Reportage
Für die ukrainische Eisenbahn sind Fahrten ein gefährlicher Spießrutenlauf: Es gilt, den Zug sicher ans Ziel zu bringen – trotz Drohnen- und Raketenangriffen. Wie geht es den Mitarbeitenden der Bahn dabei?
Kurz vor acht Uhr morgens am Bahnhof von Kiew. Der Nachtzug aus Charkiw ist pünktlich, gleich geht’s weiter Richtung Polen. Lokführer Denys steigt gleich ins Führerhaus. Die Lokomotiven nehmen die Russen besonders häufig ins Visier. Kein Job für schwache Nerven. „Man kann sich auf die Gefahr nicht vorbereiten. Du kannst nur versuchen, innerlich Abstand zu der Situation zu bekommen. Und in Deinem Herzen darauf vertrauen, dass alles gut laufen wird.“
Denys hat sich an die ständige Bedrohung mittlerweile gewöhnt, sagt er. Es geht los. Der Zug ist sauber und bequem. Im Schlafwagen kann ich die Füße hochlegen und abschalten. Aber ich checke lieber nochmal die Luftalarm-App. Und halte mein Gepäck griffbereit, für den Fall, dass der Zug evakuiert werden muss. „Mut liegt in unserer DNA“, steht auf einem Plakat der ukrainischen Bahn zu lesen.
Zugchef Serhii Kovalschuk sagt: „Ja, natürlich braucht es hier Mut. Wenn wir losfahren, wissen wir nicht, ob wir auch wieder nach Hause kommen. Wir fahren ins Ungewisse. Wir sind alle mutig, weil wir keine andere Wahl haben. Wir haben diesen Job gewählt, wir müssen ihn machen.“
Gut 300 beschädigte oder zerstörte Lokomotiven seit Jahresanfang
Zwischenhalt. Kovalschuk steigt aus, kontrolliert den Bahnsteig. Auf dem Gleis nebenan steht ein Güterzug. So einer ist schon mal neben ihm in die Luft geflogen. Er hatte Sprengstoff an Bord. Glücklicherweise blieben alle unverletzt, der Zug wurde rechtzeitig geräumt, erzählt er.
Seit Beginn des Angriffskriegs vor vier Jahren hat Russland mehr als 520 Lokomotiven beschädigt oder komplett zerstört – gut 300 davon allein seit Anfang des Jahres. Bahn-Sprecher Serhii Leschenko: „Im Winter haben die Russen angefangen, Lokomotiven anzugreifen. Sie haben Jagd auf sie gemacht. Jeden Tag können wir drei, vier, fünf Loks verlieren. Das ist schon Routine. Einfach unglaublich. Russland will den Betrieb der Ukrainischen Bahn zum Stillstand bringen.“
„Evakuierung kommt bei Passagieren nicht immer gut an“
Die Reparatur gerade der Loks ist aufwändig – und kann Jahre dauern. Auch rund 400 Wagons wurden beschädigt. Die Bahn versucht, den Fahrplan aufrechtzuerhalten.
Und verfolgt genau, ob Drohnen oder Raketen im Anflug sind. Serhii Leschenko: „Unsere Erfahrung hat uns gelehrt, die Flugbahn der Drohnen zu verfolgen. Wenn sie etwa 10 Minuten vom Zug entfernt sind, kündigen wir die Evakuierung des Zugs an. Das kommt bei den Passagieren nicht immer gut an, vor allem im Winter nicht, mitten in der Nacht.“
Überzeugungsarbeit für das Überleben gefragt
Zugbegleiterin Oksana muss manchmal mit Engelszungen auf die Passagiere einreden, damit sie aufstehen und den Wagon verlassen. „Wir können es nur mit Überzeugungsarbeit versuchen. Wir sagen den Leuten: Bitte, es geht um Ihr Leben, verlassen Sie den Zug! Alle schauen wir Nachrichten, alle wissen doch, was los ist. Irgendwann versteht es jeder, keiner bleibt im Zug zurück.“
Immerhin unterstützt sich das Team hier wie eine große Familie, sagt Oksana. Oft finden sie kaum Ruhepausen. Massive Verspätungen sind häufig – wegen der ständigen Evakuierungen. Es braucht Geduld und gute Nerven.
Ein Reisender aus Charkiw hat die schon längst. Er ist auf dem Weg nach Koblenz, zu seiner Tochter: „In Charkiw werden wir jeden Tag beschossen. Hier eine Explosion, dort ein Einschlag. Daran sind wir gewöhnt.“
Nach sechseinhalb Stunden Ankunft in Lwiw – bis hier eine Fahrt ohne Störungen und ohne Verspätung. Nochmal gut zwei, drei Stunden bis zur Grenze. Im NATO-Land Polen haben Denys und sein Team dann vier Stunden Aufenthalt. Vier Stunden in Sicherheit.
