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Politik

Brasilien: Bolsonaros Sohn greift nach der Macht

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 12, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 12.09.2026 • 12:20 Uhr

Der Sohn von Jair Bolsonaro will Brasiliens nächster Präsident werden – und setzt dabei auf einen aggressiven Ton. Rückhalt bekommt er von vielen Brasilianern, die die Verurteilung seines Vaters für ungerecht halten.

Anne Herrberg

Dass sie Brasilianer sind, ist kaum zu übersehen. Lorraine Fernandes und ihr Mann Edson haben sich in Nationalflaggen gehüllt. Er, ein Datenanalyst, trägt dazu eine kanariengelb-grüne Perücke im Irokesenschnitt. Sie, Lehrerin, eine militärgrüne Kappe mit der Aufschrift „Brasilien“.

Es ist kalt und regnerisch an diesem 7. September, dem Unabhängigkeitstag des Landes, aber das schreckt die beiden nicht ab. Schließlich stehe die Zukunft des Landes auf dem Spiel. „Wir sind hier, um Demokratie und die Meinungsfreiheit zu verteidigen und die Zukunft meines Sohnes“, sagt Lorraine. Ihr Sohn sei zu Hause geblieben, weil er Angst habe. „Man kann ja kaum noch auf die Straße gehen. Denn wir befinden uns in einer Zeit, in der die Demokratie auf dem Spiel steht.“

Schuld daran seien die Linke und der amtierende Präsident Lula da Silva, ein korrupter Dieb, wie das Ehepaar nun im Sprechchor mit 10.000 weiteren in Grün und Gelb gekleideten Menschen singt.

„Nummer eins“

Sie sind auf der Paulista, der zentralen Avenida der Millionenmetropole São Paulo, um den zu unterstützen, der Brasilien noch rettet. „Ich weiß, dass ihr hierher blickt und eine andere Person seht, die mir ähnlich sieht“, ruft Flávio Bolsonaro, die Nummer eins, wie der Vater Jair Bolsonaro seinen ältesten Sohn nennt.

„Ich möchte der Befreier des Vaterlandes sein“, ruft er von einem zur rollenden Bühne umfunktionierten LKW in die Menschenmenge. „Ich bitte Gott um die Gelegenheit, nächstes Jahr gemeinsam mit Präsident Jair Messias Bolsonaro die Rampe zum Präsidentenpalast Planalto hinaufzugehen, damit er mir die Scherbe umlegen kann und ich Brasilien in die Hände Jesu übergeben kann.“

Bundesrichter wird zur Hassfigur

Ex-Präsident Jair Bolsonaro allerdings verbüßt eine 27-jährige Haftstrafe, weil er nach seiner Wahlniederlage 2022 gegen den amtierenden linken Präsidenten Lula da Silva einen Staatsstreich plante, so urteilte das oberste Gericht Brasiliens. Doch dem trauen hier auf der Avenida Paulista noch weniger als dem linken Lula.

Insbesondere ein Bundesrichter wurde regelrecht zur Hassfigur: Alexandre de Moraes, der Diktator in einer Richterrobe, wie sie ihn hier nennen. Zwar selbst ein Rechtskonservativer, doch er leitete später den Strafprozess gegen Bolsonaro. Nun wurde öffentlich, dass er fragwürdige Kontakte zu einem Banker pflegte, der den größten Korruptionsskandal der jüngeren Geschichte des Landes ausgelöst hat.

Für Lorraine Fernandes eine Bestätigung, dass es von Beginn an ein Komplott gegen Bolsonaro gab. „Ist Alexandre de Moraes etwa in der Lage, irgendjemanden zu verurteilen? Nach allem, was jetzt noch dazu herauskommt, nein, ist er nicht.“ Lorani ist überzeugt: „Jair Bolsonaro ist ein politischer Gefangener, und wir erleben gerade die Einführung einer linken Diktatur in Brasilien.“

„Rechte aus der Deckung geholt“

Dass Bolsonaro zu Unrecht verurteilt wurde, dass es gar keinen Putsch gab – das sieht laut Umfragen etwa die Hälfte der brasilianischen Wählerschaft so. Dass Flávio Bolsonaro selbst ebenso in den Korruptionsskandal verwickelt zu sein scheint, stört seine Anhänger dabei nicht. Wieso hat der Name Bolsonaro nach wie vor eine solche Zugkraft in Brasilien?

