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Analyse der Stromnetzbetreiber – Rekordrenditen und massive Kritik

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 16, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Exklusiv

Stand: 16.06.2026 • 08:02 Uhr

Die Betreiber von Stromnetzen gehören laut dem Bundesverband neue Energiewirtschaft zu den lukrativsten Unternehmen in Deutschland. Demnach erwirtschafteten die größten Netzbetreiber 2024 Renditen auf Rekordniveau.

Mit einer durchschnittlichen Eigenkapitalrendite von mehr als 30 Prozent lagen die Verteilnetzbetreiber im Stromnetz auf einem Niveau, das weit über dem Durchschnitt von DAX-Unternehmen liegt. Das geht aus einer Analyse des Bundesverbands neue Energiewirtschaft (BNE) vor, die dem SWR vorliegt. Gleichzeitig gibt es harte Kritik aus der Branche der Erneuerbaren Energien, dass einige Netzbetreiber viel zu wenig in die Energiewende investierten, um ihre Gewinne zu maximieren.

E.ON-Töchter mit hohen Gewinnen

Laut der Analyse des BNE lag die Eigenkapitalrendite des größten deutschen Verteilnetzbetreibers Westnetz im Jahr 2024 bei rund 45 Prozent. Das bedeutet, dass mit jedem Euro, der investiert wird, rein rechnerisch 45 Cent Gewinn erwirtschaftet werden. Ein ungewöhnlich hoher Wert in der deutschen Wirtschaft. Auch die großen Netzbetreiber Bayernwerk Netz (38 Prozent) oder Mitnetz (43 Prozent) erreichten sehr hohe Werte. Vorgesehen sind laut Strommarkt-Regularien eigentlich Renditen zwischen drei und rund sieben Prozent.

Alle drei genannten Unternehmen gehören zum E.ON-Konzern, der über seine Tochterunternehmen fast flächendeckend am gesamten deutschen Stromnetz beteiligt ist. Sehr hohe Renditen erzielten auch EWE Netz (EWE AG) und Netze BW (EnBW).

„In Deutschland gibt es keine andere Branche, in denen die jeweiligen Marktführer auch nur annähernd so profitabel sind“, schreibt der BNE in seiner Analyse. Im Gegensatz dazu schrieben kommunale Stadtwerke mit ihren Netzen zum Teil sogar rote Zahlen.

Die Beantwortung von SWR-Anfragen an die einzelnen Netzbetreiber Westnetz, Bayernwerk und Mitnetz übernahm die Zentrale des Mutterkonzerns E.ON. Demnach erhalte man ein „verzerrtes Bild“, wenn man nur auf die Renditen schaue. Für Netzbetreiber wie Bayernwerk, Mitnetz oder Westnetz würden bei Renditen andere Berechnungsgrundlagen gelten als im Handelsgesetzbuch.

„In der Regulierung werden beispielsweise Vermögenswerte anders bewertet und über längere Zeiträume fortgeschrieben, was zu einer höheren Eigenkapitalbasis führt.“ Zudem würden auf Konzernebene bei E.ON noch Steuern auf die Gewinne der Tochterunternehmen anfallen.

Hohes Einsparpotenzial bei Netzentgelten

Da die Geschäftsberichte der Netzbetreiber keine klaren Rückschlüsse zuließen, könne man über die Gründe für die hohen Renditen nur mutmaßen, so der BNE. Dabei gebe es hier viel Einsparpotenzial: Die Studie zeigt, dass durch eine Absenkung der Eigenkapitalrenditen auf ein angemessenes Niveau Einsparungen von bis zu drei Milliarden Euro pro Jahr möglich wären.

Ein weiterer Grund sei, dass einige Netzbetreiber zum Beispiel Gewerbesteuern über die Netzentgelte erstattet bekommen, die zum Teil gar nicht abgeführt würden – ganz legal. „Geschätzt stellen alle VNB (Verteilnetzbetreiber) ihren Kunden pro Jahr rund 400 Mio. Euro an Gewerbesteuer in Rechnung, von denen vermutlich der Großteil nicht im ‚kommunalen Säckel‘ landet“, heißt es in der Analyse. Im Ergebnis seien die Netzentgelte oft zu hoch und für die Regulierungsbehörden nur schwer kontrollierbar. Erst ab 2029 soll die Bundesnetzagentur hier mehr Kompetenzen zur besseren Kontrolle bekommen.

Westnetz: Hohe Renditen und große Probleme

Die Diskrepanz zwischen Qualität und Preis scheint beim größten deutschen Netzbetreiber Westnetz besonders groß zu sein. Der Netzbetreiber gehört zu Westenergie, dem Unternehmen, dass bis Anfang 2025 von der heutigen Energieministerin Katherina Reiche geleitet wurde.

