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Eine für alle: Das ging jetzt aber schnell

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 26, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Eine für alleDas ging jetzt aber schnell

26.07.2026, 06:47 Uhr Eine Kolumne von Sabine Oelmann
PLACE-VENDOME-HEIssE-DIAMANTEN-Vincent-Malivert-ist-Inhaber-eines-exklusiven-Juweliergeschaeftes-am-Place-Vendome-in-Paris-Er-steckt-jedoch-in-einer-finanziellen-Krise-Ehemalige-Mitarbeiter-werfen-ihm-seinen-Handel-mit-gestohlenen-Diamanten-vor-Vincent-wird-klar-dass-er-vor-dem-beruflichen-und-privaten-Ruin-steht-Er-bringt-sich-um-Seine-Frau-Marianne-CATHeRINE-DENEUVE-wird-dadurch-aus-ihrem-lethargischen-Leben-Gerissen-das-sie-wegen-ihrer-Alkoholsucht-und-Depressionen-meist-in-Privatsanatorien-verbracht-hat-Regie-Nicole-Garcia-aka-Place-Vendome-PLACE-VENDOME-HEIssE-DIAMANTEN-Frankreich-1998-Copyright-KPA-AUFNAHMEDATUM-GESCHAeTZT-Nur-redaktionelle-Nutzung-im-Zusammenhang-mit-dem-Film-Editorial-usage-only-and-only-related-to-the-movie-Im-Falle-anderer-Verwendungen-kontaktieren-Sie-uns-bitte-For-other-uses-please-contact-us
Wenn der Blick zurück länger wird als der nach vorne …. (Foto: Catherine Deneuve in „Place Vendôme“) (Foto: imago images / United Archives)

„Ich werde bald 60.“ Also, so Gott will und mir vorher nix passiert. Meine Stimme zittert ein wenig, wenn ich das ausspreche. Für eine Berufsjugendliche wie mich ist es ein therapeutisch gar nicht hoch genug aufzuhängender Satz, und dass er mir jetzt fast leicht über die Lippen kommt, liegt nur an meiner Umwelt, die nicht mehr bereit ist, meine Verleumdungs-Strategie mitzutragen.

„Die Fußgängerin (62) wurde auf dem Zebrastreifen von einem Auto erfasst.“ „Die 61-Jährige sagte gegenüber dem Sender, dass sie für ihr Handeln die volle Verantwortung übernehmen werde.“ „Zum 60. Geburtstag gratulieren wir dir, liebe Mutti, recht herzlich, und wünschen noch ein paar schöne Jahre im Kreise deiner Familie.“ Wenn ich sowas lese, durchzieht mich ein leiser, fröstelnder Hauch. Nicht direkt der Hauch des Todes, eher eine Ahnung, dass es unwiderruflich auf den Herbst zugeht. Den Herbst des Lebens.

Da ich aber eine große Verleugnerin bin, hat mich das bisher nicht weiter tangiert, ich habe es mit einem Schulterzucken weggewischt und gedacht: „Die arme alte Frau, nicht mal auf einem Zebrastreifen ist man als älterer Mensch sicher.“ Oder: „Was, die ist 61? Ich dachte, die ist schon längst weit drüber, so wie die aussieht.“ Und Geburtstagsgrüße wie oben kamen mir bis jetzt immer vor wie ein verfrühter Abgesang („… noch ein paar Jahre …“, Frechheit), bereits – oder noch – zu Lebzeiten gesungen von der erbschleicherischen Familie.

Nun gut, es gibt keine Alternative. Wer nicht älter wird, ist tot, und das will ich noch weniger als zum alten Eisen gehören (apropos, ich darf nicht vergessen, meine Eisen-Supplements einzunehmen). Meine Freunde lachen mich aus und finden es albern, wie schwer ich mich tue. Sie sind entweder noch mindestens ein oder zwei Jahre von der 60 entfernt und können, in meinen Augen, absolut nicht mitreden (!), oder sie sind bereits Ü-60 (was für eine miese Formulierung, ich war doch gerade noch auf Ü30-Partys), und versichern mir, dass alles gar nicht so schlimm ist. Viel schlimmer sei, ab 65 auf die 70 zuzusteuern. Dass es besonders schön ist, dieses 60-werden, sagt aber eben auch niemand. Die Partys sind allerdings meist sehr gut.

Am Rebellieren

Es geht mir gar nicht um die Zahl. Und wohlmeinende, mir durchaus liebe Freunde, sagen, hey, du siehst doch gar nicht aus wie sechzig. Stimmt, ich bin ja auch noch neunundfünfzig! Einer schrieb mir neulich sogar, ich sei doch noch echt hot. „Für mein Alter?“ meinst du, Alter? Oder was? Ich weiß, war lieb gemeint, und ich soll ma‘ nicht so kokettieren mit der Sache, sagte er, nur die angry young woman in mir ist am Rebellieren. Und zieht sich noch wochenlang daran hoch, dass ihr ein jüngerer Mann hinterhergeschaut hat. Normalerweise schauen ihr sonst eher ihre Freundinnen hinterher – oder genauer hin (Haar am Kinn, wolltest du nicht abnehmen?) …

