Nach dem Klick · Teil 1 von 5
Die Nachricht sah echt aus. Der Link auch. Erst nach der Zahlung kommt das ungute Gefühl – und kurz danach ein Gedanke, den viele Betroffene kennen: Wie konnte ausgerechnet mir das passieren?
Mit dieser Serie beginnen wir dort, wo die meisten Warnungen aufhören: nach dem Klick. Im ersten Teil geht es um das größte Hindernis nach einem Betrug. Es ist nicht die Technik. Es ist die Scham – und sie hilft vor allem den Tätern.
Wie viele Menschen trifft das eigentlich?
Mehr, als viele glauben. Für den Cybersicherheitsmonitor 2026 haben das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und die Polizeiliche Kriminalprävention im Jänner 2026 insgesamt 3.060 Menschen ab 16 Jahren in Deutschland befragt. 11 Prozent gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten Opfer von Kriminalität im Internet geworden zu sein. 27 Prozent waren es schon einmal in ihrem Leben.
Für Österreich konnten wir keine vergleichbar aktuelle Befragung finden. Eine andere Zahl aus der deutschen Studie ist aber auch hier aufschlussreich: Wie viele Betroffene gehen danach zur Polizei?
Nach dem Betrug
32 %
der Betroffenen haben Anzeige bei der Polizei erstattet.
Ähnlich viele wandten sich an den Anbieter des Dienstes (35 Prozent) oder halfen sich selbst (28 Prozent).
Warum fühlt sich Betrug so peinlich an?
Bei vielen Straftaten ist klar, wer das Opfer ist. Wem das Fahrrad gestohlen wird, dem sagt kaum jemand: selbst schuld. Bei Betrug ist das anders. Die Betroffenen haben oft selbst überwiesen, selbst Daten eingetippt oder selbst auf „Bestätigen“ gedrückt.
Genau das macht es so schwer. Die australische Kriminologin Cassandra Cross untersucht seit Jahren, wie es Menschen nach einem Online-Betrug geht. Für eine Studie des Australian Institute of Criminology führte sie gemeinsam mit Kelly Richards und Russell Smith ausführliche Gespräche mit 80 Menschen, die jeweils mindestens 10.000 australische Dollar verloren hatten. Die Forschenden beschreiben, dass Betrugsopfer oft nicht als echte Opfer gesehen werden, sondern als mitschuldig. Diese Schuldzuweisung hält viele davon ab, überhaupt jemandem davon zu erzählen.
Sind Betroffene nicht doch ein bisschen selbst schuld?
Nein. Betrug ist ein Geschäft, und die Täter machen das oft nicht zum ersten Mal. Sie setzen dort an, wo jeder Mensch angreifbar ist: bei Zeitdruck, bei der Angst um das eigene Konto, bei Hilfsbereitschaft, bei Hoffnung oder Zuneigung. Dass man einen Trick erst hinterher erkennt, beweist nicht, dass man dumm war. Es beweist, dass der Trick funktioniert hat.
Was die Scham sagt – und was dagegen spricht
Drei Gedanken, die viele nach einem Betrug kennen.
„Das hätte ich merken müssen.“
Die Nachricht war darauf ausgelegt, genau in diesem Moment glaubwürdig zu wirken.
„Wenn ich es erzähle, halten mich alle für dumm.“
Wer es erzählt, bekommt Hilfe beim nächsten Schritt. Wer schweigt, muss ihn allein gehen.
„Jetzt ist es eh zu spät.“
Bei manchen Zahlungsarten lässt sich Geld noch Wochen später zurückholen. Teil 2 (erscheint am 25. September) erklärt, wann.
Was passiert, wenn man schweigt?
Scham kostet vor allem Zeit. Bei manchen Zahlungen entscheidet sich schnell, ob noch etwas zu retten ist. Wer erst Tage später mit der Bank spricht, hat diese Chance womöglich schon verpasst.
Dazu kommt ein zweites Risiko. Die Watchlist Internet berichtet, dass Kriminelle frühere Opfer gezielt wieder anschreiben. Sie geben sich dann als Agentur oder Behörde aus, die das verlorene Geld angeblich zurückholen kann. Wer niemandem erzählt hat, was passiert ist, hat auch niemanden, der bei so einem Angebot stutzig wird. Wie diese Masche funktioniert, zeigt Teil 4 (erscheint am 27. September). Das Schweigen schützt nicht die Betroffenen. Es schützt die Täter.
Mit wem kann man reden?
Der erste Schritt muss kein offizieller sein. Oft reicht eine Person, der man vertraut: ein Familienmitglied, eine Freundin, ein Kollege. Wie so ein Gespräch gut gelingt – für Betroffene und für Angehörige –, zeigt Teil 5 (erscheint am 28. September).
Wer lieber mit Fachleuten spricht, findet kostenlose Hilfe. In Österreich ist der Opfer-Notruf unter 0800 112 112 werktags von 8 bis 20 Uhr erreichbar. Er wird im Auftrag des Justizministeriums vom Weissen Ring betrieben. In Deutschland hat der Weisse Ring das Opfer-Telefon 116 006, täglich von 7 bis 22 Uhr. Beide sind für Menschen da, die eine Straftat erlebt haben. Wer gerade erst bemerkt hat, dass etwas nicht stimmt, findet im Mimikama-Notfall-Check die nächsten Schritte.
Die Serie „Nach dem Klick“
Teil 1Warum so viele Betrugsopfer schweigen (Sie lesen gerade)
Teil 2Betrogen – was jetzt? Die ersten Schritte (erscheint am 25.09.)
Teil 3Anzeige nach Online-Betrug: Lohnt sich das? (erscheint am 26.09.)
Teil 4Recovery Scam: Wenn Betrüger das Geld zurückholen wollen (erscheint am 27.09.)
Teil 5Betrug in der Familie: So gelingt das Gespräch (erscheint am 28.09.)
Morgen erscheint Teil 2: Betrogen – was jetzt? Die ersten Schritte.
