Was von der „Ostfrau“ übrig istWie haben Frauen aus der DDR Deutschland geprägt?

Das Klischee der “Ostfrau” hält sich hartnäckig. Doch dahinter stehen reale Erfahrungen, die bis heute weitergetragen werden und Frauen in der ganzen Bundesrepublik seit der Wende beeinflussen.
Unabhängig, berufstätig, sexuell freizügig: Die Liste der Klischees über die sogenannte „Ostfrau“ ist lang. Auch 36 Jahre nach der Wiedervereinigung hält sich das Bild der starken, unabhängigen, karriereorientierten Alleskönnerin. Aber wie prägten die Vorstellungen und Erfahrungen von Frauen aus der DDR Deutschland?
„Die Ostfrau gibt es natürlich nicht“, stellt Annette Schuhmann im Gespräch mit ntv.de klar. Sie ist Autorin, Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung. „Der Begriff ist eine Konstruktion“, sagt die Historikerin. Sie zieht den Begriff des „ostdeutschen Erfahrungsraum“ des Historikers Sascha Kowalczuk vor. Er spricht nicht von einer homogenen ostdeutschen Identität, sondern von einem „ostdeutschen Erfahrungsraum“: Menschen aus der ehemaligen DDR teilen demnach bestimmte Erfahrungen, die maßgeblich durch die Normierung sämtlicher Lebensbereiche durch Partei und Staat geprägt wurden.
Für Frauen gehört dazu die Erfahrung, dass sie genauso selbstverständlich arbeiten gingen wie Männer. In den 1980er Jahren waren in der DDR über 90 Prozent der Frauen (inkl. Lehrlinge und Studierende) berufstätig und verdienten ihr eigenes Geld. „Es war für die allermeisten Frauen eine Selbstverständlichkeit berufstätig und dementsprechend finanziell unabhängig von Mann oder Partner zu sein“, sagt die Kulturwissenschaftlerin Clara Marz im Gespräch mit ntv.de. Sie ist Referentin bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. „Als Frau finanziell unabhängig und gleichberechtigt seinem Partner gegenüber zu sein, ist eine Vorstellung, die viele ostdeutsche Frauen in die Wiedervereinigung mitbrachten“, sagt Marz. „Politisch steckten dort natürlich andere Dinge dahinter, die hohe Erwerbstätigkeit beruhte schließlich nicht vollständig auf Freiwilligkeit“, betont Marz. In der DDR herrschte für jeden arbeitsfähigen Bürger die Pflicht zur Arbeit.
Die Fotografin Isabell Kittler erinnert sich an diesen Druck. Sie wurde 1966 in Rostock geboren und hat 36 unterschiedliche Frauen aus dem Osten in einem Buch porträtiert. „Wir mussten so stark sein, weil wir arbeiten mussten und weil wir funktionieren mussten“, sagt Kittler. „Wir sind unabhängig geworden, weil wir alle gearbeitet haben. Das ist gesellschaftlich bedingt, das habe ich mir nicht ausgesucht.“ Kittler verweist auf Strafen, die im Gegenzug drohten: „Wenn du gesagt hättest, du gehst nicht arbeiten, dann hätten sie dich sofort eingesperrt.“ Das hieß damals „asozial“, sagt sie. Die DDR sanktionierte das Nichtarbeiten vorwiegend über § 249 StGB der DDR, umgangssprachlich als „Asozialenparagraphen“ bekannt. Der Tatbestand wurde als „Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit durch asoziales Verhalten“ bezeichnet.
Kinderbetreuung ermöglicht Arbeit
Die DDR-Regierung schuf Rahmenbedingungen, die Frauen den Zugang zum Berufsleben erleichterten. Historikerin Schuhmann stellt klar, dass die Gleichstellung in der DDR nicht gleich mehr Selbstbestimmung bedeutet: „Es gab zwar Bereiche, die zugunsten von Frauen organisiert waren, wie das Abtreibungsrecht oder die Unabhängigkeit von der Entscheidung eines Ehemanns arbeiten zu gehen“, so Schuhmann. „In allererster Linie wollte man aber Frauen für die Arbeit gewinnen, da es bis zum Ende der DDR einen ungeheuren Arbeitskräftemangel gab.“ Dafür wurde in der DDR ein breites Netz an Kinderbetreuungsmöglichkeiten geschaffen. Sie stellt klar: „Diese Einrichtungen gab es auch nicht überall gleich flächendeckend und über den gesamten Zeitraum der DDR. Besonders in den 1950er und 1960er Jahren gab es große Mängel.“
Dieser geförderte Ausbau der Kinderbetreuung, der Erwerbsarbeit ermöglichte, ist bis heute ein zentraler Punkt in der Debatte über Teilzeitbeschäftigung und Gleichstellung von Frauen. „Wenn Kinderbetreuungseinrichtungen vorhanden und ausgebaut sind, besteht für Frauen die Möglichkeit eine höhere Wochenarbeitszeit zu arbeiten. Nicht nur in Teilzeit, sondern auch in Vollzeit“, sagt Marz. Das beeinflusste auch die Zeit nach der Wende. „Das war eine ganz normale Lebenserfahrung, die viele ostdeutsche Frauen mit in die Wiedervereinigung gebracht haben, wo es für sie natürlich auch ein Gewinn war“, so Marz. Sie betont, dass diese Erfahrungen auch in der aktuellen Debatte wertvoll wären: „In den ostdeutschen Bundesländern ist die Kinderbetreuungsquote höher als in den westdeutschen. Es arbeiten mehr Frauen in Vollzeit.“ Sie betont: „Diese Möglichkeit hat auch etwas sehr ökonomisch sinnvolles.“
Frauen in Führungspositionen
Dass eine Frau, arbeitet und ihr eigenes Geld verdient, ist in Deutschland mittlerweile normal. Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, dass die Erwerbstätigkeit von Frauen seit 1991 bundesweit um 30 Prozent gestiegen ist. Im Jahr nach der Wiedervereinigung war bereits mehr als die Hälfte der Frauen (57 Prozent) berufstätig. In den östlichen Bundesländern hatten 1991 noch mehr Frauen (66 Prozent) einen Job als in den westlichen (57 Prozent). Im Jahr 2024 haben sich diese Werte angeglichen. Deutschlandweit arbeiten knapp drei Viertel aller Frauen (74 Prozent).
