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Politik

Manipulationsskandal an der türkischen Börse

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 25, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 25.09.2026 • 05:22 Uhr

Die türkische Börse wird von einem Manipulationsskandal erschüttert. Mehrere Investmentfirmen sollen einzelne Aktienkurse künstlich in die Höhe getrieben haben. Hunderttausende Anleger könnten betroffen sein.

Von Pia Masurczak, ARD-Studio Istanbul

Ein Manipulationsskandal an der Börse droht das Vertrauen der Türkei in ihren Finanzmarkt zu erschüttern. Bei 131 Fonds soll es mithilfe illegaler Absprachen zu enormen Kurssteigerungen gekommen sein. Einer der so gepushten Konzerne stand sogar kurzzeitig auf Platz zwei der wertvollsten Unternehmen der Türkei.

Umgerechnet rund 16 Milliarden Euro soll das Volumen dieser Fonds laut Finanzminister Mehmet Şimşek insgesamt betragen haben, ein Zehntel des gesamten türkischen Fondsmarkts. Es wäre damit der größte Börsenskandal in der türkischen Geschichte.

Die Ermittlungsbehörden werden aktiv

Bei diesen Summen sieht sich auch die türkische Finanzmarktaufsicht zum Handeln gezwungen. Am 17. September friert sie die betroffenen Fonds ein, damit kein Geld zu- oder abfließen kann. Innerhalb von sechs Monaten sollen die Fonds nun liquidiert werden.

Und die türkischen Behörden gehen auch strafrechtlich gegen die mutmaßlich Verantwortlichen vor. Vier Manager der entsprechenden Kapitalgesellschaften werden noch am gleichen Tag verhaftet. Rund eine Woche später liegt die Zahl der Verhaftungen bereits bei 26, gegen mehr als 60 Personen wird mittlerweile ermittelt.

Finanzminister sieht kein systemisches Risiko

Dass die Behörden so massiv und öffentlichkeitswirksam handeln, soll auch als Signal wirken. Finanzminister Şimşek betont in seiner Stellungnahme mehrmals, dass von diesen Fonds keine Ansteckungsgefahr ausgehe: „Was in der vergangenen Woche geschah, ist ein Kredit- und Liquiditätsproblem bei einer begrenzten Anzahl von Fonds; das heißt, es liegt kein flächendeckendes systemisches Risiko vor.“ Der Finanzplatz Türkei ist sicher, das dürfte die Hauptbotschaft gewesen sein.

Tatsächlich geht es bei den mutmaßlichen Manipulationen um einen sehr speziellen Teil des gesamten Aktienmarkts: Die meisten der 131 betroffenen Fonds waren sogenannte Geldmarktfonds, die vor allem in festverzinsliche Wertpapiere mit kurzer Laufzeit investieren. Ein Modell, das eigentlich als relativ sicher gilt.

Die Manipulationen betrafen aber wohl sogenannte Pennystocks, also nur selten gehandelte, sehr günstige Aktien. Hier wurden teils enorme Gewinne gemeldet. Ein von der Investmentfirma Tera Portföy verwalteter Fonds hat Medienberichten zufolge seit Anfang 2025 eine Rendite von mehr als 17.000 Prozent verzeichnet.

Kettenreaktion bringt das System ins Wanken

Ein solches System musste früher oder später kollabieren, sagt der Ökonom Onur Çanakçı. „Angenommen, ein Wertpapier ist eigentlich eine Lira wert. Sie treiben den Preis aber auf fünf, zehn, zwanzig oder vierzig Lira hoch. Wenn die Anleger dann irgendwann verkaufen wollen, finden sie zu einem Kurs von vierzig Lira natürlich keine Käufer mehr.“

Das Risiko war der türkischen Börsenaufsichtsbehörde SPK bekannt. Im August hatte die SPK neue Obergrenzen für den Besitz einzelner Aktien eingeführt. Was folgte, war eine Kettenreaktion: Um diese Obergrenze zu erfüllen, mussten die Fonds Aktien abstoßen, was wiederum die Kurse ins Rutschen brachte und vor allem bei den institutionellen Anlegern für Unruhe sorgte. Medienberichten zufolge sollen sie versucht haben, ihr Geld innerhalb kurzer Zeit aus den Fonds abzuziehen. Diese enorme Summe, rund ein Drittel des Gesamtvolumens, konnten die Fonds nicht mehr bedienen.

Leidtragende vor allem Kleinanleger

Insgesamt sollen mehr als 400.000 einzelne Anleger an den nun eingefrorenen Fonds beteiligt gewesen sein, darunter wohl zu einem großen Teil Kleinanleger. In der Türkei versuchen viele Menschen ihr Erspartes mithilfe von Aktiengeschäften vor der seit Jahren extrem hohen Inflation zu retten. Offiziell liegt sie derzeit bei rund 31 Prozent; unabhängige Experten gehen gar von mehr als 40 Prozent aus. Mit den marktüblichen Renditen kommt man der rasenden Geldentwertung aber kaum bei.

Auch deshalb haben sich vermutlich viele durch die enormen Gewinnversprechen der Fonds einwickeln lassen. Für den Ökonomen Çanakçı steht fest: „Für die Menschen ist das eine Katastrophe. Für den einen war es das Schulgeld seines Kindes, für den anderen Geld für eine Operation. Aber für alle bedeutet es einen erheblichen finanziellen Verlust.“

Der Standort büßt Vertrauen ein

Ein weiterer Verlierer könnte der Finanz- und Wirtschaftsstandort Türkei sein. Das Vertrauen ausländischer Investoren in das Land ist ohnehin geschwächt. Das liegt am schwankenden Kurs der Türkischen Lira, aber auch an grundsätzlichen Bedenken, sagt Çanakçı: „Die Türkei hat kein besonders gutes Image, insbesondere was die Funktionsweise des Rechtsstaates angeht. Viele einheimische Unternehmer verlagern ihre Tätigkeiten ins Ausland. Wenn dann auch noch solche Vorgänge an der Börse hinzukommen, wie wollen Sie dann ausländische Investoren in die Türkei holen?“ Dabei bräuchte das Land dringend neue Geldgeber. Umso mehr begrüßt Çanakçı das entschiedene Vorgehen der Behörden – auch wenn sie sehr spät gehandelt hätten.

Wie viel die Anleger von ihren Einlagen wiedersehen werden, wird sich im Liquidationsverfahren zeigen. Das könnte bis zu sechs Monate dauern, die Finanzmarktaufsicht SPK hat die Frist gerade noch einmal verlängert. Daneben müsse es aber auch um diejenigen gehen, die an den mutmaßlichen Manipulationen verdient hätten, fordert Oppositionsführer Özgür Özel von der Yeni Parti und deutete mögliche Verstrickungen von Politikern und Beamten an. Die Auswirkungen des Skandals dürften das Land noch lange beschäftigen.

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