Einer Leserin fällt seit Wochen etwas auf. In ganz unterschiedlichen deutschen Facebook-Gruppen erscheinen Beiträge von Profilen aus Indonesien. Das Deutsch ist erstaunlich gut, die Inhalte passen genau zur jeweiligen Gruppe. Nur die Profile selbst passen oft überhaupt nicht dazu. Sie schickt uns ein Beispiel.
In der Gruppe „Private Stellplätze für Wohnwagen und Wohnmobile“ schreibt ein Profil: „Stellplatz mit Traumblick! Privat, ruhig und direkt an den Weinbergen.“ Dazu ein Wohnmobil auf gepflegtem Rasen, dahinter Weinberge und ein weiter Blick ins Tal. Das Profil nennt sich „Digital Creator“ und gibt als Wohnort eine Stadt auf Sumatra in Indonesien an.
Ein Geheimtipp mit Adresse und Preisliste
Wir haben das Foto mit einer Rückwärtssuche geprüft. Dabei lädt man ein Bild bei einer Suchmaschine hoch und sieht, wo es sonst noch im Netz auftaucht. Google findet dasselbe Motiv auf Pfalz.de, beim Tourismusportal Rheinland-Pfalz und auf Pinterest. Es zeigt den Wohnmobilstellplatz am Autohaus Schmidt in Herxheim am Berg an der Deutschen Weinstraße. Gruppenmitglieder haben den Platz übrigens auch ohne Suchmaschine erkannt: „Ist nicht Privat. Das ist Stellplatz hinter dem Autohaus Schmitt in Herxheim“, schrieb jemand darunter.
Was der Beitrag erzählt – und was dahinter steckt
Der Beitrag
„Privat“Ein persönlicher Tipp für einen privaten Stellplatz.
„Ruhig“Klingt nach einem Ort, den kaum jemand kennt.
Das FotoIm Beitrag wird keine Quelle genannt.
Die Recherche
Öffentlich beworbener StellplatzAm Autohaus Schmidt in Herxheim am Berg, 15 Plätze, ganzjährig geöffnet, laut Tourismusportal 15 bis 23 Euro pro Nacht.
Kein GeheimtippMit Adresse und Ausstattung auf Tourismusportalen und in Stellplatzverzeichnissen beschrieben.
Dasselbe Foto auf TourismusportalenDie Rückwärtssuche findet das Motiv unter anderem bei Pfalz.de und Rheinland-Pfalz Tourismus.
Ein persönlicher Geheimtipp ist das also nicht. Vorhandenes Material wurde in einen neuen Zusammenhang gestellt.
Nur ein kurioser Einzelfall?
Ein einzelner solcher Beitrag könnte einfach kurios sein. Doch nachdem wir den Fall in unserer Community angesprochen hatten, meldeten sich viele Gruppenmitglieder und Admins mit ähnlichen Beobachtungen. Sie berichteten von vergleichbaren Profilen in Gartengruppen, Urlaubsgruppen, lokalen Stadtgruppen und Fotogruppen. Sogar in einer Gruppe zur Amazon-Serie „Clarkson’s Farm“ sollen solche Profile regelmäßig auftauchen.
Mehrere Admins beschrieben dasselbe Muster. Ein Profil tritt einer Gruppe bei und postet harmlose Beiträge, manchmal mit Bildern oder Texten, die echte Mitglieder früher schon geteilt hatten. Andere posten Rätsel oder Fragen, auf die möglichst viele antworten sollen. Ein Admin stieß bei der Rückwärtssuche immer wieder auf ältere Originalbeiträge, andere fanden dieselben Profile in vielen weiteren Gruppen. Das sind Erfahrungen einzelner Menschen, keine systematische Untersuchung. Aber die Berichte aus ganz verschiedenen Themen klingen auffällig gleich.
Und das gute Deutsch? Dafür braucht es heute keine Sprachkenntnisse mehr. Übersetzungsprogramme und KI-Textgeneratoren machen aus ein paar Stichworten in Sekunden einen natürlich klingenden Beitrag. Fehlerfreies Deutsch sagt deshalb kaum noch etwas darüber aus, wer hinter einem Profil steckt.