Denn grundsätzlich ist mir klar, ich bin ja nicht total bescheuert (nur alt halt), es ist alles gut so, wie es ist. Ich habe diese bisherigen Jahre sehr intensiv genutzt. Da ich (noch) nichts fillen oder raffen oder schnibbeln lasse, sieht man das nun auch. Ich glaube manchmal sogar, dass ich bereits mehrere Leben gelebt habe, so viele Phasen, so viele Dinge, so viele Menschen sind passiert. Ich habe Kinder, Liebe, einen Mann, einen Hund, Freunde, Hobbys, einen Baum gepflanzt, ein Buch geschrieben, einen Job, der mir meistens Spaß macht. Licht geht an, Kühlschrank ist angemessen gefüllt, ich bin umgeben von Glück in dieser oft glücklosen Welt, die sich so anstellt, als würde sie vieles zum ersten Mal machen, dabei wiederholt sie nur immer wieder die gleichen Fehler. Ich habe Gründe, dankbar zu sein. Bin es auch.

Ich bügle, also bin ich

Mir ist schmerzhaft bewusst, dass einige Menschen um mich herum nicht das Glück hatten, überhaupt auch nur annähernd sechzig zu werden, ich vermisse sie und denke mittlerweile darüber nach, mich etwas mehr mit Glauben, Esoterik und Spiritualität auseinandersetzen zu wollen. Wenigstens Meditieren? Das funktioniert besser im Urlaub, zu Hause kommt immer was dazwischen. Neulich habe ich – angesichts eines riesigen Wäscheberges – versucht, mir selbst zu verkaufen, dass Bügeln etwas Meditatives hat. Es klappt bedingt, und nur bei einfachen, ohnehin sehr glatten Sachen. Das ist dann allerdings sehr befriedigend.

Ich habe mir außerdem vorgenommen, mich insgesamt, in Anbetracht dieser mächtigen Zahl, die da auf mich zukommt, erwachsener zu verhalten. Das macht aber keinen Spaß. Ich werde mich mit 60 wohl nicht mehr wirklich ändern. Und Menschen, die achtzig werden, belächeln mich sowieso, das ist mir klar.

Ja, ich kann ein paar Dinge ändern. Ich habe zum Beispiel weniger FOMO als früher, ich kann manches besser lassen, im Sinne von nicht machen, ich kann besser auf mich hören, in mich horchen, ich kann besser nein sagen. Ich übe noch, B.!!!! Ich finde es unverschämt, dass ich nicht mehr so viel essen kann wie früher, ohne zuzunehmen, habe aber auch nicht mehr so einen krassen Kohldampf. Die Hüfte zwickt (wenigstens die Hose nicht). Ich muss allerdings sagen, dass diese Hüfte mein Knie, das ich mir bereits mit 16 beim Skifahren übel verhunzt habe, sehr lange, ohne zu murren, mitgetragen hat. Mit 60 darf diese Hüfte also mal die Oberflächenstruktur einer bröckeligen Asphaltstraße annehmen, wie meine Orthopäden-Freundin es mir erklärte.

Schicke Beine

Meine Apothekenfreundin versorgt mich nun mit allem möglichen Ortho-Zeug, die Nahrungsergänzungsmittelfraktion schreibt mir Dankesbriefe auf Büttenpapier. Blöd ist einfach, dass ich mit diesem Verschleiß nicht gerechnet habe. Ich dachte, der kommt erst, wenn ich wirklich alt bin. Das Beste ist Fahrradfahren. Muss jetzt aber mit Helm sein, zu viel kann passieren in dieser crazy Stadt, in der ich vor so langer Zeit geboren wurde, zu der ich immer wieder zurückgekehrt bin und die immer noch die coolste in Deutschland ist (die schönste ist für mich München, ich liebe beide).

Bekomme ich jetzt eigentlich einen Seniorenpass? Einen Seniorenteller? Bin ich eine Señora? Beim Blick in den Spiegel entdecke ich in letzter Zeit meine Mutter, manchmal meine Großmutter mütterlicherseits. Aus dem ersten Schreck ist mittlerweile aber eine Art Freundschaft geworden, meine Mutter hatte immerhin kein einziges graues Haar (da sie dieses einzige graue Haar einfach immer wieder ausriss). Meine Oma stellte noch einen Tag vor ihrem Tod zum wiederholten Male fest, was für schicke Beine sie doch hat.

Mein Haar ist grau, danke Papa, und meine Waden sind weniger schick, eher stramm. Sie tanzen, sie laufen, sie spielen Tennis, sie tragen mich in die Welt, ich mag sie inzwischen. Die Haare färbe ich weiterhin, auch wenn grau – oder weiß – ja sehr angesagt ist. Aber trendy war ich noch nie. Ich habe noch ein paar Wochen u-60, bevor zwei Pünktchen mich zu ü-60 machen. Ich werde sie in vollen Zügen genießen. Und an Tag 1 DANACH genau so weitermachen wie bisher. Das ist der Plan, und Pläne sind in meinem Alter wichtig.

Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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