Als das Wasser kam, strömte es unaufhaltsam durch Straßen und Häuser. Fünf Jahre nach der Flut halten die Einwohner im nordrhein-westfälischen Rheinbach das Gedenken aufrecht. Und fragen sich: Wurden wir vergessen?
Zwei gelbe Feuerwehrhelme stehen aufgebahrt neben Schwarz-Weiß-Fotos von zwei Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Rheinbach. Sie sind während der Flut ums Leben gekommen. Ihre Kameraden erinnern fünf Jahre nach ihrem Tod an sie.
Manche Hinterbliebene hier im nordrhein-westfälischen Rheinbach fühlen sich vergessen, denn ihr Heimatort steht selten im Mittelpunkt, wenn über die Flutkatastrophe gesprochen wird. Viele Menschen denken an das Ahrtal, an besonders stark zerstörte Orte, an Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Doch auch in Rheinbach strömte das Wasser durch Straßen, Häuser und über das Gelände der Feuerwehr. „Mir läuft immer noch die Gänsehaut über den Rücken“, sagt Löschgruppenführer Peter Klein, während er Fotos von damals zeigt.
Während der Flut standen die Straßen rund um das Feuerwehrhaus in Rheinbach unter Wasser.
Eine Wanderkerze gegen das Vergessen
Einer der verstorbenen Kameraden war Josef Schwark, der Vater von Martin Rick. Er wurde im Keller des Familienhauses von der Flut überrascht. Wenige Tage später wollte einer seiner Söhne kirchlich heiraten. Der Schmerz über den Verlust sei immer noch stark, sagt Rick: „Mein Vater war ein sehr herzlicher Mensch. Er hatte immer ein offenes Ohr, vor allem für Kinder oder die Jugendfeuerwehr, wo er auch selbst als Betreuer aktiv war.“ Rick ist vor allem eines wichtig: „Man darf nicht vergessen.“
Der Name seines Vaters wurde in einer großen Wanderkerze eingraviert, direkt unter den Namen zahlreicher weiterer Opfer der Flut. Die Kerze wird durch einige der Orte weitergereicht, die damals verwüstet wurden. Sie ist ein Zeichen gegen das Vergessen.
Ein Zeichen gegen das Vergessen: Die Wanderkerze mit den Namen zahlreicher Opfer der Flut.
Klaus Jansen vom „Team Gedenken“, einer ehrenamtlichen Initiative, beobachtet besonders ein Gefühl bei den Menschen an den Orten, die nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen haben: „Die fühlen sich vergessen von der Politik. Die fühlen sich aber auch vergessen von der Öffentlichkeit“, sagt er. Gerade in kleineren oder weniger bekannten Orten müssten Betroffene oft erst schildern, was bei ihnen überhaupt passiert sei.
Für Jansen ist das mehr als eine Frage von Aufmerksamkeit. Wer eine Katastrophe erlebt habe und anschließend das Gefühl bekomme, dass diese Erfahrung kaum wahrgenommen werde, erlebe im Prinzip eine zweite Traumatisierung. Für die Menschen ist die Flut noch lange nicht vorbei.
Flutkatastrophe 2021
Nach Starkregen kam es in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 zu einer verheerenden Sturzflut. Dabei starben 136 Menschen in Rheinland-Pfalz, 49 in Nordrhein-Westfalen.
Die Infrastruktur einer ganzen Region wurde zerstört – Zehntausende Häuser weggerissen, Schulen beschädigt, Brücken zerstört, Straßen überspült. Auch fünf Jahre nach der Flutkatastrophe ist der Wiederaufbau in vielen Bereichen noch nicht abgeschlossen.
Wiederaufbau bleibt „ein enormer Kraftakt“
Ähnlich erlebt es Daniela Hoffmann. Sie ist erste Beigeordnete der Stadt Rheinbach und Vertreterin des Bürgermeisters. In der Nacht der Flut war sie gemeinsam mit einem Kollegen im Rathaus in Rheinbach eingeschlossen und hat direkt das Krisenmanagement übernommen. Heute beschäftigt sie noch der Wiederaufbau: „Mir ist wichtig, dass nicht vergessen wird, dass auch fünf Jahre nach diesem Unwetterereignis es für alle vor Ort, die mit Wiederaufbautätigkeiten beschäftigt sind, immer noch ein enormer Kraftakt ist.“
Vieles ist geschafft, aber vieles ist noch offen. Die Stadt rechnet mit rund 60 Millionen Euro, die für den Wiederaufbau gebraucht werden. Ein Teil der Mittel muss noch bewilligt werden. Bisher wurden etwa sieben Millionen Euro abgerechnet.
Auch an der Grundschule ist die Flut noch sichtbar. Nicht unbedingt in zerstörten Mauern, aber in noch nicht abgeschlossenen Projekten. Eine Mensa muss noch gebaut werden. „Die Schule hier steht symbolhaft für den Wiederaufbau. Äußerlich ist alles top, aber die Untergeschosse sind nicht mehr nutzbar, und im Hintergrund läuft noch viel Planungsarbeit, um den Anbau der notwendigen Mensa gestalten zu können“, so Hoffmann.
Von insgesamt 93 Maßnahmen sind 37 abgeschlossen. Die Haupthürden seien langwierige bürokratische Prozesse, begrenzte finanzielle Mittel und begrenzte personelle Ausstattung. Dazu kommen weitere Krisen, wie die Energiemangellage, ausgelöst durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, und eine Wirtschaft im Dauerkrisenmodus. Auch das belaste den kommunalen Haushalt.
Geplant ist die Infrastruktur nicht nur wiederherzustellen, sondern auch gleich klimaresilient und widerstandsfähiger gegen zukünftige Extremwetterereignisse auszubauen. Viele Projekte sind so sehr komplex.
Noch mehr als die Hälfte der Maßnahmen muss in Rheinbach umgesetzt werden.
Das lange Warten auf Maßnahmen
So wird der Wiederaufbau die Stadt Rheinbach noch mehrere Jahre beschäftigen, auch wenn etwa beim Hochwasserschutz mit Starkregenkarten oder einem kommunalen Hochwasser- und Starkregenkonzept schon einiges umgesetzt wurde.
Finanziert wird ein Großteil über die Wiederaufbauhilfe des Landes Nordrhein-Westfalen und des Bundes im Rahmen der Wiederaufbauförderung. Geht etwas über den Wiederaufbau hinaus, trägt die Stadt Rheinbach die Kosten. Auch Daniela Hoffmann teilt das Gefühl, dass die Welt um Rheinbach herum ein Stück weit vergessen hat, dass auch dieser Ort von diesem starken Unwetter betroffen war.
Das lange Warten auf viele umgesetzte Maßnahmen beschäftigt Martin Rick. Er ist sich sicher: Sein verstorbener Vater wäre nicht begeistert davon gewesen, dass fünf Jahre später immer noch so viel zu tun ist: „Je länger das Ereignis her ist, desto mehr gerät so etwas in Vergessenheit, und dann kommt es dazu, dass man sagt: Ja, wir wollen das machen, aber wir machen es jetzt vielleicht nicht mehr heute, sondern morgen, und aus morgen wird übermorgen.“
tagesthemen live aus Altenahr
Anlässlich des fünften Jahrestags der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen werden die tagesthemen heute (21.55 Uhr) live aus Altenahr im Ahrtal gesendet. Durch die Sendung führt Ingo Zamperoni.