Was in Australien bereits untersucht wurde
Was die deutschen Gruppenmitglieder beschreiben, ähnelt auffällig einem Phänomen, das in Australien bereits systematisch untersucht wurde. Im Juni 2026 analysierte Guardian Australia 14 große Facebook-Gruppen von Unterstützern der australischen Partei One Nation, jede mit mindestens 8.000 Mitgliedern. Mehrere der größten Gruppen wurden laut der Zeitung offenbar aus dem Ausland betrieben, häufig von Profilen mit Bezug zu Indonesien. Admins und eifrige Poster traten als „Digital Creator“ auf und boten Abos an. Der Medienforscher Timothy Graham von der Queensland University of Technology sprach von einer offenbar überwiegend indonesischen „Engagement Farm“, also einem Betrieb, der gezielt Reaktionen sammelt.
Einige dieser Creator veröffentlichten Screenshots ihrer Einnahmen. Einer davon zeigte 20 US-Dollar für zwei Beiträge mit zusammen 50.000 erreichten Personen. Im August folgte eine zweite Recherche. Der Guardian sprach mit einer Creatorin aus West-Java, die in Facebook-Gruppen rund um die australische Politikerin Pauline Hanson und den US-Aktivisten Charlie Kirk postet und damit über Metas Monetarisierung Geld verdient. Für die Politik dieser Länder interessiere sie sich kaum, sagte sie. Entscheidend sei, in welchen Gruppen sich Reichweite und Einnahmen erzielen lassen.
Auch wie sie diese Gruppen findet, beschrieb sie. Ein Teil kommt über Empfehlungen von Facebook selbst. Den Rest liefern indonesische Facebook- und WhatsApp-Gruppen, in denen sich Creator austauschen, welche ausländischen Gruppen sich lohnen. Das Thema ist dabei zweitrangig – es zählt, wo Menschen reagieren. Sieben der 14 Gruppen aus der Juni-Recherche hat Meta inzwischen gesperrt.
Warum ausgerechnet Indonesien?
Ein Grund ist die schiere Größe der indonesischen Creator-Szene auf Facebook. Das Technikmagazin Rest of World hat im Februar 2026 Daten des Meta Monetization Archive ausgewertet, einer Sammlung der gemeinnützigen Organisation What To Fix. Demnach gab es im Jänner 2026 weltweit rund 12 Millionen Facebook-Konten, die mit ihren Inhalten Geld verdienen können. Rund 1,7 Millionen davon posten auf Indonesisch. Das ist nach Englisch die mit Abstand größte Sprachgruppe.
Facebook bezahlt Creator nach Leistung, also danach, wie gut ihre Inhalte beim Publikum ankommen. Nach Angaben von Meta flossen 2025 fast drei Milliarden US-Dollar an Creator, rund 60 Prozent davon für Reels, also kurze Videos. Der Rest entfiel auf Stories, Fotos und Textbeiträge. Das Programm ist laut Meta nur auf Einladung zugänglich. Ob auch ein Beitrag in einer fremden Facebook-Gruppe darunter fällt, geht aus Metas Unterlagen nicht eindeutig hervor.
Meta kennt das Problem mit kopierten Inhalten. Im März 2026 kündigte der Konzern an, bloß kopierte oder kaum veränderte Inhalte seltener anzuzeigen. Wer überwiegend solche Inhalte postet, kann laut Meta die Monetarisierung verlieren.
Und das Wohnmobil-Profil?
Arbeitet auch der von uns untersuchte Account nach diesem Modell? Das können wir nicht beweisen. Auffällig ist aber, wie viele Merkmale übereinstimmen. Das Profil hat mehr als 7.000 Follower und postet auf der eigenen Seite fast nur auf Indonesisch. Der deutschen Wohnmobilgruppe trat es am 27. September 2026 bei, in den Tagen danach erschienen dort zwei passgenaue Stellplatz-Beiträge.