Damit beschäftigt sich David Magalhães von der katholischen Universität São Paulo. „Bolsonaro hat einen großen Teil der brasilianischen Rechten aus der Deckung geholt. Diese Rechte hat schon immer existiert.“ Sie sei Teil der Geschichte des Landes. Einer Geschichte, die Überreste einer Sklavenhalterkultur, eine autoritäre, militärisch geprägte Vergangenheit und tief verwurzelte Vorurteile in sich trage. „Bolsonaro war die Figur, die dieser Bewegung Gestalt und ein Gesicht verlieh.“

Seinen Anhängern ganz nah: Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Juiz de Fora macht Flavio Bolsonaro ein Foto mit ihnen.

Aggressiver Tonfall

Zwar treten im rechten Lager derzeit gleich mehrere Kandidaten an, Bolsonaro aber werden die größten Chancen zugerechnet, die Wahl gegen den amtierenden Präsidenten Lula im Oktober zu gewinnen. Dabei schlägt der Sohn Nummer eins auf der Avenida Paulista, anders als noch zu Beginn des Wahlkampfes, einen aggressiven Tonfall an: gegen Abtreibung, gegen eine sogenannte Gender-Ideologie. Er verspricht eine harte Hand.

Er werde sich für chemische Kastration bei Vergewaltigern einsetzen. „Wer ein Handy stiehlt, kommt für mindestens acht Jahre ins Gefängnis und muss arbeiten, um seinen Aufenthalt zu bezahlen.“ In diesen Fragen sei er radikal. Rechter Kulturkampf, Law-and-Order-Versprechen. Dabei sucht der Bolsonarismus den Schulterschluss mit rechten Verbündeten. Bei seiner Nominierung Ende Juli sendete Israels Premier Benjamin Netanjahu eine Grußbotschaft. Argentiniens libertärer Staatschef Javier Milei war persönlich vor Ort und beschimpfte Präsident Lula als Dieb.

Enge Kontakte zu Trump

Mitten auf der Avenida Paulista ist an diesem Tag eine gigantische Aufblaspuppe von US-Präsident Donald Trump aufgebaut, die eine kleine Lula-Figur in Sträflingskleidung in die Höhe strickt. „Trump, rette Brasilien“, steht darunter. „Für mich sind die Vereinigten Staaten ein Vorbild, das Land der Freiheit, der christlichen und konservativen Werte“, sagt Lorani Fernandes.

Dabei bestrafte die Trump-Regierung Brasilien mit Strafzöllen, übte Druck auf die Justiz aus und mischt sich nun erneut in den Wahlkampf ein. Das dürfte auch mit Flávios Bruder Eduardo Bolsonaro zu tun haben. Er lebt seit 2025 in den USA, betreibt aktive Lobbyarbeit bei Trump und hält dort enge Kontakte vor allem zum MAGA-Lager.

Abstimmung über das Verhältnis zu den USA

Brasilien ist das einzige große Land Lateinamerikas, das politisch noch nicht auf Linie mit dem Pro-Trump-Block geschwenkt ist, der zuletzt von Argentinien bis Kolumbien die Wahlen gewonnen hat. „Brasilien und diese Wahlen haben eine große geopolitische Bedeutung“, sagt Magalhães. „Brasilien verfügt über ein beachtliches Potenzial, seinen Einfluss in der Region geltend zu machen.“ Besonders in einer Zeit, in der die USA unter Trump eine Reihe von politischen Maßnahmen einleiteten, die darauf abzielten, Lateinamerika wieder stärker an sich zu binden – und damit auch den Einfluss Chinas in den Hinterhof zurückzudrängen.

Die Wahlen in Brasilien sind damit auch eine Abstimmung über das Verhältnis zu den USA. Mit Flávio Bolsonaro im Präsidentenpalast würden sich die aktuelle blaue Welle und der Einfluss der Ultrarechten in Südamerika konsolidieren. In aktuellen Umfragen liegen Lula und Bolsonaro gleichauf.

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Dr. Heinrich Krämer
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