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Politik

Europas historische Filmpaläste: Wo sich Kino nach großem Theater anfühlt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 6, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 06.06.2026 • 09:27 Uhr

In Essen, Paris, Amsterdam und Budapest haben vier alte Filmpaläste die Zeit bis heute überdauert. Mit ihrer Architektur und dem Glamour stehen sie für einzigartige Filmerlebnisse.

Von Axel Fuhrmann und Natalie Weber, SR

„Was für ein schönes Theater!“, schwärmt Schauspieler Joachim Król über die Lichtburg in Essen. „Da genießt man erst mal den Raum, bevor irgendwas passiert. Das ist kein Kino, das ist viel, viel mehr.“

Ältester deutscher Kino-Palast: der große Saal des Filmtheaters Lichtburg in Essen

Und das sollte die Lichtburg auch von Anfang an sein. 1928 errichtet, gehört sie zu den repräsentativen Neubauten der Zeit am zentral gelegenen Burgplatz. Die Stadt Essen sei stark gewachsen und wollte endlich aussehen wie eine Großstadt, sagt Historiker Christoph Wilmer.

„Man wollte in der Stadt das modernste Kino Deutschlands bekommen.“ Die Lichtburg löste diesen Wunsch ein, ein Palast im Stil der Neuen Sachlichkeit mit 2.000 Plätzen – rund 750 mehr als heute.

Von NS-Propaganda zu Winnetou-Romantik

Nur wenige Jahre später wird dieses Vorzeigekino von den Nationalsozialisten vereinnahmt. Adolf Hitler reist öfter nach Essen und sucht die Nähe von Stahlbaron und Waffenproduzent Alfred Krupp.

In der Lichtburg laufen jetzt zahlreiche Propagandafilme, während Hitler draußen auf dem Platz Reden hält. Durch diese zentrale Lage habe man große Menschenmassen erreicht, sagt Christoph Wilmer.

Kino-Träume in Nachkriegsdeutschland: Lex Barker, Pierre Brice und Marie Versini 1964 bei der Essener Kinopremiere von „Winnetou II“

Im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, wird die Lichtburg rasch wieder aufgebaut. Äußerlich fast wie 1928, aber das Innenleben erhält den Look der 1950er-Jahre. Noch heute sieht der große Saal so aus, wie ihn Romy Schneider, Horst Buchholz, Lex Barker, Pierre Brice und Marie Versini bei den ersten rauschenden Nachkriegspremieren gesehen haben.

Paläste für den Hunger nach Unterhaltung

Denn der Hunger der Menschen nach Unterhaltung sei ungebrochen gewesen, weiß Wilmer. Unterhaltung habe damals nicht zu Hause stattgefunden, sondern im öffentlichen Raum, im Theater, in Kinos.

Den Ruhm, zu den größten und ältesten Kinopalästen Europas zu gehören, teilt sich die Lichtburg mit dem Grand Rex in Paris, dem Königlichen Theater Tuschinski in Amsterdam und dem Nationalen Filmtheater Uránia in Budapest.

Grandios bis auf die Dachspitzen: das Amsterdamer Tuschinski-Filmtheater

Das Tuschinski und das Uránia sind älter als die Lichtburg und stammen aus einer Zeit, als in der Architektur noch üppigere Formen und Dekorationen gefragt waren.

Erst Varieté, dann Kino-Palast

Das heutige Uránia wird 1896 als Varieté-Theater eröffnet. Neomaurische Formen, mit stilistischen Anleihen zum Beispiel bei der Alhambra im spanischen Kanada, sollen die Kundschaft in eine Welt von Tausendundeiner Nacht entführen – so wie man sie sich damals vorstellt.

Später Kaffee zur Filmpremiere: das Foyer des Budapester Filmtheaters Uránia

Drei Jahre später wird der Vergnügungstempel umbenannt in „Uránia – Ungarisches Wissenschaftliches Theater“. Jetzt wird der Film zum Hauptbestandteil des Programms.