Neben „Folgen“ gibt es einen Button „Abonnieren“. Mit dieser Facebook-Funktion können Fans einem Creator jeden Monat Geld zahlen. Unter einem eigenen Beitrag ruft das Profil auf Indonesisch sinngemäß dazu auf: Wer sich mit dem Abonnieren nicht auskennt, soll einfach jeden Beitrag liken, kommentieren und teilen.
Auch das Netzwerk des Profils fällt auf. Die Accounts, denen es selbst folgt, sind in dem von uns eingesehenen Ausschnitt stark indonesisch geprägt. Unter den sichtbaren Followern finden sich dagegen Accounts aus Deutschland, Australien, Amerika, dem Nahen Osten und vielen weiteren Ländern. Wie Facebook diese Listen sortiert, ist nicht bekannt, sie sind also keine repräsentative Stichprobe.
Das Profilbild haben wir mit dem KI-Detektor von Hive geprüft. Das ist ein Programm, das abschätzt, ob ein Bild von einer künstlichen Intelligenz erzeugt wurde. Hive stuft das Bild mit 99,9 Prozent als KI-generiert ein und nennt als wahrscheinlichste Quelle den Bildgenerator „Imagen 4“. Die Zahl beschreibt, wie sicher sich das Programm ist – ein Hinweis, kein Beweis.
Als andere Mitglieder das Profil auf das Foto ansprachen, antwortete es in der Gruppe: „Ich verdiene damit kein Geld, ich teile nur schöne Orte.“ Ob das stimmt, wissen wir nicht.
Das dokumentierte Muster – und unser Fall
Was der Guardian bei indonesischen Creatorn beschrieben hat, daneben, was wir beim Wohnmobil-Profil sehen.
Merkmal
Guardian-Fälle
Wohnmobil-Profil
Bezeichnung „Digital Creator“
Ja
Ja
Postet in Gruppen eines anderen Landes
Ja, in Australien und den USA
Ja, in einer deutschen Wohnmobilgruppe
Inhalte passen genau zur Gruppe
Ja
Ja, zwei Stellplatz-Beiträge
Bietet Abos an
Ja, teilweise
Abo-Button sichtbar
Einnahmen belegt
Ja, durch Screenshots und eigene Aussagen
Nicht bekannt. Das Profil sagt, es verdiene damit kein Geld.
Können solche Profile eine Gruppe übernehmen?
Diese Sorge stand auch in der Nachricht unserer Leserin. Durch häufiges Posten wird niemand Admin. Laut Facebook-Hilfe können nur bestehende Admins andere Mitglieder zu Admins oder Moderatoren machen. Dass Creator aus dem Ausland selbst große Gruppen betreiben, ist dokumentiert. Für eine geplante Übernahme der Wohnmobilgruppe gibt es aber keinen Hinweis, ebenso wenig für Phishing oder Betrug.
Wenn die Gruppe zur Zielgruppe wird
Was wie ein etwas seltsamer Campingbeitrag aussieht, gehört möglicherweise zu einer viel größeren Veränderung auf Facebook. Gruppen sind längst nicht mehr nur Orte, an denen Menschen mit demselben Hobby miteinander reden. Sie sind auch fertige Zielgruppen – und damit attraktiv für Creator, die Reichweite suchen. In Indonesien ist daraus eine riesige Facebook-Ökonomie entstanden. Dass solche Accounts auch in deutschen Wohnmobil-, Garten- oder Urlaubsgruppen auftauchen, überrascht deshalb weniger, als es auf den ersten Blick scheint.
Zum Mitnehmen
Drei Fragen bei verdächtig perfekten Gruppenbeiträgen
- Passt das Profil zum Beitrag?Seit wann ist es in der Gruppe? Worüber postet es sonst? Nicht die Herkunft zählt, sondern ob die Geschichte zum Profil passt.
- Woher stammt das Foto?Eine Rückwärtssuche, etwa mit Google Lens, zeigt in Sekunden, ob das Bild schon anderswo im Netz steht.
- Was will der Beitrag von mir?Ein Like, einen Kommentar, eine Antwort? Jede Reaktion macht einen Beitrag sichtbarer.
The Guardian
10. August 2026
Guardian Australia
28. Juni 2026
Rest of World
18. Februar 2026
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