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Politik

Ausstellung: Wie Migration die Wohnzimmer veränderte

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 22, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 22.05.2026 • 14:52 Uhr

Wie richten sich Menschen in ihrer neuen Heimat ein? Wie weit ist es vom Aufbrechen bis zum Ankommen, vom Provisorium bis zum wirklich Wohnen? Eine Ausstellung eröffnet neue Perspektiven auf die Einwanderungsgeschichte.

Eine 50er-Jahre Stehlampe, ein Teppich, zusammengerollt, ein alter Koffer, abgestellt in der Ecke, ein Kinderstuhl – auf dieses Sammelsurium von Möbeln und Gegenständen fällt der erste Blick des Ausstellungsbesuchers. Ein Interieur, irgendwo zwischen Abstell- und Wohnraum, dabei voller Erinnerungen.

Eingerichtet hat es Vlassis Caniaris 1974, für die Ausstellung „Tapetenwechsel – Migration und Mobiliar seit 1960“ im Stadtmuseum Berlin wurde es nachgestellt. Sie ist noch bis Januar 2027 zu sehen. Es ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Leben griechischer „Gastarbeiter“ in Berlin. Wie zufällig arrangiert zwischen aufgeklappten Stellwänden ist diese Leihgabe aus dem Nachlass des Künstlers beispielhaft für die offene, locker thematisch geordnete Herangehensweise des Kuratorenteams.

Die Ankunft – ein Provisorium

Statt chronologisch die Geschichte migrantischen Wohnens zu erzählen, will die Ausstellung Schlaglichter werfen, neue Einblicke geben. Angefangen mit dem Ankommen, das oft erst mal ein Provisorium war, wie die hier ausgestellten Fotos und Dokumente, die Möbel und Mitbringsel zeigen.

Auf einem Bild sieht man etwa einen jungen Mann auf einem Bett sitzen, den Koffer als Schreibunterlage auf den Knien. Auf einer anderen Aufnahme hat eine alte Frau mit Kopftuch an einem Tisch in einer großen Halle Platz genommen – einsam und doch nicht allein, zwischen um sie herum aufgestellten Betten.

Ankommen in Deutschland in den 1970er-Jahren: Am Anfang blieb den Migranten wenig Raum für die eigene Zimmergestaltung.

Um die Ecke stehen zwei Stühle – mit Namen drauf. „Turistler“ und „Hassan“ wollten sich hier nach einem langen Arbeitstag einen eigenen Sitzplatz im Arbeiterwohnheim sichern, erzählt Kurator Manuel Gogos. Weit entfernt vom alten und auch von einem neuen Zuhause kamen viele der „Gastarbeiter“ im Deutschland der 1960er-Jahre erst mal in solchen Wohnheimen unter. Andere in Baracken, alten Zwangsarbeiterlagern, manchmal sogar hinter Stacheldraht. Eher eingepfercht als eingerichtet, denn der Alltag ist in solchen Unterkünften streng geregelt.

„Am Anfang ist das ja noch konzentriertes Wohnen. Es wird organisiert, sei es von Firmen, sei es vom Staat. Es wird auch stark reglementiert durch Hausordnungen und ähnliches. Und dann ist es ein Prozess, wo man nach und nach anfängt, die eigenen vier Wände zu kreieren. Und dann spielt natürlich auch der eigene Geschmack in der eigenen Einrichtung eine immer größere Rolle“, so Manuel Gogos.

Mobiliar und Migrationsgeschichte wandeln sich

Dieser „eigene Geschmack“ ist vielfältig und multikulturell. So trifft der an einer der Stellwände gehängte bunte Wandteppich mit dem „echt deutschen“ röhrenden Hirsch auf das darunter präsentierte bunte Porträt von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk. Die orientalische Zinnkanne steht im Regal, die Biedermeier-Uhr obendrauf. Auch die in den 70ern so beliebte Schrankwand hält im migrantischen Wohnzimmer Einzug, genauso wie der Fernseher, der den Weltempfänger ersetzt.

Es gibt modern eingerichtete Zimmer – voller alter Erinnerungen und neuer Errungenschaften. Räume, die einige der Migranten und Migrantinnen für sich eroberten, gegen Reglementierungen wie etwa der 1975 vom Berliner Senat erlassenen Zuzugssperre für die Bezirke Berlin-Kreuzberg, Tiergarten und Wedding. Sie taten sich mit jungen Autonomen zusammen, besetzten Häuser und wohnten Tür an Tür. Im Osten Deutschlands kämpften dann nach dem Mauerfall DDR- Vertragsarbeiter um ihr Bleiberecht.

Der röhrende Hirsch einmal anders – als kunstvoll gewebter Wandteppich.

Politische Perspektive soll hervorgehoben werden

Viel zu selten würde die Verbindung von Migration mit Protest und Widerstand gegen Verdrängung gezeigt, meint Kuratorin Burcu Dogramaci. So mischt sich in der Ausstellung bewusst die private mit der politischen Perspektive. Erschreckend deutlich wird das anhand eines auf den ersten Blick harmlosen Wohnzimmerfotos. Auf dem Sofa in einer Wohnung in Solingen sitzt dort, am gedeckten Couchtisch, der damalige nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau neben der Familie Genç – nachdem fünf Mitglieder dieser Familie 1993 Opfer eines rechtsextremistischen Brandanschlags wurden.

„Die Anschläge, die rassistischen Attacken auf das eigene Heim wie wir es in Solingen und Mölln erlebt haben in den 90ern – auch das ist Thema hier und soll tatsächlich mit dem Thema Wohnen verbunden sein. Weil das das Intimste, das Persönlichste ist, was angegriffen wird“, so Burcu Dogramaci.

Migration prägt die Metropole Berlin

So zeigt die mit Objekten des Berliner Stadtmuseums, mit Leihgaben öffentlicher Archive, aber auch privaten Objekten bestückte Ausstellung, wie sich die Einrichtung mit der Einwanderungsgeschichte wandelt. Vieles, was hier zu sehen ist, stammt aus dem Ruhrgebiet. Im Fokus steht aber vor allem Berlin. Die „Arrival City“, wie sie auch genannt wird.

Das passt zur Aufgabe, der sich das Stadtmuseum mit dieser Schau mehr und anders stellen will, wie Sophie Plagemann, künstlerische Direktorin des Museums betont: zu zeigen, wie stark Migration diese Stadt geprägt hat.

Mit diesem „Tapetenwechsel“ will das Stadtmuseum diverser werden. Und auch, wenn man in der kleinen, konzentrierten Ausstellung eher zurückschaut und aktuelle Aspekte – wie der Generationenkonflikt auch in der migrantischen Community, wie die immer globaler werdenden Einwanderungsgeschichten – kaum behandelt werden: Die Ausstellung verschafft spannende Blicke auf ihr Thema, Migration und Mobiliar seit 1960.

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