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Startseite»Politik»Duma-Wahl: Warum Snegowskij keine Chance gegen Tolstoj hat
Politik

Duma-Wahl: Warum Snegowskij keine Chance gegen Tolstoj hat

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 19, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Europamagazin

Stand: 19.09.2026 • 20:03 Uhr

Seine Jabloko-Partei ist von der Duma-Wahl ausgeschlossen. Aber als Direktkandidat darf Artjom Snegowskij in Moskau antreten. Hat er eine Chance? Sein Gegenkandidat ist der Vizepräsident der Duma, Pjotr Tolstoj. Es ist ein ungleiches Duell.

Norbert Hahn, WDR

Hochhäuser, soweit das Auge reicht. Zwischendrin ein breiter Fußweg, auf dem Menschen nach Hause eilen. Doch auch diejenigen, die gemütlich schlendern, mögen meist nicht anhalten und Artjom Snegowskij ein Flugblatt abnehmen. „Für Frieden und Freiheit! Für ein Leben ohne Angst!“ steht auf der Frontseite.

Das bedingungslose Bekenntnis zum Frieden und zu Bürgerrechten unterscheidet seine Partei Jabloko von anderen Parteien – und war wohl der entscheidende Grund, die Partei von der Parlamentswahl auszuschließen. Schließlich war das Interesse gerade junger Menschen an Jabloko gestiegen. Formal gab es andere Gründe für die Nichtzulassung – das Oberste Gericht Russlands urteilte im August, Jabloko habe gegen Wahlgesetze verstoßen.

Snegowskij kann immerhin für ein Direktmandat antreten. „Ich nehme an den Wahlen teil, damit sie (die Bürger) die Chance haben für ein normales, freies und demokratisches Russland zu stimmen, damit dieser ganze Albtraum, der nun schon seit fünf Jahren andauert, endlich ein Ende findet“, sagt er.

Auch er hatte schon eine Gerichtsvorladung wegen Zeigens extremistischer Symbole, die Beweise gegen ihn waren aber nicht ausreichend. Immerhin: Teile der Parteispitze sind inzwischen zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt worden. „Das heißt, ich stehe zwar unter einem gewissen Druck, aber ich habe nicht vor, nachzugeben.“

Artjom Snegowskij will mit seiner Kandidatur denjenigen eine Stimme geben, die sich ein Ende des Krieges gegen die Ukraine wünschen.

„So funktioniert die russische Demokratie“

Snegowskij ist 22 Jahre alt, Wirtschaftsstudent – und seine Aussichten, das Direktmandant zu bekommen, sind bescheiden. Aus den Mitbewerbern sticht Pjotr Tolstoj hervor, Vize-Vorsitzender der Duma, Urenkel des weltberühmten russischen Schriftsteller Leo Tolstoj. Tolstoj ist ein ehemaliger Fernsehmoderator, charmant im Umgang, weltläufig, ein gutvernetzter Mann des Kreml – ein politisches Schwergewicht weit über seine Partei Geeintes Russland hinaus.

Jabloko kann nicht mit einer eigenen Liste antreten, zudem gibt es Druck auf Kandidaten für Direktmandate, von denen auch nicht jeder zur Wahl zugelassen wurde. Warum diese Härte, wird Tolstoj im ARD-Interview gefragt.

„Nach den Statistiken, die ich gesehen habe, sind etwa 1,5 Prozent bis drei Prozent der Kandidaten aller Parteien (betroffen), die für Direktmandate antreten“, sagt Tolstoj. Das sei „nicht besonders viel“.

Der Westen verstehe einfach nicht, dass Demokratie in Russland anders funktioniere: „Sie wissen ja, dass es in Russland Demokratie gibt, daher gibt es keine Probleme. Wir haben einfach eine eigene, ‚unsere Demokratie‘, unsere historische Demokratie. Sie unterscheidet sich von der deutschen, der französischen und der amerikanischen. So funktioniert die russische Demokratie.“

Pjotr Tolstoj hat eigene Vorstellungen von Demokratie – und grenzt sie klar gegen das deutsche oder französische Modell ab.

Tolstojs Vorstellungen von der Ukraine

Und Tolstoi hat brutale Vorstellungen vom Krieg gegen die Ukraine. Er wollte die Ukraine „ins 18. Jahrhundert“ zurückwerfen, sprach noch im August über die Bombardierung ukrainischer Städte mit kurzer Evakuierungsfrist. Kiew nannte das einen Aufruf zu Kriegsverbrechen.

Seit Februar 2022 steht Tolstoj auf der Sanktionsliste der EU. Natürlich wolle die Partei Geeintes Russland den Frieden, beteuert Tolstoj – und schafft sogar den Bogen zum Titel des wohl berühmtesten Werks seines Urgroßvaters: „Die Menschen, die für Geeintes Russland stimmen und damit faktisch den Kurs von Präsident Wladimir Putin unterstützen, stimmen für den Sieg im Krieg und für einen langfristigen, dauerhaften Frieden.“ So wirkten sich Ideen der Wähler von „Krieg und Frieden“ auf die Wahlergebnisse aus.

Den Optimismus nicht verlieren

Snegowskij ist überzeugt, dass die anderen zur Wahl zugelassenen Parteien genauso denken: „Jabloko betrachtet alle übrigen Parteien auf dem Stimmzettel als Parteien, die für die Fortsetzung des derzeitigen Kurses stehen. Deshalb ruft die Parteispitze dazu auf, die Listenwahlzettel ungültig zu machen und stattdessen für die Einzelkandidaten von Jabloko zu stimmen.“

Natürlich weiß Snegowskij, dass Jabloko auch keinen Erdrutschsieg davontragen würde, wenn seine Partei über die Liste wählbar wäre. Aber die Duma-Wahl könnte ein Anfang für ein Umdenken sein, glaubt er. „Ich möchte, dass meine Kinder in Russland keine Angst um sich haben, dass sie wissen, dass sie in diesem Land eine Zukunft haben. Dass sie sich hier als Menschen fühlen können und ihre Würde spüren können.“

Er ist jung, er wird weiter an seiner Vorstellung von Russlands Zukunft arbeiten können – wenn die Herrschenden ihn lassen. Noch bleibt Snegowskij optimistisch. Ausgerechnet nach dem jüngsten Justiztermin hat er seiner Verlobten noch vor dem Gerichtsgebäude einen Heiratsantrag gemacht.

„Wir lieben Euch“

Auch Tolstoj beschwört eine bessere Zeit. „Ich denke aber, dass es in Bezug auf Westeuropa und Großrussland noch etwa zehn bis 15 Jahre dauern wird, bis sich die Generationen der Politiker abgelöst haben. Damit wir wieder so miteinander reden können, wie wir es noch vor zehn Jahren getan haben.“

Und dann noch einmal blanke Ironie: „Wir unsererseits sind offen. Wir lieben euch.“

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Europamagazin – am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten.

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