Auch das Tuschinski in Amsterdam, heute das „Königliche Theater“, beginnt 1921 als Mischung aus Varieté und Kino. „Die Bewohner Amsterdams fanden es großartig. Es war ein Palast, ein Erlebnis“, sagt Architekt Kees Dornenbaal, der das Kino restauriert hat.

Großes Theater in Amsterdam und Paris

Viele Architekten hingegen hätten es unmöglich gefunden, die Fassade habe ihnen überhaupt nicht gefallen.“ Schmunzelnd fügt er hinzu: „Inzwischen finden es auch die Architekten schön. Es ist weder Jugendstil, noch Art déco. Es ist eben Tuschinski-Stil.“

Phantasie-Architektur für das Kino-Erlebnis: Foyer des Tuschinski-Filmtheaters

Was das Grand Rex in Paris so einzigartig macht, ist vor allem sein großer Saal. Der Gründer des Kinos, Jacques Haïk, verpflichtet einen Kino-Architekten aus den USA und beauftragt ihn, eine sogenannte athmospheric hall zu bauen.

Das ist damals in Amerika der letzte Schrei: Der Saal erhält eine regelrechte Theaterkulisse, die die Illusion erwecken soll, dass man draußen, im Freien, sitzt. Genau so etwas will Haïk nun erstmals in Europa.

Filme schauen wie unter freiem Himmel

Der französische Regisseur Michel Hazanavicius kennt diese Atmosphäre nur zu gut. Er ist mit dem Grand Rex aufgewachsen. Der Saal mit diesem Sternenhimmel und dem vielen Gold, so findet er, strahle etwas Heiliges aus. Geradezu andächtig spricht er über „sein“ Filmtheater.

Kino wie unter freiem Himmel: die mit blauem Licht illuminierte Decke des Pariser Grand Rex

„Das ist ein Tempel. Dieses Kino wurde so konzipiert, wie die Menschen früher Kathedralen gebaut haben: um das Volk zu beeindrucken.“ Auch Marianne Menze, langjährige Geschäftsführerin der Lichtburg, zieht den Vergleich zu Kirchenbauten.

Das liegt im wahrsten Sinne des Wortes nahe, denn Lichtburg und Essener Dom stehen sich am Burgplatz unmittelbar gegenüber. Beide haben allerdings auch ein großes Problem: Ihre Instandhaltung verschlingt Unsummen. Insbesondere, wenn über lange Zeit nur das Nötigste repariert wird.

Wim Wenders rettet die Lichtburg

Ende der 1990er-Jahre ist die Lichtburg in schlechtem Zustand. Da ergreift Wim Wenders die Initiative und setzt sich vor dem Essener Stadtrat für das Gebäude ein. Der Verkauf kann erfolgreich abgewendet werden. 2002 beginnt die Restaurierung. Das Gebäude wird in den Zustand von 1950 zurückversetzt, wie es bei der Wiedereöffnung nach dem Zweiten Weltkrieg aussah.

Seitdem erstrahlt die Lichtburg wieder im alten Glanz. Eleganter Travertin-Stein bekleidet die Wände, über breite Garderobengänge gelangen die Zuschauer vorbei an original erhaltenen Leuchten zu den Eingängen des Balkons und dann in den großen Saal.

„Orte, die zum Träumen einladen“

Gemeinsam haben alle vier Filmpaläste, dass Kino hier noch ein kulturelles Gemeinschaftserlebnis ist. „Das sind Orte, die zum Träumen einladen, die uns in eine zauberhafte, magische Welt entführen.“

Wir alle, so findet Michel Hazanavicius, bräuchten solche Auszeiten in einer zunehmend rationalisierten Welt. Und der niederländische Kino-Historiker Robert Blokkland fügt hinzu: „Einen Film schaut man nicht auf der Couch am Smartphone. Sondern in einem Filmtheater mit großer Leinwand, umgeben von 800 Leuten.“

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