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Startseite»Nachrichten»„Lücke in der Früherkennung“: Nierenkrankheiten werden oft zu spät erkannt
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„Lücke in der Früherkennung“: Nierenkrankheiten werden oft zu spät erkannt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 8, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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„Lücke in der Früherkennung“Nierenkrankheiten werden oft zu spät erkannt

Die Illustration zeigt die Verbindung der beiden Nieren zum Blutkreislauf. (Foto: picture alliance / Zoonar / Tigulla Vijaya Chandar)

Die Nieren sind die Klärwerke des Körpers, die Tag für Tag Höchstleistungen bringen. Bei rund zehn Prozent der Erwachsenen in Deutschland funktionieren die Organe nicht mehr richtig. Doch die Probleme werden häufig viel zu spät erkannt. Die Ursachen dafür scheinen klar.

Nierenkrankheiten können schlimme Folgen haben – beginnen zunächst aber tückisch: Denn wenn das Organ, das das Blut reinigen und Harn produzieren soll, allmählich seine Funktion einbüßt, spüren Betroffene davon lange Zeit nichts. Meist zeigen sich Symptome wie Übelkeit, Appetitmangel oder Herz-Kreislauf-Probleme erst dann, wenn das Organ schon stark geschädigt ist. So kann mitunter eine lebenslange Dialyse oder eine neue Niere erforderlich werden: Bundesweit sind 100.000 Menschen auf eine regelmäßige Blutwäsche angewiesen, weitere 20.000 leben mit einer Spenderniere.

Aber so weit muss es nicht immer kommen. Zwar sind Schätzungen zufolge grob zehn Prozent der Erwachsenen in Deutschland von einer chronischen Nierenkrankheit betroffen – Tendenz steigend. Aber inzwischen können verschiedene neue Therapien häufig das Fortschreiten von Nierenschäden bremsen oder gar deutlich verzögern.

Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Erkrankung überhaupt erkannt wird. Und genau hier liegt das Problem, wie eine bundesweite Studie zeigt. Demnach sind Nierenprobleme zwar in der Bevölkerung durchaus verbreitet, die weitaus meisten Betroffenen ahnen aber nichts von dem Problem. Und viele Hausärzte scheinen wenig darauf zu achten.

„Betroffene fühlen sich häufig völlig gesund“

„Eine chronische Nierenkrankheit ist häufig, verläuft lange symptomlos und wird deshalb noch immer viel zu spät erkannt“, sagt Sylvia Stracke von der Universitätsmedizin Greifswald, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN). „Betroffene fühlen sich häufig völlig gesund, obwohl bereits ein erheblicher Funktionsverlust besteht.“

In der sogenannten NAKO-Studie wertete ein Team um Anna Köttgen und Peggy Sekula vom Institut für Epidemiologie und Prävention am Universitätsklinikum Freiburg Blutproben von 195.000 Erwachsenen aus – sowie Urinproben von 35.000 dieser Teilnehmenden. Das mittlere Alter lag bei 50 Jahren. Unter Einbeziehung der besonders aussagekräftigen Harnuntersuchungen hatte gut jeder Sechste – 18,4 Prozent – auffällige Werte, die auf eine Nierenerkrankung hindeuten können.

Nur fünf Prozent dieser Menschen gaben jedoch an, eine entsprechende Diagnose erhalten zu haben – die weitaus meisten ahnten davon also nichts, wie das Team jüngst im „Deutschen Ärzteblatt International“ berichtete.

Nierenerkrankungen verursachen Kosten in Milliardenhöhe

„Wir haben möglicherweise eine hohe Prävalenz undiagnostizierter Nierenerkrankungen“, sagt Studienleiterin Köttgen. „Das kann zum Beispiel auf eine mangelhafte Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten hindeuten.“

Allerdings flossen in die Analysen nur einmalige Messungen ein – für eine Diagnose reicht das nicht aus. Um eine chronische Nierenkrankheit (CKD) zu diagnostizieren, müssen die Werte über mindestens drei Monate hinweg auffällig sein. Doch frühere Studien zeigen, dass eine weitere Messung nach drei Monaten die Werte in vielen Fällen bestätigt hätte.

Hinzu kommt: Angesichts der demografischen Entwicklung – dem steigenden Anteil älterer Menschen in der Bevölkerung – werde eine frühzeitige Diagnose von Nierenerkrankungen immer wichtiger, betont Köttgen. Und: Eine spätere Abhängigkeit von Dialyse oder einem Spenderorgan ist nicht nur für die Betroffenen und ihre Angehörigen überaus belastend – sie ist auch aus gesundheitsökonomischer Sicht extrem teuer.

