Sehnen nach vertrauten AbläufenWarum Vergangenes so attraktiv wirken kann

Früher war alles besser: Eine komplizierte Gegenwart kann zu nostalgischer Verklärung führen. Die Ansicht, besonders krisengeschüttelt zu sein, haben wir heute aber nicht exklusiv, sagt der Historiker Tobias Becker.
Es braucht nicht viel, schon ein Lied im Radio kann uns unvermittelt in längst vergangene Zeiten katapultieren. Sofort schwelgen wir in Erinnerungen an die erste Beziehung oder eine lange Autofahrt in der Kindheit. Wie schön es damals war, so unbeschwert. Zwischenzeitlich aus dem Gedächtnis verbannte, weil eher peinliche Musik- oder Mode-Abschnitte des Lebens können wir mit einigen Jahren Abstand spielend romantisieren. Und war nicht auch die Welt als ganze schon mal weniger kompliziert? Es kann in diesen Tagen sehr verführerisch sein, sich der Nostalgie hinzugeben.
„Ich kann mich jetzt an diesen Familienurlaub erinnern, aber ich kann ihn nicht noch mal durchleben. Das ist schön und schmerzhaft, also bittersüß“, sagt Tobias Becker, Historiker an der Freien Universität Berlin und Autor von „Heimweh nach gestern – Eine Geschichte der Nostalgie in Deutschland“, im Gespräch mit ntv.de. Nostalgie sei eine Sehnsucht, die nicht befriedigt werden könne. „Wenn ich etwas aus der Vergangenheit vermisse, fehlt mir das vielleicht in der Gegenwart und ich möchte es in der Zukunft wieder haben.“ Dass sich Menschen vollkommen in der Vergangenheit verlieren und den Bezug zur Gegenwart verlieren, sei sehr unwahrscheinlich.
Die Psychologie bezeichnet den menschlichen Impuls, die Vergangenheit zu verklären, als „Rosarote Rückschau“. Wir neigen dazu, vergangene Erlebnisse positiver zu bewerten, als sie tatsächlich waren. Herrscht in der Gegenwart das Gefühl des ständigen Kontrollverlustes, kann diese Rückschau Kontinuität und Sicherheit bieten. Wir erinnern uns selten an den langweiligen oder stressigen Alltag von früher, sondern an Höhepunkte wie Urlaube, Feiern oder prägende Momente.
Ihren Ursprung hat die Nostalgie im späten 17. Jahrhundert. „Der Begriff stammt aus der medizinischen Fachsprache und bezog sich ursprünglich auf das Heimweh, also die Sehnsucht nach einem Ort“, sagt der Historiker. Seine heutige Bedeutung als Sehnsucht nach der Vergangenheit habe der Begriff erst 200 Jahre später angenommen. „Beides ist natürlich miteinander verschränkt: Wenn man sich nach dem Zuhause sehnt, sehnt man sich auch ein bisschen nach früher.“
Ihren popkulturellen Stellenwert erhielt die Nostalgie in den 1960er Jahren in England und in den frühen 1970er Jahren auch in Deutschland. „In den 1970er Jahren gab es ein großes Revival der Musik und Mode der 1950er und zum Teil auch der 1940er Jahre. Man brauchte einen Begriff, um diese popkulturellen Phänomene zu erklären.“ Ausgangslage waren die Krisen der 1970er Jahre: Ölpreiskrise, Rezession, Arbeitslosigkeit und ein vorläufiges Ende des Konsumwunders.