Bei Frauen in Führungspositionen zeigen sich Abweichungen.“Der Unterschied ist marginal, aber im Osten sind 32 Prozent der Frauen in Führungspositionen, während es im Westen nur 27 sind“, sagt Marz. Das seien Nachwirkungen der DDR, die über die Generationen weitergegeben werden: „Rollenbilder, wie man die Mütter oder Großmütter beim Heranwachsen sieht, haben dabei Einfluss.“
Es seien nur geringe Abweichungen, „aber es gibt ein paar Prozentpunkte Unterschied. Das sind Sachen, wo man hinschauen und für alle Frauen etwas zum Thema Gleichberechtigung und Emanzipation mitnehmen kann.“
Frauen passten sich besser an
Die Wiedervereinigung bedeutete auf einen Schlag eine große Veränderung für alle DDR-Bürger und Bürgerinnen. „Es gab einen Bruch in der Gesellschaft, der alle Familien betraf“, betont Schuhmann. Das ging einher mit einem hohen Maß an Arbeitslosigkeit. „Es war wie ein Sturm, der durch die ehemalige DDR zog und der, verursacht durch einen nahezu flächendeckenden Prozess der Deindustrialisierung eine unglaubliche infrastrukturelle Wüste hinterließ“, so Schuhmann.
Marz spricht von vielen enttäuschten Erwartungen: „Nach dem Fall der Mauer waren die Hoffnung und die Erwartung an ein freiheitliches Leben, viele Möglichkeiten und mehr Wohlstand groß“, sagt sie. „In der wirtschaftlichen sehr harten Realität der 1990er Jahre waren viele schnell ernüchtert.“ Auf einmal änderte sich die gesamte Lebenssituation: „Es gab kaum Familien ohne Arbeitslosigkeit. Über 80 Prozent der erwachsenen Menschen musste ihren Beruf wechseln, weil wirtschaftlich umstrukturiert wurde.“
„Frauen haben sich darin anders bewegt als Männer“, sagt Schuhmann. „Sie waren mobiler und sind der Arbeit im größeren Maße als Männer hinterhergezogen.“ Marz bestätigt: „Frauen konnten sich besser anpassen. Sie haben sich mit den verschmelzenden Systemen mitbewegt.“
Männer dominieren Machtpositionen
Nur weil Frauen aus der DDR sich dem neuen System teils leichter anpassten als Männer, hieß das nicht, dass sich ihre rechtlichen Positionen in allen Fällen verbesserten. „In den Verhandlungen nach der Wiedervereinigung sind viele Themen, die Frauen betreffen, hintenüber gefallen“, sagt Marz. Als Beispiel nennt sie den Paragraphen 218, der den Schwangerschaftsabbruch regelt. „In der DDR war Abtreibung legal, das Thema war ostdeutschen Frauen eigentlich ein wichtiges Anliegen“, so Marz. Warum manche Themen verhandelt wurden und andere nicht, liegt auf der Hand: „Viele Positionen waren einfach von Männern besetzt und Frauen waren unterrepräsentiert.“
Das war bereits vor der Wende so. In der DDR lag die Macht beim Politbüro der SED. Von 1949 bis 1989 wurde dort keine einzige Frau Vollmitglied. Nach der Wiedervereinigung stieg der Frauenanteil im Deutschen Bundestag erstmals über 30 Prozent. Das hat sich 36 Jahre später nicht groß verbessert: Der Frauenanteil im Deutschen Bundestag liegt derzeit nur knapp darüber bei 32,4 Prozent. In den Landesparlamenten sieht es ähnlich aus (33,2 Prozent).
Wie also prägten die Vorstellungen und Erfahrungen von Frauen aus der DDR die heutige Bundesrepublik? Die Historikerin Schuhmann spricht von gesellschaftlichen Strömungen. Diese seien aus der DDR in der gesamten Bundesrepublik angekommen. „Ganz vorn steht, dass Frauen arbeiten und sich zu Wort melden“, betont sie. „Es ist einfach ein ganzes Land hinzu gekommen, mit den Einstellungen und Werten, die die Menschen haben. Und das verwebt sich in den beiden ehemaligen deutschen Staaten.“ Und in den Frauen von heute.
