Unterrichtsausfall, marode Gebäude, ungleiche Bildungschancen: Frankreichs Schüler gehen dagegen seit Tagen auf die Straße. Auch für heute sind Proteste angekündigt – begleitet von der Sorge vor weiterer Eskalation.
Erneut haben die französischen Schülerinnen und Schüler zu landesweiten Demonstrationen aufgerufen. Sie werden unterstützt von Lehrergewerkschaften und von Studierendenvereinigungen. Sie alle wollen für bessere Bildung, weniger Unterrichtsausfall, bessere Schulgebäude und eine transparentere Vergabe der Studienplätze demonstrieren. Wegen der Ausschreitungen bei vergangenen Protesttagen ist die Polizei alarmiert.
Kurz vor den landesweiten Demonstrationen hat Bildungsminister Édouard Geffray die Schülerschaft zur Zusammenarbeit aufgerufen. Die Schüler und Schülerinnen hätten etwas zu sagen, betont der Minister und verweist auf die digitale Dialogplattform.
Stimmung im Land angespannt
Doch die Stimmung im Land bleibt angespannt. Am Montag verlor ein 15-jähriger Schüler an einem Lycée im nordfranzösischen Lens eine Hand unter noch ungeklärten Umständen durch eine Polizeigranate.
In der vergangenen Woche hatte bereits ein Schüler ein Auge verloren, ein anderer erlitt schwerste Verletzungen an Kiefer und Zähnen, nachdem – Zeugenaussagen zufolge – ein Polizist aus 1,50 Meter Entfernung eine Tränengasgranate auf ihn abgefeuert hatte.
Ungezügelte Gewalt gegen Schulen
Zugleich werden immer wieder Schulen und Direktoren Opfer von ungezügelter Gewalt: Vor einem Lycée in Paris legten Unbekannte Feuer. Schockiert berichtete die Direktorin Carole Zerbib im Fernsehsender BFM, dass Schüler volle Mülleimer und Fahrräder angeschleppt und direkt vor der Tür angezündet hätten. So eine Gewalt habe sie selten erlebt.
Der Vorfall ereignete sich, während im Gebäude rund 100 Schüler zum Unterricht versammelt waren. Hinter solch krassen Gewalttaten scheinen häufig schulfremde Täter zu stecken. Das betonen Schulleiter ebenso wie der Bildungsminister.
Im Zusammenhang mit Vandalismus will die Regierung jetzt schnell den schon länger geplanten Gesetzesentwurf „casseur-payeur“ auf den Weg bringen, der den Behörden erleichtern soll, diejenigen zur Kasse zu bitten, die Gegenstände im öffentlichen Raum demolieren.
Polizisten sollen sich „nicht zurückhalten“
Während der Bildungsminister am Tag vor den landesweiten Protesten eine Schule besuchte und versuchte, die Lage durch den direkten Kontakt mit den Schülern und Schülerinnen zu deeskalieren, hatte Innenminister Laurent Nuñez Ende letzter Woche betont, es gebe keinerlei Anweisung an die Polizisten, sich zurückzuhalten oder sich zu beschränken. Alle nicht tödlichen Waffen dürften von ihnen eingesetzt werden, um die Gewalt zu beenden.
Diese Vorgehensweise sorgt für massive Kritik – bei Politikern und Politikerinnen aus dem linken politischen Spektrum, aber auch und vor allem unter den jungen Leuten selbst, wie bei kleineren Protestaktionen in Marseille.
Dort war unter anderem zu hören: „Die Gewalt der Schüler drückt doch eine echte Wut aus. Wir unterstützen das nicht. Aber die Politik darf diese Ausschreitungen nicht missbrauchen, um unsere Bewegung zu delegitimieren.“ Und: „Die Gewalt der Demonstrierenden ist doch das Ergebnis der staatlichen und polizeilichen Repression.“
„Rechtsstaat wird mit Füßen getreten“
Während die französische Menschenrechtsliga kritisierte, dass die Polizei den Rechtsstaat mit Füßen trete, betonte Bildungsminister Geffray, dass das Demonstrationsrecht der Schülerinnen und Schüler eine Freiheit sei, die unbedingt respektiert und geschützt werden müsse.

