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Startseite»Politik»Drogen: Wie sich Portugal von einem Heroin-Problem befreite
Politik

Drogen: Wie sich Portugal von einem Heroin-Problem befreite

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 27, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Europamagazin

Stand: 27.06.2026 • 15:32 Uhr

„Mir ist egal, ob jemand Heroin oder Cannabis braucht“, sagt der Erfinder der liberalen portugiesischen Drogen-Politik. „Es soll nur niemand darunter leiden.“ Sein Modell wird jetzt 25 Jahre alt.

Sebastian Kisters, HR

Portugal in den 1990er-Jahren: Viele Menschen haben ein Problem mit harten Drogen. Die Rede ist von einer portugiesischen Heroin-Epidemie. Die Beschaffungskriminalität ist hoch, die HIV-Infektionen steigen. Es gibt viele Drogentote.

Da schlägt eine Expertenrunde um den Arzt João Goulão vor, die Drogenpolitik des Landes radikal zu ändern. Seitdem gilt: Wer Drogen nimmt, ist nicht kriminell, sondern krank. Und braucht zunächst Hilfe statt Bestrafung.

Beraten statt bestrafen

Seit 25 Jahren ist der Drogenbesitz in Portugal entkriminalisiert. Das Mitführen von maximal zehn Tagesdosen bringt Menschen nicht mehr vor Gericht, sondern in Beratungszentren. Suchtkranke werden zudem an unterschiedlichen Orten von Medizinern und Sozialarbeitern betreut.

Durch die portugiesische Hauptstadt Lissabon fahren dazu täglich zwei Busse. Etwa tausend Schwerstabhängige bekommen hier täglich Methadon. Sie trinken den Stoff aus kleinen Bechern. Das Methadon lindert Entzugserscheinungen. Bestenfalls können Suchtkranke dadurch ein halbwegs normales Leben führen.

Beschaffungskriminalität verhindern

Methadon bekommt aber nur, wer vorher eine Urin-Probe abgegeben hat. Es müsse klar sein, dass es um Schwerstabhängige gehe, sagt eine Sozialarbeiterin. Für eine gesunde, nicht abhängige Person könne Methadon tödlich sein.

Der 57-jährige Theodor kommt jeden Tag zum Bus. Er habe vor Jahren seine Tochter verloren und seine Freundin sei an Krebs gestorben, sagt Theodor. Da habe er angefangen, sich mit unterschiedlichen Drogen zu betäuben. Er sei dankbar, dass es den Bus gebe. So müsse er nicht Tag und Nacht darüber nachdenken, wie er an Geld für Drogen komme. Er habe keine Arbeit mehr, was bliebe ihm ohne dieses Programm übrig, als andere zu bestehlen. Der Bus bewahre ihn davor, meint er.

Der Bus wird durch Spenden, vor allem aber durch staatliche Mittel finanziert. Genau wie ein Zentrum für Suchtkranke am Rande der Innenstadt. Hierher kommen Menschen, um zu duschen und etwas zu essen. Aber auch: um Crack zu rauchen oder sich Heroin zu spritzen. Krankenschwestern oder Pfleger helfen auf Wunsch dabei.

Krankenpfleger Marco Carcalho Heroinabhängige in einem Suchtzentrum in Lissabon. Hier erhalten Menschen – unter Aufsicht – Drogen. Er sagt, es ginge darum, Schlimmeres zu verhindern.

Ziel: Schlimmeres verhindern

Heute ist es Marco Carvalho. Er sagt: „Natürlich hat es sich zunächst schlecht angefühlt, Süchtigen dabei zu helfen, eine Vene zu finden. Aber was ist die Alternative? Wenn wir nicht für sie da sind, hocken sie in einem Gebüsch und verletzen sich möglicherweise schwer.“ Hier gehe es darum, Schlimmeres zu verhindern. Und für Menschen da zu sein, die schon viel verloren haben.

Wer an diesem Ort arbeitet, spürt und sieht meist sofort, welche Drogen Menschen nehmen. Crack kratzt auf und macht aggressiv. Heroin macht schweigsam. Viele nehmen beides. Zweimal im Monat bekommen Helfer selbst psychologische Hilfe.

Überall im Haus stehen gelbe Eimer mit tiefroten Deckeln. Hier werden gebrauchte Spritzen und Nadeln entsorgt. Im Zentrum bekommen Suchtkranke immer steril verpackte frische.

Hilfe auch für Nachbarn

Ärzte, die hier regelmäßig arbeiten, gehen auch bei Bewohnern in der Nachbarschaft vorbei. Die sollen nicht das Gefühl haben, dass nur Abhängige die volle Aufmerksamkeit im Viertel bekommen. Und täglich werden Straßen und Grünstreifen von Sozialarbeitern gereinigt. Weil doch nicht alle gebrauchten Spritzen in den gelben Eimern landen.

Ihre Drogen bringen die Abhängigen selbst mit. Zwar ist der Verkauf von Drogen weiter strafbar. Doch offensichtlich ist es in Lissabon kein Problem, an Stoff jeder Art zu kommen. Kritiker bemängeln, dass der portugiesische Umgang mit Drogen daran nichts geändert habe.

Weniger Drogentote

Aber: Die Zahl der Drogentoten ist gesunken. Vor 25 Jahren lag sie in Portugal bei 80 pro eine Million Einwohner. Nach jüngsten Daten der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EUDA), gab es zuletzt noch 15 Drogentote pro eine Million Einwohner in Portugal. Der EU-Durchschnitt liegt bei 25.

Auffällig ist zudem, dass Befragungen von jungen Europäern zeigen, dass in Portugal weniger Drogen genommen werden als in anderen Ländern der EU.

Gespräche mit Psychologen

Befürworter der liberalen portugiesischen Drogen-Politik führen das auch auf Beratungsstellen zurück. Dorthin schickt die Polizei Menschen, die durch Drogenkonsum auffällig geworden sind.

Sie müssen Gespräche mit Sozialarbeitern und Psychologen führen. Die stellen hinter Milchglas-Scheiben Fragen; etwa nach Einsamkeit, Gewalterfahrung und Schmerzen. Anschließend wird gemeinsam entschieden, wie es weiter geht. Schwerstabhängigen wird etwa Kontakt zum Methadon-Bus vermittelt. Leute, die in stabilen Verhältnissen leben und offensichtlich nur gelegentlich Drogen nehmen, werden über Risiken aufgeklärt. Bei Wiederholung können sie dann beispielsweise zu sozialer Arbeit verpflichtet werden.

Anderer Blick auf Drogen

„Zunächst schauen wir aber immer auf den Menschen. Nicht auf die Drogen“, sagt Nuno Capaz, einer der Leiter der Einrichtung in Lissabon.

Gesellschaften müssten bereit sein, anders auf Drogen zu blicken, meint Capaz. Er nennt ein Beispiel: Es gebe Leute, die jeden Tag fünf Tafeln Schokolade essen. Es sei völlig klar, dass sie sich damit schaden. Es sei aber auch klar, dass man sie deshalb nicht vor Gerichte zerre, sondern sie beraten und ihnen helfen müsse. Warum solle man das bei Drogen anders machen, fragt er.

Eine Reportage dazu sehen Sie auch im Europamagazin – am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten

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Dr. Heinrich Krämer
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