Seit Jahrtausenden prägen Gletscher die Schweizer Alpen. Doch neueste Zahlen geben Grund zur Sorge: Die Gletscher schmelzen weiter dramatisch und haben dieses Jahr mehr als fünf Prozent ihres Volumens verloren.
Geschmeidig gleitet die Eisenbahn Meter für Meter durch den Fels hoch zum Jungfraujoch. Dort befindet sich der höchste Bahnhof Europas – auf fast 3.500 Metern über dem Meeresspiegel. In rund zehn Sprachen werden die Besucherinnen und Besucher während der Zugfahrt auf das eingeschworen, was sie bald sehen werden – das vermeintlich ewige Eis.
Oben angekommen wollen dann auch gleich alle hin zu ihm, dem weltbekannten Aletschgletscher. Mit fast 23 Kilometern Länge und einer Fläche von nahezu 76 Quadratkilometern ist er der größte Gletscher der Alpen, umringt von mächtigen Bergen wie Jungfrau, Mönch und Aletschhorn.
Für Touristen ein besonderer Moment
Trotz des Trubels um sie herum ist der Anblick für viele Touristinnen und Touristen ein nahezu heiliger Moment. „Wie klein man als Mensch einfach ist – das ist uraltes Eis und man kann da einfach so drauf rumlaufen“, sagt Tourist Michael Bock. „Das gibt einem auch so eine Erdung, weil man merkt, es gibt noch so viel mehr auf dieser Welt als uns Menschen.“
„Wunderschön hier“, sagt Uta Münter. „Dass man überhaupt von hier oben die Möglichkeit mal hat, die Gletscher noch zu sehen. Man weiß ja nicht mehr, wie lange es die noch gibt, aber einfach beeindruckend“, erklärt Ulf Bock.
Diese Mischung aus Überwältigung und Sorge um die Zukunft der Gletscher kennt auch Cyrill Feigenwinter. Er ist eigentlich Schulleiter, seit August arbeiten er und seine Partnerin jedoch als Betriebswarte in der Hochalpinen Forschungsstation auf dem Jungfraujoch.
Cyrill Feigenwinter und seine Partnerin
Schwund des Gletschers zeigt sich an Hütte
Der Schwund des Eises zeige sich besonders an der vor rund 150 Jahren am Aletschgletscher erbauten Konkordia-Hütte, erklärt Feigenwinter und zeigt dabei auf eine Hütte in der Ferne, die hoch über dem Gletscher thront.
„Als die Hütte gebaut wurde, war sie ziemlich nah am Gletscher.“ Mittlerweile sei der Gletscher so stark geschmolzen, dass der Zugang zur Hütte nur noch über eine lange Stahltreppe möglich sei.
Fünf Prozent ihres Volumens verloren
Einer, der ganz genau weiß, wie es um den Aletschgletscher und um alle anderen 1.288 Gletscher in der Schweiz steht, ist Matthias Huss. Der Glaziologe arbeitet an der ETH in Zürich und leitet das Schweizer Gletschermessnetz GLAMOS, das heute neue Zahlen herausgegeben hat. Das Ergebnis: 2026 war für die Gletscher ein verheerendes Jahr, in dem sie weitere fünf Prozent ihres Volumens verloren haben.
Die Region habe einen trockenen Winter mit wenig Schnee gehabt, der als Schutzschicht für das Eis fungiere. Und dann Hitzewellen von Mai bis jetzt im September, sagt der Gletscherforscher. „Das hat zu einer unglaublich starken Schmelze geführt. Wir haben das Jahr 2022 nicht ganz eingeholt, damals wurden alle Rekorde gebrochen“, erklärt Huss. „Aber wir sind sehr, sehr nahe dran am schlimmsten Jahr für die Schweizer Gletscher, seit die Messungen begonnen haben vor über Hundert Jahren.“
Durch den Gletscherschwund verändert nicht nur die Landschaft ihr Gesicht. Gletscher haben eine wichtige Funktion im Wasserkreislauf der Schweiz. „Die Gletscher geben Wasser ab in trockenen und heißen Phasen, den Hitzewellen“, sagt Huss. „Diesen Sommer haben wir unglaublich viel Wasser aus den Alpen bekommen und konnten das unten dann brauchen – für die Bewässerung, für die Flussschifffahrt, für die Kühlung von Atomkraftwerken, aber auch für die Füllung der Speicherseen für die Stromproduktion in der Schweiz.“
Gletscher als Wasserspeicher – Schweiz sucht Alternativen
Da Gletscher als Wasserspeicher schon in absehbarer Zeit keine verlässliche Rolle mehr im Wasserkreislauf spielen könnten, ist man in der Schweiz auf der Suche nach Alternativen. Diskutiert wird beispielsweise, ob in den Bergen zusätzliche Speicherseen gebaut werden sollten, um Regenwasser im großen Stil aufzufangen und abzugeben.
Das sind Entwicklungen und Diskussionen, auf die die Touristen auf dem Jungfraujoch keinen Einfluss haben. Im Angesicht des weniger werdenden Aletschgletschers machen sich jedoch viele so ihre Gedanken darüber, was sie persönlich gegen die Erderwärmung tun können und was auf dem Spiel steht.
Touristin Uta Münter meint: „Wir fliegen weniger.“ Michael Bock fügt hinzu: „Man überlegt dann schon, diese Welt wird ja doch immer wärmer. Wie sieht das aus mit der Familie? Europa wird immer wärmer, es wird wahrscheinlich anstrengender, ein Leben aufrechtzuerhalten. Das wird einem natürlich auch bewusst.“