Während die Renditen der E.ON-Tochter ungewöhnlich hoch sind, gibt es nach Informationen des SWR massive Kritik, sowohl von Kunden als auch von großen Installateuren für Photovoltaikanlagen. Der Vorwurf: Vor allem die Digitalisierung der Stromnetze, um diese besser steuern zu können, werde seit Jahren verschleppt.

Einer der bundesweit größten Anbieter im Bereich der Erneuerbaren Energien, die Firma 1KOMMA5° GmbH, kennt die Probleme zum Beispiel bei der Registrierung von neuen PV-Anlagen aus eigener Erfahrung. Das Unternehmen fordert, den Druck auf die Netzbetreiber deutlich zu erhöhen: Die Bundesnetzagentur müsse den Bereich der Digitalisierung im Rahmen der Qualitätsregulierung spürbar bei der Berechnung der Eigenkapitalrendite berücksichtigen, antwortet das Unternehmen schriftlich auf Anfrage. Wer digitale Prozesse blockiert und Fristen verstreichen lasse, dürfe nicht die volle Rendite erhalten.

Die Gesetze müssten daher dringend angepasst werden: Wichtig wären vor allem die richtigen Anreize, damit mehr Strom über dasselbe Netz geschickt werden könne. Dann sänken die Netzentgelte und damit der Strompreis für alle, so 1KOMMA5°.

Fehlende Digitalisierung der Netze

Nach Recherchen des SWR gibt es auch innerhalb der Bundesnetzagentur deutliche Kritik an Westnetz. Insider berichten, dass dem Unternehmen zahlreiche Verstöße gegen Strommarkt-Regularien vorgeworfen werden. Hintergrund sind unter anderem IT-Probleme, die zu erheblichen Verzögerungen bei der Einspeisevergütung oder der Registrierung von neuen PV-Anlagen führen.

Hierzu liegt dem SWR eine interne Analyse eines großen PV-Unternehmens vor. Demnach dauern Registrierung und Bearbeitung bei Westnetz statt der vorgesehenen vier Arbeitstage oft mehr als ein Jahr. Auf SWR-Anfrage bestätigen Bundesnetzagentur und Westnetz die Probleme. Laut Westnetz habe man jetzt aber „zusätzliche Kapazitäten aufgebaut und verschiedene Maßnahmen umgesetzt“, das zeige nun Wirkung.

Druck auf Erneuerbare wird erhöht

Statt den Druck auf die Netzbetreiber bezüglich Netzausbau und Digitalisierung zu erhöhen, will die ehemalige Westenergie-Chefin und heutige Energieministerin Reiche einen sogenannten „Redispatch-Vorbehalt“ einführen. Das bedeutet, dass finanzielle Vergütungen zum Beispiel für neue Windkraftanlagen reduziert werden können, wenn das Netz als überlastet gilt. Damit soll eine zentrale Forderung des E.ON-Konzerns umgesetzt werden.

E.ON begrüßt das gegenüber dem SWR ausdrücklich: „Bisher werden neue Wind- und Solaranlagen teilweise in bekannte Netzengpassgebiete hinein gebaut und müssen dadurch häufiger abgeregelt werden. Die Betreiber werden für diese Abregelung im aktuellen System zu Lasten der Netzkunden finanziell kompensiert – die Anlagen bringen weiter ihre geplanten Erlöse, obwohl sie nicht laufen, keine Kilowattstunde grünen Strom produzieren und damit auch keine einzige Tonne CO2 verdrängen.“

Anstatt Erneuerbare Energien abzuregeln, seien Investitionen in die Stromnetze viel sinnvoller für die Zukunft, schreibt der BNE auf SWR-Anfrage: „Wir zahlen europaweit mit die höchsten Netzentgelte und finanzieren damit auch die hohen Renditen der Netzbetreiber. Gleichzeitig sind wir beim Smart-Meter-Rollout, bei der Digitalisierung und beim Netzausbau Jahre hinterher. Gesetzgeber und Bundesnetzagentur müssen nachschärfen und vor allem muss sichergestellt werden, dass die Gewinne auch im Netz reinvestiert werden.“

E.ON teilte hierzu auf Anfrage mit, dass die Netz-Töchter ihre „Investitionsplanung“ mittlerweile hochgefahren hätten. Bis zum Jahr 2030 wolle man 48 Milliarden Euro in die Netze investieren. Dass die hohen Renditen der Netzbetreiber dadurch geringer werden, glauben Fachverbände wie der BNE allerdings nicht. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ließ Fragen des SWR zu diesem Themenkomplex unbeantwortet.

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