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Dünne Datenlage: Schlangenbisse töten viel mehr Menschen als gedacht

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 25, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Dünne DatenlageSchlangenbisse töten viel mehr Menschen als gedacht

Die Königskobra ist die längste Giftschlange der Welt und extrem giftig. (Foto: imago images/POP-EYE)

In 170 Ländern auf der Welt gibt es Giftschlangen. Täglich werden Hunderte Menschen von ihnen gebissen, viele überleben den Angriff nicht. Doch wie viele das genau betrifft, können Forschende nur schätzen.

Weltweit werden einer Studie zufolge wesentlich mehr Menschen von Giftschlangen gebissen als bisher angenommen. Eine Analyse kommt im Fachmagazin „PLOS Medicine“ zu dem Schluss, dass pro Jahr zwischen 2,1 und 7 Millionen Menschen solche Bisse erleiden. Daran sterben demnach jährlich zwischen 274.000 und 513.000 Menschen.

Fast die Hälfte der Vergiftungen und Todesfälle, also 45 Prozent, entfällt demnach auf Afrika südlich der Sahara, ein gutes Viertel (27 Prozent) auf Südasien. Allerdings räumt das internationale Forschungsteam um Dileepa Senajith Ediriweera von der Liverpool School of Tropical Medicine ein, dass die Datengrundlage für diese Schätzungen teilweise sehr dünn ist.

„Obwohl Vergiftungen durch Schlangenbisse als großes Gesundheitsproblem gilt, sind verlässliche Daten zu Häufigkeit und Sterblichkeit in den ländlichen Tropen, wo die Schlangenbisse meistens vorkommen, sehr spärlich“, schreibt die Gruppe. Da die meisten Opfer nicht in Krankenhäuser kämen, sondern traditionell behandelt würden, seien Bisse und Sterbefälle wohl stark untererfasst.

Afrika südlich der Sahara und Südasien besonders betroffen

Eine globale Übersicht schätzte 2007, dass es weltweit zwischen 420.000 bis 1,8 Millionen solche Vergiftungen und 20.000 bis 94.000 Todesfälle gebe. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht von 81.000 bis 138.000 Todesfällen aus. Hinzu kommen bleibende Behinderungen – etwa durch Erblinden, Amputationen oder posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS).

Dass die Zahl wesentlich höher liegt als bisher vermutet, schließt das Team aus einer Auswertung der Literatur zu Schlangenbissen von 2007 bis 2025, in der 79 Länder aufgeführt werden. Auf Basis dieser Daten und geostatistischer Modelle kalkulierte das Team dann niedrige und hohe Schätzwerte.

Der Analyse zufolge ist Afrika südlich der Sahara mit 124.000 bis 232.000 Todesfällen pro Jahr am stärksten betroffen, gefolgt von Südasien – 75.000 bis 140.000 Tote -, dahinter folgen die Regionen Ostasien und Pazifikraum (35.000 bis 64.000), Lateinamerika und Karibik (30.000 bis 52.000) sowie der Nahe Osten und Nordafrika (12.000 bis 22.000).

In wohlhabenden Ländern nur wenige Todesfälle

Insgesamt, so schreibt die Gruppe, entfielen auf 20 Länder mehr als drei Viertel – 78 Prozent – aller Todesfälle durch Giftschlangen. Am stärksten betroffen ist das bevölkerungsreiche Indien: Dort sterben pro Jahr zwischen 38.000 und 70.000 Menschen durch Schlangenbisse. In Nigeria sind es zwischen 30.000 und 55.000, in Pakistan 27.000 bis 50.000. Stark betroffen ist auch die Demokratische Republik Kongo mit 21.000 bis 39.000 Toten.

Die weitaus meisten Fälle weltweit entfallen auf Länder mit geringem Einkommen, heißt es weiter. In wohlhabenderen Ländern komme es weniger in natürlicher Umgebung zu Schlangenbissen, stattdessen häufiger in Zoos, Reptilienhäusern, Privatsammlungen oder bei Haltern exotischer Tiere. In solchen Ländern schätzt das Team die Zahl der jährlichen Todesfälle auf insgesamt etwa 150.

„Unsere Schätzungen haben nicht die mit Schlangengiften verbundenen chronischen Behinderungen untersucht“, heißt es. „Aber davon ausgehend, dass Amputationen und andere permanente körperliche Behinderungen etwa dreimal so häufig sind wie Todesfälle, können wir schätzen, dass es jedes Jahr zu mindestens 825.000 Fällen von schwerer körperlicher Behinderung kommt.“ Nicht mitberechnet seien chronische psychologische Behinderungen durch Bisse.

Gegengifte sehr teuer und oft nicht verfügbar

Generell gebe es 170 Ländern mit Giftschlangen, aber 91 davon – also mehr als die Hälfte – hätten keine zuverlässigen Daten zu Schlangenbissen, beklagt die Gruppe. „Vergiftungen durch Schlangengifte sind ein viel größeres globales Problem als bisher bekannt.“ Gerade in den am stärksten betroffenen Regionen müsse die Prävention, die Erfassung von Fällen, der Zugang zu medizinischer Versorgung und zu Antivenomen verbessert werden. Vor allem dort sei das 2019 ausgegebene Ziel der WHO, die Krankheitslast und Mortalität durch Schlangenbisse bis 2030 um die Hälfte zu senken, eine gewaltige Herausforderung.

Generell gibt es über 3000 Schlangenarten, mehr als 600 davon sind giftig. Bei diesen unterscheidet man vor allem zwischen Vipern (Viperidae) und Giftnattern (Elapidae). Viele Schlangen bilden regelrechte Giftcocktails mit einem Spektrum unterschiedlicher Wirkungen, was die Behandlung enorm erschwert.

Ein Problem ist, dass Gegengifte sehr teuer und oft nicht verfügbar sind – vor allem in ländlichen Regionen, wo die meisten Menschen gebissen werden. Solche Antivenome werden derzeit hergestellt, indem man etwa Pferden Schlangengifte verabreicht und dann aus dem Blutserum der Tiere Antikörper isoliert. Ein zweites Problem ist, dass die genaue Zusammensetzung der Gifte, die selbst innerhalb einer Art variieren kann, bislang nur wenig bekannt ist. Seit einiger Zeit suchen verschiedene Forschungsteams daher gezielt nach Breitband-Antivenomen, die sich synthetisch herstellen lassen und die Gifte ganzer Gruppen von Schlangen neutralisieren sollen.

Quelle: ntv.de, Walter Willems, dpa

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