Wieduwilts WocheJürgen Klopp for Bundespräsident!

Während die Regierung gegen den Zusammenbruch ankämpft, nennt Frank-Walter Steinmeier Teile der Bevölkerung „vulgär“. Wenigstens bleibt die Formulierung in Erinnerung – wenn schon sonst nichts aus seiner Amtszeit.
Wir leben in Zeiten, die nach einem kraftvollen Bundespräsidenten brüllen: Die sogenannten kleinen Leute sind verunsichert. Sie wissen nicht mehr weiter, weil die Mächtigen sich nur zoffen und die Regierung so stabil wirkt wie ein Jenga-Turm im Endstadium.
Leider haben wir aber nur einen Frank-Walter Steinmeier, einen Amtsinhaber, von dem, sofern er nicht noch irgendeinen irrwitzigen Skandal produziert, nach Amtsende im März 2027 voraussichtlich wirklich überhaupt gar nichts bleiben wird.
Ja, ich weiß: Wen interessiert der Bundespräsident? Sie haben ja nicht unrecht, unwirsche Leserin, unwirscher Leser: Man kann Steinmeiers Amt mit guten Gründen für eine Art Bundesstempelkissen für Gesetzentwürfe halten und für seine ersatzlose Abschaffung plädieren – doch ein paar Chancen böten sich dem Sozialdemokraten ja doch, wenn er sie denn nur ergriffe.
Klopp und der Elfmeter für den Nationalstolz
Eine Rede etwa, die das Vakuum auffüllt, das der zu Kommunikation nicht fähige Bundeskanzler hinterlässt, wäre ein guter Anfang. Ein Appell, zum Beispiel, vielleicht sogar eine Ermahnung an das arg reformscheue Volk, eine Ruckrede – oder eine identitätsstiftende Ansprache.
Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama („Ende der Geschichte“ und so weiter) hat gerade noch einmal bei „Lanz“ gesagt, was er schon ziemlich häufig gesagt hat: Dass Demokratien auf ein Gefühl nationaler Identität angewiesen seien. Nationale Identität: Das ist ja eigentlich ein Igittigitt-Thema, dass man Schmuddelblättchen wie der „Jungen Freiheit“ überlässt oder der AfD.
Doch nun hat sogar die mild-linke „Zeit“ mit dem durchaus linken Bernd Ulrich diesen Aspekt gerade akzeptiert. Wie kam das? So: Ein berühmter Fußballer hat der Zeitung die Erlaubnis zum Nationalstolz quasi auf den Elfmeterpunkt gelegt.
„Fahne zurückholen“
Bundestrainer Jürgen Klopp höchstselbst sagte kürzlich nämlich dies: „Kann man stolz darauf sein, Deutscher zu sein, und trotzdem offen und trotzdem vielfältig und trotzdem nett, freundlich? Kann man Mitgefühl haben? Ich bin hundertprozentig sicher, ja.“
Das ist eine interessante These. Offenbar gehen wir bislang davon aus, dass jemand, der „stolz auf Deutschland“ ist, zugleich zwangsläufig ein fieser, unfreundlicher Psychopath sein muss. Gut, dass wir das geklärt haben!
Wer jetzt kurz daran dachte, wie die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel einem Parteikollegen die Deutschlandflaggen aus den Händen riss, vermutlich, damit auch dieser nicht zu einem fiesen, unfreundlichen Psychopathen mutierte, für den hat Kloppo auch noch einen Satz parat: „Ich würde mir oder uns gerne die Fahne zurückholen, wenn ich ganz ehrlich bin.“
Den Satz fand die „Zeit“ dermaßen vorbildlich, national und gut, dass sie dem Regierungssprecher empfahl, die Pressekonferenz des Bundestrainers gleich mehrfach anzusehen. Jawoll!