Eine der zehn häufigsten Todesursachen

So hat die Versorgung von CKD-Patienten in Deutschland im Jahr 2020 Gesundheitskosten in Höhe von mehr als 24 Milliarden Euro verursacht, wie DGfN-Generalsekretärin Nicole Helmbold kürzlich im „Tagesspiegel“ schrieb. Das entsprach demnach rund fünf Prozent der Gesamtausgaben.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzte bereits vor einem Jahr, dass weltweit fast 700 Millionen Menschen an einer chronischen Nierenkrankheit leiden, bundesweit schätzt Epidemiologin Köttgen die Zahl auf grob etwa 8 Millionen Menschen. „Ihre Prävalenz steigt stark und sie zählt inzwischen zu den zehn häufigsten Todesursachen“, schreibt ihr Team im „Ärzteblatt“ und ergänzt: „Mit einer weiteren Zunahme von CKD als Todesursache ist zu rechnen.“

Bekannt sei, dass ein großer Teil der Betroffenen keine formale Diagnose erhalte, heißt es weiter. Das sei umso bedenklicher, als neue Therapien ein Fortschreiten von Nierenschäden oft vermeiden könnten. „Vor diesem Hintergrund wird die frühzeitige Diagnose von CKD immer wichtiger, damit Betroffene vom therapeutischen Potenzial moderner Behandlungsstrategien profitieren können.“

Kreatinin im Blut und Albumin im Urin bestimmen

Die Niere ist ein Hochleistungsorgan: Sie produziert bei einem gesunden Menschen täglich rund 180 Liter Primärharn, wie die Greifswalder Nephrologin Stracke erläutert. Davon nimmt der Körper 178 Liter wieder auf. „Das ist eine enorme Leistung“, sagt Stracke.

Bei einer chronischen Nierenkrankheit nimmt die Funktion des Organs allmählich ab. Dadurch wird das Blut schlechter gereinigt. Gleichzeitig kann vermehrt das Eiweiß Albumin in den Urin gelangen – Fachleute sprechen dann von einer Albuminurie.

In der NAKO-Studie bestimmte das Team bei 195.000 Menschen im Alter von 19 bis 74 Jahren den Kreatininwert im Blut. Dieses Stoffwechselprodukt wird normalerweise über die Nieren ausgeschieden. Aus diesem Wert lässt sich – in Verbindung mit Alter und Geschlecht – die sogenannte geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) berechnen, ein wichtiger Wert zur Beurteilung der Nierenfunktion.

Zudem wurde bei 35.000 Teilnehmern der Albuminwert im Harn gemessen. Albumin ist ein Eiweiß, das sich normalerweise nur in sehr geringen Mengen im Urin findet. Anhand von Kreatinin im Blut und Albumin im Urin kann eine chronische Nierenkrankheit diagnostiziert werden, sofern die Werte über mindestens drei Monate auffällig sind.

Diabetes, Bluthochdruck, Adipositas und Alter als Risikofaktoren

Zwar büßt die Niere auch im Alter an Funktion ein – jedoch nur ganz allmählich. Bei Menschen etwa mit Diabetes und Bluthochdruck ist dieser Schwund deutlich beschleunigt. Auch Rauchen, Übergewicht, Herzkrankheiten, etliche Medikamente und eine genetische Prädisposition erhöhen das Risiko für eine chronische Nierenkrankheit.

Hausärzte veranlassen zwar mitunter den kostengünstigen Bluttest, den teureren Urintest dagegen eher nicht. „Wenn diese Werte nicht bestimmt werden, können Betroffene ihre Erkrankung gar nicht kennen“, sagt Stracke. Die Studie deute auf eine Lücke in der Früherkennung hin.

Aber wann sollten Ärzte ihre Patienten darauf untersuchen? Vor allem Risikogruppen sollten regelmäßig gescreent werden, sagt Stracke. Dazu zählen Menschen mit Diabetes, Bluthochdruck, Adipositas, Gefäßerkrankungen sowie ältere Menschen.

„Unterlassene Prävention ist deutlich teurer“

Das sei inzwischen umso wichtiger, als neue Therapien den Verlust der Nierenfunktion bremsen könnten. Die Expertin verweist auf RAAS-Hemmer (Renin-Angiotensin-Aldosteron-System-Hemmstoffe), SGLT2-Hemmer, die ein Transport-Eiweiß in der Niere blockieren oder die GLP-1-Rezeptoragonisten, die etwa den Blutzucker senken und beim Abnehmen helfen können.

Auch DGfN-Generalsekretärin Helmbold fordert eine bessere Früherkennung von Nierenkrankheiten, zumal diese vergleichsweise einfach sei: „Zwei etablierte und kostengünstige Untersuchungen – die Bestimmung der geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR) im Blut sowie der Urin-Albumin-Kreatinin-Ratio (UACR) im Harn – ermöglichen eine frühe Diagnose mit hoher Aussagekraft“, schrieb sie kürzlich. Internationale Leitlinien empfählen deshalb seit Jahren ein risikobasiertes Screening. „Prävention kostet Geld“, betonte sie. „Unterlassene Prävention ist jedoch deutlich teurer.“

Quelle: ntv.de, Walter Willems, dpa

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