Probleme, die uns aus der Gegenwart bekannt sind und sich mit globalen Einflüssen, Kriegen und Klimawandel heute kaum leichter lösen lassen. Das Generationenversprechen, wonach es jeder nachfolgenden Generation wirtschaftlich und sozial besser gehen wird als der vorherigen, ist gefährdet. War Nostalgie jemals nachvollziehbarer als heute? „So neu ist dieses Krisenempfinden nicht“, sagt Tobias Becker. Wir würden immer zur Einschätzung tendieren, die eigene Gegenwart sei besonders von Herausforderungen geprägt. „Aber die Menschen waren früher auch schon von Beschleunigung überfordert, von technischen Entwicklungen.“
Früher war nicht alles besser – aber manches
Seitdem gab es in fast allen Lebensbereichen historische Errungenschaften und technologische Durchbrüche: Das Internet veränderte die weltweite Kommunikation und den Zugang zu Wissen, der Medizin gelang es, die Pocken auszurotten und mit dem MRT neue Einblicke in den Körper zu erhalten, die extreme Armut ist gesunken, Gleichstellungsrechte haben sich etabliert, Photovoltaik und Windkraft sind zu günstigen Quellen der Stromerzeugung gereift. Vom vereinfachten „Früher war alles besser“ kann also nicht die Rede sein – was nicht bedeutet, dass es keine Rückschritte geben kann: „Natürlich gab es in der Vergangenheit Bereiche, die besser waren: Die Mieten waren bezahlbar, die Krankenversicherung hat mehr Leistungen übernommen. Deswegen ist es problematisch zu sagen, die Leute liegen falsch, wenn sie etwas vermissen.“
Es sei durchaus möglich, in der Vergangenheit Lösungen für gegenwärtige Probleme zu finden. „Windkraft war über Jahrhunderte hinweg der Standard, um Flüsse zu regulieren oder Korn zu mahlen. Jetzt verwenden wir sie wieder, um Elektrizität zu erzeugen.“ Aber gerade daran entspinnt sich ein Kulturkampf, über Windkraft als Errungenschaft herrscht eben keine Einigkeit. „Wir können uns gesellschaftlich sehr schwierig darauf einigen, was Fortschritte für alle bedeuten“, sagt Tobias Becker. In vielen Fällen, etwa bei der Energiewende, seien die Probleme und Lösungen gleichermaßen bekannt, aber viele Menschen würden sich dennoch verweigern. „Wer starr daran festhalten will, wie es mal war, ist nicht nostalgisch, sondern verweigert sich der Realität.“
Das Festhalten am Gewohnten könne als Selbstschutz vor Lebenslügen dienen. Wer heute gegen E-Autos wettere, wolle damit womöglich übertönen, mit dem Verbrenner jahrelang die Umwelt belastet zu haben. Dabei spiele es keine Rolle, dass E-Autos als Alternative früher gar nicht zur Verfügung gestanden hätten. „Man will sich nicht eingestehen, dass die eigene Lebensführung und der Umgang mit Ressourcen nicht die besten waren.“ Von solchen Reflexen würden politisch wiederum jene profitieren, die vermeintlich einfache Lösungen auf komplexe Probleme anbieten.
„Populisten ziehen die Vergangenheit heran, um damit Systemkritik in der Gegenwart zu legitimieren“, sagt Tobias Becker. Der in Ostdeutschland besonders starke Zuspruch für die AfD wird häufig über die DDR-Historie zu erklären versucht, die regional eigene Form der Nostalgie: die Ostalgie. Ein Begriff, der immer negativ besetzt war, weil man Menschen, die sich nach etwas aus ihrem früheren Leben sehnten, unterstellte, sich damit auch den Unrechtsstaat zurückzuwünschen. „Ich bin nicht überzeugt, ob es die große Ostalgiewelle in den 1990er Jahren gab“, so Becker. Wer weiter aus dem Osten stammende Produkte wie Rotkäppchen-Sekt oder Spee-Waschpulver kaufte, habe damit sicher keine Sehnsucht nach der DDR zum Ausdruck gebracht. Stimmen, dieses Land behalten zu wollen, seien damals die absolute Ausnahme gewesen.
„Es ist nach der Wendezeit viel Porzellan zerbrochen, weil man den Ostdeutschen immer vorgeworfen hat, dass sie in dieser Zeit hängen bleiben, statt die Transformation zu akzeptieren“, sagt der Historiker. Das habe zu vielen Verletzungen beigetragen, die heute politisch durchschlagen würden. Deshalb könne man heute sogar eher von Ostalgie sprechen als in den 1990er Jahren. „Mir gefällt der Begriff allerdings nicht, denn was wir heute sehen, ist eine knallharte Geschichtsverzerrung.“
Das Wissen über die DDR sei wenige Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung gering ausgeprägt. „Wenn es heißt, in der DDR gab es keine Arbeitslosigkeit, ohne zu erklären, welches Zwangssystem dahinterstand, ist das ein großes Problem.“ Viele Menschen hätten ihre Vergangenheit ihren Kindern gegenüber verzerrt, um selbst besser dazustehen. „Erinnerungen werden im Nachhinein so umstrukturiert, dass sie eine sinnvolle, oft heldenhafte oder gemütliche Lebensgeschichte ergeben.“ Auch in diesen Fällen gehe es aber selten um die Vergangenheit oder die DDR selbst – sondern um die Unzufriedenheit mit der Gegenwart.