Vulgär kommt nicht von Pupswitz
Tja, so eine Klopp-Ansprache hätte ganz gut in die Münder der Herren Merz oder vielleicht Steinmeier gehört, da haben die „Zeit“ und Bernd Ulrich ja recht. Aber Merz’ Sache ist das Wecken von Emotionen nicht – und Steinmeier hat grad Besseres zu tun, als das Volk zu motivieren: nämlich, es ein bisschen zu beschimpfen.
Bei einer feinen Feier zum 75. Geburtstag des Bundesverfassungsgerichts ermahnte Steinmeier vor ein paar Tagen „Vulgärdemokraten, die unter Berufung auf demokratische Mehrheiten und den angeblichen Volkswillen für sich unbeschränkte Macht fordern“.
Vulgärdemokraten? Hier lohnt es sich womöglich, in die Etymologie des Wortes „vulgär“ einzutauchen. Dabei denken viele vermutlich an „Werner“-Filme, Bier und Pupswitze. Das Wort stammt allerdings vom Lateinischen „Vulgus“ und bedeutet, huch, Volk, wenn auch bisweilen in abwertender Konnotation („Pöbel“).
Sorge um den Kanzler
„Vulgärdemokratisch“ ist also gewissermaßen die organisierte Volkesvolksherrschaft. Wollte Steinmeier das wirklich sagen? Gibt es denn eine Demokratie, die nicht „vulgär“ also vom Volke kommt? Auch fragt man sich ein bisschen, wer eigentlich gerade „unbeschränkte Macht“ fordert. Dazu sagt Steinmeier leider nichts.
Sein Redenschreiber hat das Wort „Vulgärdemokratismus“ vielleicht beim Politikwissenschaftler Hubertus Buchstein aufgegabelt, der unter diesem Begriff grad Vorträge hält. Volksnah ist anders – aber Steinmeier reicht es vermutlich, wenn er akademisch-schneidig klingt.
Am Dienstag rief Steinmeier dann noch beim Bundesfinanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil und dem Bundesinnenminister Alexander Dobrindt durch. Warum? Offenbar kam dem Bundespräsidenten beim Verfassungsjubiläum der Kanzler etwas blass vor, jedenfalls treibt ihn seither die Sorge um, das Land könnte in eine „Staatskrise“ schlittern – so berichten es Medien übereinstimmend.
Knirscht oder platzt die Koalition?
So schrecklich überraschend ist diese Entwicklung nicht: Union und SPD zerrt es seit den Landtagswahlen in entgegengesetzte Richtungen wie Rot, Grün und Gelb in seligen Ampelzeiten. Ob Zucker-, Einkommensteuer oder Sozialversicherungen: Die Koalitionäre führen gerade die Floßszene aus „Titanic“ auf, aber sind sich noch nicht einig, wer als Jack ertrinkt und wer sich als Rose rettet.
Seit inzwischen mehr als einem Viertel Jahr debattiert das Land über die Zukunft des Bundeskanzlers! Damals, im Mai, war der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst in Polen zu Besuch und machte dabei eine so bedenklich gute Figur, dass diverse Medien besorgt zum Kanzler herüberschauten.
Heute, nach den vergeigten Landtagswahlen, hat Friedrich Merz eine kurzweilige Stabilisierung (durch den Brief von acht Ministerpräsidenten) offenbar schon wieder überwunden. Bei Schwarz-Rot „knirscht“ es, schreiben die vornehmeren Medien – andere fragen direkt, ob nun die Koalition „platzt“.
Ampel-Déjà-vu
Der Vulgus, das Volk, die Horde, wir alle also, können da nur noch die Augen rollen. Wir haben uns geradezu gewöhnt an Regierungen im Ausnahmezustand. Man habe ein Ampel-Déjà-vu, heißt es bei Hauptstadtjournalisten, weil sowohl Union als auch SPD emsig an ihren Erzählungen stricken, warum es denn der jeweils andere Partner gerade durch übertriebene Ansprüche versemmelt habe.
Wenn diese Koalition scheitert, bleibt von den Reformen, wie gut oder schlecht man sie finden mag, nichts. Das wäre, wenn ich es vulgär ausdrücken darf, echt scheiße.
