Meist scheitert die grenzübergreifende Kommunikation von Polizei und Rettungsdiensten in Europa an technischen Problemen. Das will die EU-Kommission jetzt ändern – gerade auch für Krisenfälle.
Hilfseinsätze sollen nicht im Chaos enden: Die EU will die interne Kommunikation von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdiensten und anderen sicherheitsrelevanten Organisationen massiv verbessern und ausbauen. Gleichzeitig sollen Cyberkriminelle ausgebremst werden.
Geplant ist ein europaweites krisenfestes Breitbandnetz für alle Organisationen, die mit Hilfseinsätzen und Sicherheit zu tun haben. Potentielle feindliche Attacken sollen schon bei der Konzeption verhindert werden. Heute wurden Einzelheiten des „European Critical Communication Systems“ (EUCCS) in Brüssel vorgestellt. Kritik gibt es aber an der geplanten stufenweisen Umsetzung.
Kommunikation scheitert oft an Grenzen
Noch endet die Kommunikation zwischen den Blaulicht-Organisationen in den meisten Fällen an den nationalen Grenzen. Nicht selten verhindern Verschlüsselungs-Chaos, Frequenz-Wirrwarr und Software-Durcheinander, dass sich Sicherheitskräfte über die nationalen Grenzen hinweg verständigen und Daten teilen können, ohne auf den normalen Mobilfunk auszuweichen. Der ist jedoch nicht sicher.
Wenn französische oder polnische Feuerwehrleute bei Waldbränden in Deutschland helfen wollen, brauchen sie bisher manchmal deutsche Handfunkgeräte – oder Dolmetscher müssen umständlich zwischen getrennten Kommunikationssystemen hin und herschalten.
„Bei grenzüberschreitenden Verfolgungsjagden reißt der Funkkontakt zwischen den Polizeieinheiten oft exakt an der Grenze ab“, erklärt EU-Innenkommissar Magnus Brunner und nennt die Grenzen der bisherigen Netze, die vor dreißig Jahren entwickelt wurden: „Wir haben hier noch die Datenkapazitäten einer alten SMS. Wir arbeiten aber inzwischen mit viel mehr Volumen, das besser geschützt werden muss: Live-Videos, Drohnenaufnahmen, Body-Cam-Signale oder Analysegeräten im Rettungswagen.“
Sicherheitslücken und andere Gefahren
Die alten Netze stoßen hier an ihre Grenzen. Das Ausweichen auf die normalen Mobilfunknetze, die mehr leisten, birgt Gefahren, bei Katastrophen sind sie überlastet. Die Flut im Ahrtal im Juli 2021 zerstörte Sendemasten und Zubringerleitungen – die Retter waren stundenlang komplett abgeschnitten.
Dazu kommen schwere Sicherheitslücken. Die Arbeitsgruppe kritischer Infrastrukturen (AG KRITIS), ein Bündnis aus IT-Sicherheitsexperten in Europa, warnte im Sommer vor gravierenden Mängeln: Viele Flughäfen, Gefängnisse und andere kritische Infrastrukturen würden ihre Netze völlig unverschlüsselt betreiben.
Die EU-Kommission warnt vor „technischen Totalausfällen“. Im Mai 2025 hatte ein Netzwerkproblem den sogenannten Digitalfunk für alle Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) in Deutschland für eineinhalb Stunden lahm gelegt: „Es fehlt an resilienten, redundant abgesicherten EU-Zentralen“, warnt die EU-Kommission.
Ziel: Ein einheitliches, krisenfestes System
Diese Probleme sind der Grund, warum die EU jetzt ein einheitliches und krisenfestes Breitbandnetz (EUCCS) auf den Weg bringt. Es soll den Flickenteppich des europäischen Behördenfunks ablösen – als übergeordnetes „System von System“, das nationale Netze „über gemeinsame Schnittstellen und Standards sicher miteinander verbindet“, so ein EU-Sprecher.
Geplant ist ein Wechsel auf Breitbandtechnologie, damit Sicherheitskräfte auch komplexe Einsatzpläne und Videos direkt im Einsatz teilen können. Ein Satelliten-Backup soll die Kommunikation auch bei totalen Blackouts am Laufen halten – wenn terrestrische Netze bei schweren Katastrophen und großflächigen Stromausfällen komplett versagen.
Auch in den normalen Mobilfunknetzen sollen Rettungskräfte bei Großlagen und Netzüberlastung absolute Priorität haben. Eine Zentrale soll die Funktionen über ein speziell gesichertes Glasfasernetz überwachen. Eine zweite Einheit für Cybersicherheit soll hybride Bedrohungen abwehren.
Netzwerke, Software und Satellitentechnik soll gezielt durch europäische Unternehmen beigesteuert werden: „Wir brauchen technologische Souveränität und Unabhängigkeit in diesem Bereich“, so EU-Kommissar Brunner.
Stufenweise Einführung, Doppelstrategie in Deutschland
Geplant ist eine stufenweise Einführung – 2030 soll das System mit den ersten Mitgliedstaaten in Betrieb genommen werden. Bis 2036 sollen alle EU- und Schengen-Staaten vollständig an das neue EUCCS-System angeschlossen sein.
In Deutschland plant man dazu eine Doppelstrategie. Alte und neue Netze sollen zunächst parallel betrieben werden. Betroffen sollen laut Bundesanstalt für Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BDBOS) rund 1,3 Millionen Endgeräte sein. Ziel ist es zunächst, die Daten der Rettungsdienste in den normalen G5-Netzen auch bei einer Überlastung bevorzugt durchzuleiten.
Drohnen-Videos, Messenger oder digitale Lagepläne sollen in einer zweiten Phase über gesicherte Tablets und Smartphones gesendet und empfangen werden. In der Endphase könnte es ein exklusives „Government-Only“-Frequenzband für Rettungsdienste, Polizei, Feuerwehr und Kastrophenschutz geben – ein „eigenbeherrschtes“ Breitbandnetz.
Kritik an Plänen für die Umsetzung
An den Plänen für den Ablauf der Implementierung von EUCCS gibt es Kritik. Der Staat setze als Übergangslösung noch zu sehr auf private Netze und kommerzielle Sendemasten, die mangels Batteriereserven bei Stromausfällen versagten – eine „Bevorzugung“ der Rettungsdienste sei dann sinnlos, argumentieren Branchenexperten.
Ein Nadelöhr bei der Umsetzung dürften auch der eigene Datentransport sein: Noch gibt es nicht genügend eigenständige Frequenzen für die „Government-Only“-Bänder. Und – damit rechnet auch die zuständige deutsche Bundesbehörde – der Verteilungskampf könnte hart und langwierig werden.

