Abspaltung droht zu eskalierenBiontech-Gründer verkrachen sich mit eigenem Unternehmen

Milliardenverlust, Stellenabbau und ein verheerender Streit an der Spitze: Bei Biontech geht es nach dem Boom ums Eingemachte. Die Gründer wollen neue Wege gehen, pokern mit dem Konzern aber noch um wertvolle Patente.
Das aus der Corona-Pandemie bekannte einstige Vorzeigeunternehmen Biontech steht vor einem radikalen Umbau. Doch nicht nur die strategische Neuausrichtung sowie die harten Einsparungen schüren derzeit Unmut innerhalb der Belegschaft. Auch der drohende Machtkampf um die Abspaltung des Gründer-Ehepaars Ugur Sahin und Özlem Türeci belastet die Stimmung spürbar.
Biontech mit weltweit rund 7200 Beschäftigten befindet sich seit Längerem in einem tiefgreifenden Umstrukturierungsprozess. Die Nachfrage nach dem einst begehrten Corona-Impfstoff, der das Unternehmen groß gemacht hat, geht inzwischen stark zurück und ein anderes zugelassenes Produkt hat das Unternehmen bislang nicht im Portfolio.
Unter anderem deshalb stand im ersten Halbjahr unterm Strich ein Milliardenverlust. Das Unternehmen muss sparen. Da die Suche nach Käufern für drei Standorte erfolglos blieb, werden die Werke in Idar-Oberstein, Marburg und Tübingen nun geschlossen. Dem Sparkurs fallen rund 1800 Stellen zum Opfer, darunter auch viele bei dem erst Ende 2025 übernommenen Tübinger Rivalen Curevac. Die Herstellung des Covid-19-Impfstoffs wird künftig vollständig an Pfizer-Standorten in Europa und Amerika durchgeführt.
Obwohl das Geschäft mit dem Corona-Vakzin weiterläuft, steht bei Biontech inzwischen wieder die Forschung an mRNA-Therapien gegen Krebs und andere Krankheiten im Mittelpunkt. Diese Rückbesinnung kostet die Mainzer viel Geld. Allein im ersten Quartal beliefen sich die Forschungs- und Entwicklungskosten auf 557 Millionen Euro. Die Hoffnungen ruhen nun auf mehreren späten klinischen Studien für Krebspräparate. Biontech peilt bis 2030 mehrere Zulassungsanträge für Onkologie-Therapien an.
Die teure Rückkehr Biontechs zur Krebsforschung markiert zugleich einen Abschied: Sahin und Türeci verlassen das Unternehmen schon bald. „Özlem und ich wollen ein weiteres Mal als Pioniere neue Wege beschreiten“, sagte Sahin im März. Es sei schon immer ihre Vision gewesen, Wissenschaft in Fortschritte für Patientinnen und Patienten zu überführen. Anteilseigner von Biontech wollen die Eheleute aber bleiben. Derzeit halten sie nach Unternehmensangaben rund 15 Prozent.
Ihre unternehmerische Zukunft sehen Sahin und Türeci jedoch in einem neuen Startup namens Arife, das ebenfalls seinen Hauptsitz in Mainz haben wird. Arife ist ein weiblicher Vorname türkischer Herkunft und bedeutet: „Die Wissende“. Arife verfügt laut „Handelsblatt“ aktuell über ein Grundkapital von 120.000 Euro. Die Firma firmiert als SE, also genau wie Biontech als europäische Aktiengesellschaft. Dies ist dem Unternehmensregister zu entnehmen, wo die Neugründung bereits eingetragen ist. Das Gründer-Ehepaar will sich mit Arife der Entwicklung der nächsten Generation von Medikamenten auf mRNA-Basis widmen. Das Problem: Die Patente für die Wirkstoffkandidaten liegen weiterhin bei Biontech.
Nach der Ankündigung im März hieß es noch, der Vorstand trage das Vorhaben von Sahin und Türeci mit. Geplant war laut Biontech, Rechte und mRNA-Technologien in das neue Unternehmen einzubringen. Im Gegenzug sollte Biontech eine Minderheitsbeteiligung an der neuen Firma sowie Lizenzgebühren erhalten. Eine bindende Einigung hatte Biontech eigentlich bis Ende des ersten Halbjahres 2026 angestrebt.
Doch hinter den Kulissen verläuft diese Abspaltung alles andere als harmonisch. Wie das „Handelsblatt“ unter Berufung auf verhandlungsnahe Kreise berichtet, gestalten sich die Gespräche über die Aufteilung des Erbes schwieriger und langwieriger als erwartet. Sahin und Türeci sollen für Wirkstoffprojekte, die sie in die neue Firma überführen wollen, eine angemessene Vergütung zahlen.
Auch das Verhältnis der Gründer zu Vorstand und Aufsichtsrat soll sich merklich abgekühlt haben. Intern ist dem Bericht zufolge von einem Eklat die Rede. Türeci werfe Biontech sogar die „Enteignung der eigenen Firma vor“.
Bislang wurde keine Vereinbarung über die Aufteilung von Vermögenswerten und Patenten unterschrieben. Dabei drängt die Zeit: Bis spätestens Anfang Februar kommenden Jahres soll Guido Oelkers den Job des Vorstandsvorsitzenden bei Biontech übernehmen. Beteiligte schließen derweil nicht aus, dass die Verhandlungen vollständig scheitern.
Biontech sitzt dabei allerdings am längeren Hebel: Nach Einschätzung von Branchenkennern wäre ein Scheitern der Verhandlungen für das Gründer-Ehepaar deutlich schmerzhafter als für den Konzern.
