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Politik

Inflation: Warum das Preisniveau bald wieder deutlich steigen könnte

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 1, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Analyse

Stand: 01.07.2026 • 09:01 Uhr

Die Inflation ist deutlich gesunken. Doch Ökonomen warnen: Die Energiepreis-Krise könnte nachwirken – und erst mit Verzögerung bei Konsumgütern, Lebensmitteln und Dienstleistungen ankommen.

Angela Göpfert

Die jüngsten Daten geben Anlass zur Hoffnung: In Deutschland sind die Verbraucherpreise im Juni nur noch um 2,3 Prozent gestiegen – nach 2,6 Prozent im Mai. Gründe hierfür sind vor allem der Tankrabatt und der kräftige Rückgang der Ölpreise. Der Preis für ein Fass der Nordseesorte Brent war jüngst bis auf etwa 72 Dollar gesunken – gegenüber dem Krisenhoch von 126 Dollar ist das ein Minus von rund 43 Prozent.

Signale der Entspannung

Edgar Walk, Chefvolkswirt von Metzler Asset Management, sieht darin den zentralen Entlastungsfaktor. „Wir sehen hier ganz klare Signale der Entspannung.“ Der Ölpreis sei deutlich gefallen, was sich direkt auf die Inflation auswirke, so Walk im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion.

Die Hoffnung auf weiter fallende Inflationsraten spiegelt sich derweil auch an den Finanzmärkten wider – besonders deutlich am Anleihemarkt: Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe war zuletzt bis auf 2,84 Prozent gefallen. Während des Iran-Kriegs war sie zeitweise auf 3,17 Prozent gestiegen.

Manche Vorprodukte um 50 Prozent verteuert

Doch ist die Gefahr einer hartnäckig hohen Inflation wirklich schon gebannt? Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, in der Finanzwelt oft als „Notenbank der Notenbanken“ bezeichnet, ist skeptisch. In ihrem Annual Economic Report warnt die BIZ, höhere Kosten und Engpässe bei wichtigen Vorprodukten könnten über Lieferketten weitergegeben werden.

So seien etwa die Preise für Kunststoffe und Düngemittel – wichtige Vorleistungsgüter für Verpackungen, Industrie und Landwirtschaft – um 30 respektive 50 Prozent gestiegen.

„Da kommt noch etwas“

Wegen der Produktionsverzögerungen könnten diese vorgelagerten Kostensteigerungen auch dann noch für Inflationsdruck sorgen, wenn sich Energieflüsse und Ölpreise bereits normalisiert haben.

Auch Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, warnt gegenüber der ARD-Finanzredaktion vor solchen indirekten Effekten: „Denn hinter uns liegt ja ein Ölpreisschock – das war auch ein Kostenschock, den die Unternehmen jetzt langsam weitergeben an die Verbraucher. Also da kommt noch etwas.“

Lohn-Preis-Spirale kein Risiko?

Während indirekte Effekte für ein Nachbeben des Energiepreis-Schocks sorgen können, wären mögliche Zweitrundeneffekte etwa in Form einer Lohn-Preis-Spirale deutlich gefährlicher. Wenn vorübergehend höhere Energiepreise zu höheren Lohnforderungen der Gewerkschaften führen – und somit zu höheren Kosten, auf welche die Unternehmen wiederum mit Preissteigerungen reagieren. Dann könnte aus einem Preisschub am Ölmarkt ein selbsttragender Inflationsprozess werden.

Der Metzler-Ökonom Walk gibt hier jedoch Entwarnung: „Wir sehen keine Lohn-Preis-Spirale. Die Wachstumsrate der Löhne fällt eher im Moment.“ Zudem sei die Preissetzungsmacht der Unternehmen eher gering. Laut einer Umfrage des ifo-Instituts planen inzwischen weniger Unternehmen, ihre Preise zu erhöhen.

Ölmarkt bleibt Unsicherheitsfaktor

Fraglich ist allerdings, wie nachhaltig der Preisrückgang am Ölmarkt ist. Experten verweisen auf Minen in der Straße von Hormus, beschädigte Infrastruktur und eine hohe Nachfrage angesichts weitgehend leerer Öllager. Auch der künftige Status der Straße von Hormus – ob es freie Durchfahrt gibt oder Teheran eine Maut erhebt – ist zwischen den USA und Iran weiter umstritten.

„Nach all der Euphorie hat sich die geopolitische Lage zuletzt wieder extrem verschlechtert“, sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt Deutschland und Österreich der ING, im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. „Wir haben keinen Deal, wir haben kein Abkommen, es fahren auch noch gar nicht so viele Schiffe durch die Straße von Hormus – also hier ist unheimlich viel naiver Optimismus an den Märkten.“

Teureres Tanken ab Juli

Für Deutschland kommt ein weiterer Risikofaktor hinzu: Mit dem Auslaufen des Tankrabatts zum 1. Juli sei davon auszugehen, „dass Benzin und Diesel rasch wieder um rund 17 Cent je Liter teurer werden“, wie es vom ADAC heißt. Bereits im Vorfeld stiegen die Preise an den Tankstellen deutlich.

Viele Ökonomen erwarten nach dem Rückgang im Juni wieder anziehende Inflationsraten. Die ING etwa rechnet für das dritte Quartal mit einer Teuerung von 3,6 Prozent – nach 2,6 Prozent im zweiten Quartal. Im vierten Quartal dürfte der Anstieg der Verbraucherpreise bei 3,7 Prozent liegen.

EZB vor weiterem Zinsschritt?

Vor dem Hintergrund der gestiegenen Inflationsrisiken hatte die Europäische Zentralbank (EZB) am 11. Juni erstmals seit drei Jahren die Zinsen erhöht – und könnte aus Sicht der deutschen EZB-Direktorin Isabel Schnabel die geldpolitischen Zügel künftig noch weiter anziehen. „Um die Inflation mittelfristig wieder auf unseren Zielwert von zwei Prozent zurückzubringen, werden wir aus heutiger Sicht die Zinsen weiter anheben müssen“, sagte sie jüngst in einem Zeit-Interview.

Walk ordnet das so ein: „Die EZB hat einfach Sorge, dass sie nochmal Vertrauen verliert – wie damals im Jahr 2022. Und das möchte sie auf gar keinen Fall.“ Die Währungshüter hatten auf den Inflationsschub vor vier Jahren nach einhelliger Meinung von Ökonomen zu spät reagiert.

EZB-Chefin Christine Lagarde sprach zu Wochenbeginn auf dem EZB-Forum im portugiesischem Sintra von „Prognosefehlern“, die damals gemacht wurden – mittlerweile habe sich die Güte der EZB-Prognosemodelle aber deutlich verbessert.

Die aktuellen Zahlen könnten trügen

Unterm Strich spricht einiges dafür, dass die Inflation nach dem Rückgang im Juni in den kommenden Monaten wieder anziehen könnte. Zwar lässt der direkte Energiepreisschock nach. Doch seine indirekten Folgen könnten Verbraucher erst noch zu spüren bekommen – über höhere Preise für Waren, Lebensmittel und Dienstleistungen.

Und auch bei den Energiepreisen selbst ist es für Entwarnung noch zu früh. Das Thema Inflation könnte somit Märkten, Notenbankern, Unternehmen und Verbrauchern länger erhalten bleiben als es die aktuellen Preise und Daten vermuten lassen.

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