität. Die Russen haben das schon oft unserer Geschichte gemacht.“

Yermolenko erinnert daran, dass schon im 19. Jahrhundert im Russischen Reich die ukrainische Sprache verboten worden sei.

Immer mehr Büchermessen – trotz Krieg

Durch die Regale der Buchhandlung „Readeat“ in Kiew schlendert ein junger Mann. Maxym Sjusura sagt, früher habe er sich mehr für russische Literatur interessiert. Seit Russlands Großinvasion lese er nur noch ukrainische Autorinnen und Autoren. Er will auch ukrainische Verlage bewusst unterstützen.

„In der Woche, nachdem die Lager von Verlagen angegriffen wurden, bin ich losgegangen und habe gleich zwei Bücher gekauft“, erzählt er. Auch jetzt würde er gern eins kaufen, aber sein Gehalt verzögere sich. „Ich mache auch Werbung für ukrainische Bücher bei Freunden und Bekannten.“

Solidaritätsbekundungen und Bestellungen: Auch für die Buchhandlung „Readeat“ war das nach dem großen Angriff enorm wichtig. Die ukrainische Literatur entwickle sich gerade jetzt – trotz Russlands Krieg, trotz zerstörter Bücher, sagt Jermolenko vom PEN-Klub.

Vor zehn Jahren habe es „drei, vier Büchermessen im ganzen Land“ gegeben.“ Jetzt gibt es drei, vier in jeder Stadt. Auch dort, wo der Krieg stark spürbar ist“, sagt er. Mit dem PEN-Klub sei er zuletzt bei Kulturfestivals in Charkiw und Odessa gewesen, und zum Buch-Jahrmarkt nach Saporischschja gefahren.

Mit Büchern im Bunker

Die Herbstbuchmesse in Kiew allerdings, die in diesen Tagen stattfinden sollte, wurde abgesagt – wegen der immer häufigeren Luftangriffe auf die Hauptstadt.

Die 23-jährige Jewhenija aus der Buchhandlung „Readeat“ nimmt bei Alarm immer ein Buch mit den Schutzraum, das beruhige sie. „Ich bin hier vielleicht ein schlechter Ratgeber, wenn es ums Beruhigen geht. Bei mir helfen Thriller, Krimis, etwas Gruseliges“, sagt sie. „Ein bisschen komisch, ich weiß.“ Auch in diesen Genres gebe es inzwischen viele ukrainische Autorinnen und Autoren, sagt Jewhenija.

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