Lieber altes Leben zurück
WM-Phänomen Vozinha hat „Frieden und Ruhe verloren“
Bei der Fußball-WM wird Torhüter Vozinha weltberühmt. Der 40-Jährige ist der Held von WM-Neuling Kap Verde, die Herzen fliegen ihm zu. Doch das hat für ihn große Schattenseiten. Derartige, dass er lieber sein altes Leben zurückhätte.
Berühmt über Nacht – plötzlich ein Star mit viel Aufmerksamkeit und mehr Geld. Von so einem Wandel träumen viele. Für Vozinha ist der bei der Fußball-Weltmeisterschaft Realität geworden. Der Torhüter von Kap Verde war bis dahin völlig unbekannt. Und nun wünscht er sich, er wäre es wieder.
„Ich habe meinen Frieden und meine Ruhe verloren“, sagte der 40-Jährige dem „Observer“ und erklärt die Schattenseiten des Ruhms: „Ich habe keine Privatsphäre mehr, oder zumindest viel weniger als früher. Wenn ich jetzt ausgehe oder in ein Restaurant, ist immer jemand da, der ein Foto mit mir machen will oder mich um ein Autogramm bittet. Oder, schlimmer noch, jemand filmt mich. Das hat sich in meinem Leben am meisten verändert, und ich glaube nicht, dass ich etwas dagegen tun kann.“
Die WM hat alles verändert. Gleich im Eröffnungsspiel wurde er berühmt, weil er gegen den späteren Weltmeister Spanien das 0:0 festhielt. Vorher hatte sein Instagram-Account 56.000 Follower, inzwischen sind es 28,4 Millionen. Schon nach dem Spiel hatte er mehr als eine Million Follower. „Ich beschloss, meine Instagram-Benachrichtigungen auszuschalten, damit ich nicht in Versuchung gerate, ständig nachzuschauen, wer mir folgt“, erinnert er sich an die verrückte Zeit zurück.
Volles Haus: Vozinha bei neuem Klub begeistert empfangen
Eltern werden belagert
Während des Turniers half es ihm offenbar. Mit Kap Verde spielte er auch noch Unentschieden gegen Uruguay und erreichte die K.-o.-Runde. Dort unterlag der WM-Neuling dem späteren Finalisten Argentinien erst nach Verlängerung. Vozinhas Aufmerksamkeit hatte sich bis dahin ins Unermessliche gesteigert. Vorher hatte sich sein Leben vorrangig in der portugiesischen Stadt Chaves abgespielt, wo er in der zweiten Liga aktiv war. Zwar wechselte er nach der WM den Klub, das aber ist nicht der größte Karrieresprung, den es jemals gab. Er steht nun bei CSD Colo-Colo in der ersten chilenischen Liga unter Vertrag. Berühmt ist er dennoch weltweit.
„Viele Menschen wollen berühmt sein und im Rampenlicht stehen, aber sie sehen nur die positive Seite dieser Realität“, sagt Vozinha. „Um ehrlich zu sein: Wenn man mir die Wahl zwischen dem Leben, das ich heute führe, und dem Leben, das ich vorher hatte, lassen würde, würde ich mich für das vorherige entscheiden.“ Auch, weil sein Ruhm sein Umfeld beeinträchtigt: Seiner Mutter falle es schwer, zu jemandem Nein zu sagen. Die Folge: Jeden Tag tauchen bei ihr zu Hause auf den Kap Verden Fans auf, die um ein Foto bitten oder sich einfach nur unterhalten wollen. Sein Vater, der zurückhaltender ist, hat gelernt, Abstand zu halten. „Ich bin nicht da, also kann ich ihnen nicht helfen“, sagt der Torwart. „Sie müssen lernen, mit der Situation zu leben und Grenzen zu setzen.“
Für Ballon d’Or nominiert
Denn Vozinha wird nicht so schnell in Vergessenheit geraten. Als einer von zehn Torhütern ist er für den Ballon d’Or nominiert – neben Größen wie den WM-Finalisten Unai Simon und Emiliano Martinez oder auch Gregor Kobel von Borussia Dortmund. „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass das passieren könnte“, sagt er. „Es war undenkbar, aber ich bin denen dankbar, die an mich gedacht haben. Allein schon auf dieser Liste zu stehen, ist eine große Ehre.“
Obwohl er ursprünglich beschlossen hatte, seine Karriere im Nationaltrikot nach der WM zu beenden, will er nun doch noch weitermachen. Seit 14 Jahren spielt er bereits für Kap Verde und fühle sich immer noch gut – jetzt bereitet er sich auf den Start der Qualifikation zur Afrikameisterschaft 2027 vor.
Verwendete Quellen: ntv.de, ara
