Im Visier ukrainischer Drohnen Warum Russlands Amazon Wildberries heißt

Ukrainische Drohnen treffen Russlands größten Onlinehändler Wildberries. Der englische Name des Unternehmens klingt heute ungewöhnlich – und erzählt viel über die Zeit seiner Gründung.
Ukrainische Drohnen attackieren seit Wochen Lagerhäuser des russischen Onlineriesen Wildberries. Kilometerhohe Rauchwolken steigen in den Himmel, Schätzungen zufolge wurden Waren im Wert von Milliarden Euro zerstört. Für das Unternehmen sind die Angriffe eine existenzielle Bedrohung. Gleichzeitig drängt sich eine andere Frage: Warum trägt ausgerechnet Russlands größter Onlinehändler einen englischen Namen?
Die Antwort führt zurück in das Jahr 2004. Damals war Firmengründerin Tatjana Kim Englischlehrerin. Nach der Geburt ihrer ersten Tochter suchte die damals 28-Jährige nach einer Möglichkeit, von zu Hause aus Geld zu verdienen. Gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann begann sie, Kleidung aus den deutschen Versandkatalogen von Otto und Quelle an russische Kundinnen zu vermitteln. Die Bestellungen stapelten sich in der Wohnung, die Pakete holte sie selbst mit Bus und Metro ab. Was als Nebenerwerb begann, entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zum erfolgreichsten Online-Modehändler des Landes.
Auch der Name stand schnell fest. „Wildberries“ („Waldbeeeren“) sollte einfach „schön und ungewöhnlich“ klingen, sagte Kim später dem russischen „Forbes“. Die Marke sollte Frauen dazu ermutigen, mehr Farbe in ihren Kleiderschrank zu bringen. Wildberries entstand in einer Zeit, in der Russland wirtschaftlich nach außen blickte. Internationale Handelsketten expandierten, westliche Marken gewannen an Bedeutung, und ein englischer Firmenname für aufstrebende russische Unternehmen passte in die Zeit.
Der englische Name passte auch zu den Expansionsplänen des Unternehmens. Gründerin Kim sprach noch 2021 offen darüber, den Abstand zu Amazon verkleinern zu wollen. Wildberries verstand sich längst nicht mehr nur als russischer Onlinehändler, sondern als Unternehmen mit internationalen Ambitionen.
Nur wenige Monate später änderte sich alles. Ende Februar 2022 begann Russland seinen Großangriff auf die Ukraine. Viele westliche Unternehmen verließen den russischen Markt, internationale Geschäftsbeziehungen brachen ab oder wurden eingefroren. Pläne einer Expansion nach Westeuropa wurden aufgegeben, und Wildberries konzentrierte sich wieder stärker auf Russland und andere Staaten der ehemaligen Sowjetunion.
Erhebliche Schäden
Im Sommer 2022 tauchte auf der Website des Unternehmens plötzlich die russischsprachige Bezeichnung „Jagodki“, etwa: „Beerchen“ auf. Das löste Spekulationen aus, ob Wildberries seinen englischen Namen angesichts des Krieges und der zunehmenden Kritik an westlichen Begriffen russifizieren wolle. Das Unternehmen sprach später von einer Marketingaktion. Wenige Wochen später verschwand “ Jagodki “ wieder.
Unabhängig davon entwickelte sich Wildberries rasant weiter. Das Unternehmen ist längst kein Online-Modehändler mehr. Über die Plattform werden inzwischen nahezu alle Arten von Waren verkauft. Rund 400.000 Händler bieten dort ihre Produkte an, fast jeder zweite Rubel des russischen Onlinehandels wird über Wildberries umgesetzt.
Russlands größter Online-Händler und erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Umsatz von umgerechnet etwa 67 Milliarden Euro. Der Gewinn lag bei etwas unter zwei Milliarden Euro – ein Plus von fast 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zum Vergleich: Der größte Konkurrent in Russland, Ozon, kam auf gut 50 Milliarden Euro Umsatz und 100 Millionen Euro Gewinn .Wildberries versuchte zuletzt, mit Hilfe von Krediten massiv zu wachsen, baute die Lagerflächen im Eiltempo aus, gründete eine Online-Bank und ein Reisebüro. Diese Strategie könnte nun zum Bumerang werden.
Denn seine wirtschaftliche Bedeutung macht den Konzern heute zu einem wichtigen Ziel ukrainischer Drohnen. Kiew begründet die Angriffe zwar damit, dass über die Plattform auch militärisch nutzbare Güter wie Drohnenkomponenten oder Schutzwesten gehandelt würden. Beobachter halten den wirtschaftlichen und den psychologischen Effekt für entscheidend. Mit vergleichsweise wenigen Drohnen lassen sich erhebliche Schäden anrichten – nicht nur für Wildberries selbst, sondern auch für Hunderttausende Händler, deren Waren in den Logistikzentren lagern.
