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Wie sich Lokaljournalismus weiterentwickelt | tagesschau.de

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 19, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 19.09.2026 • 14:20 Uhr

Klicks, neue Kanäle, Künstliche Intelligenz: Der Lokaljournalismus befindet sich im Wandel. Wie Zeitungen mit den Herausforderungen umgehen, zeigt eine Redaktion des Böblinger Boten. Wie kann sie sich behaupten?

Laura Bisch

Jan-Philipp Schlecht ist Lokaljournalist aus Überzeugung – in seinem Fall heißt das, er berichtet aus Böblingen und Umgebung. Bei der Kreiszeitung Böblinger Bote ist er Reporter und Redaktionsleiter in einem, leitet also gleichzeitig die Redaktion und geht auf Termine vor Ort, um darüber zu schreiben.

In einer Ausgabe, die vor Schlecht liegt, geht es um den Schulanfang in Baden-Württemberg genauso wie um ein Fest in einem nahegelegenen Dorf. Schlecht zeigt auf das Titelbild, auf dem feiernde Menschen zu sehen sind und sagt: „Das ist natürlich so ein klassischer Lokaltermin, da war der ganze Ort auf den Beinen.“

Mehr Themen aus dem Alltag der Menschen

Informationen und Termineinladungen für seine Arbeit bekommt Jan-Philipp Schlecht oft per Mail – direkt von Stadt oder Gemeinden, Vereinen oder Initiativen. Ohne Kontakte vor Ort wäre sein Job fast gar nicht möglich, schildert er: „Das ist ganz, ganz wichtig, dass man in diesen lokalen Communities einfach drin ist und von denen Informationen kriegt.“

Die Themensetzung habe sich etwas verändert in den vergangenen Jahren – sei heute mehr an Klickzahlen orientiert. Denn ein Teil der Arbeit der Zeitung spielt sich mittlerweile online ab.

Gerade hier brauche man Relevanz. Für Schlecht heißt das: Themen, die viele Menschen betreffen. Schlecht erinnert sich: „Früher hat man eher nach den Tagesordnungen in den Gemeinderäten gearbeitet, war da sehr nah dran am politischen Lokalgeschehen.“ Das sei auch gut. Heute müsse die Redaktion aber mehr Themen in den Blick nehmen, die viele Menschen direkt im Alltag berühren.

Jan-Philipp Schlecht ist auch als Reporter in Böblingen unterwegs.

„Eine unheimliche Aufsplittung an Kanälen“

Ob die Redaktion das zuletzt geschafft hat, zeigt sich in der Redaktionssitzung: Während alle Redaktionsmitglieder im Kreis sitzen und auf die Graphen auf dem Bildschirm schauen, erklärt der Redaktionsleiter: Die Klickzahlen seien zuletzt nicht so erfreulich gewesen wie erhofft – „leider unterdurchschnittlich“.

Schwankende Klickzahlen und weniger Abos bedeuten für Verlage weniger Geld. Und damit weniger Mittel, um Reporter zu beschäftigen. Als Redaktionsleiter muss Schlecht mit den Mitarbeitern auskommen, die er hat. Das heißt, dass er nicht alle Termine besetzen kann, die er gerne besetzen würde.

Dazu kommt, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kreiszeitung heute mehr Aufgaben haben als früher, sagt Schlecht: „Es ist eine unheimliche Aufsplittung an Kanälen, die wir natürlich möglichst gut bespielen, aber natürlich auch nicht mit einer gewachsenen Mannschaft, sondern im Prinzip mit der gleichen Mannschaft, die wir davor auch hatten.“ Die Zeitung betreibt zum Beispiel einen Instagram-Kanal.

Künstliche Intelligenz als Bedrohung

Um mit bereits recherchierten Inhalten möglichst viele Nutzerinnen und Nutzer erreichen zu können, verwendet die Redaktion auch Künstliche Intelligenz: Sie macht aus Artikeln Beiträge für Instagram. Für Jan-Philipp Schlecht ist das als Hilfsmittel „okay“. Texte selbst schreiben soll die KI aber nicht.

In KI sieht Schlecht eine Bedrohung für den Journalismus – und für ein gesundes Mediennutzungsverhalten: „KI ist sehr stark darauf trainiert, denjenigen, der sie bedient, zu bestätigen in seiner Meinung und auch genau die Informationen zu bieten, die er jetzt gerade haben möchte. Sprich, sein Weltbild zu bestätigen.“ Journalismus zeige dagegen neue Aspekte auf und präsentiere den Menschen neue Inhalte, die er vielleicht gar nicht erwartet hätte.

Wenn es darum geht, in Dörfern und kleinen Gemeinden nah dran an den Menschen zu sein, sieht Schlecht den Lokaljournalismus großen Playern überlegen. „Im Lokalen ist natürlich ein großes Pfund und ein großes Plus, dass wir exklusive Inhalte von vor Ort bringen, wo zum Beispiel auch kein großer News-Aggregator wie Google News oder andere große News-Seiten jemals sein werden mit Personal.“

„Dann nimmt die Korruption zu“

Was mit der Demokratie passiert, wenn freie und professionelle Berichterstattung nicht mehr gut funktionieren, zeige ein Blick in die USA, erklärt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von der Uni Tübingen. Er erklärt: „Wenn lokale, unabhängige journalistische Berichterstattung nicht mehr existiert, dann nimmt das zivilgesellschaftliche Engagement ab, dann nimmt die Korruption zu, dann dringen Populisten einfacher in dieses entstandene Vakuum.“

Welchen Stellenwert der lokale Journalismus in Deutschland vielerorts noch hat, zeigt ein Termin in Böblingen, bei dem die Stadt die örtlichen Vereine eingeladen hat – und auch die Presse. Jan-Philipp Schlecht sitzt in der Veranstaltungshalle mit Stift und Papier und macht sich Notizen. Er schreibt auf, was der Oberbürgermeister Stefan Belz (Grüne) über ein Mikrofron verkündet. Der erklärt, Lokaljournalismus werde in Böblingen sehr geschätzt – auch wenn mal kritisch berichtet wird: „Wenn in der Berichterstattung etwas gefunden wird, wo man nochmal nachbessern muss, dann bereichert es natürlich auch unsere politische Debatte.“

An diesem Abend hat Lokaljournalismus eines geschafft: Die Vereinsmitglieder im Publikum fühlen sich gesehen – denn ihr Engagement kommt in die Zeitung.

Medienkampagne „Demokratie braucht viele Stimmen“

Der Beitrag über den Lokaljournalisten Jan-Philipp Schlecht ist im Rahmen einer Medienkampagne unter dem Titel „Demokratie braucht viele Stimmen“ entstanden. Die Kampagne will erstmals deutschlandweit auf die Bedeutung von professionellem Journalismus aufmerksam machen. An der Aktion beteiligen sich Print-, private und öffentlich-rechtlichen Medien vom 14. bis 19. September unter dem Motto „Demokratie braucht viele Stimmen“. Beteiligt sind unter anderem der Bund Deutscher Zeitungsverleger, ARD, ZDF, RTL Deutschland, ProSiebenSat.1 sowie mehrere Verleger- und Rundfunkverbände. Anlass ist der internationale Tag der Demokratie am 15. September.

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