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Politik

Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana gibt es neue Ermittlungen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 28, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 28.06.2026 • 07:05 Uhr

Nach dem verheerenden Brand im Schweizer Skiort Crans-Montana treten immer neue Details zu Tage. Inzwischen wächst die Kritik am Rettungseinsatz. Die Staatsanwaltschaft hat dazu neue Ermittlungen aufgenommen.

Von Stefanie Dodt und Mirjam Weidmann, ARD Genf

Sechs Monate nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana werden neue Details über die Silvesternacht bekannt. Die Staatsanwaltschaft hat dem ARD-Studio Genf bestätigt, dass ein neues Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde. Es soll klären, ob es zu Fehlern beim Rettungseinsatz gekommen ist.

Den Recherchen zufolge berichten Brandverletzte in mindestens drei Fällen, erst nach mehr als zwei Stunden nach dem Ausbruch des Feuers behandelt worden zu sein. Ein Nebenklage-Vertreter hat deshalb bei der Staatsanwaltschaft Sitten im Kanton Wallis Beschwerde eingereicht, ein anderer Anwalt verlangt die Erhebung neuer Beweismittel.

41 Tote und 115 Verletze

Bei dem Brand in einer Bar im Schweizer Kanton Wallis waren 41 Menschen gestorben und 115 verletzt worden. Eine Kellnerin hatte auf Champagnerflaschen angebrachte Sprühfontänen zu nah an die Decke gehalten. Der Akustikschaum der Decke fing Feuer, innerhalb von 92 Sekunden entstand ein Vollbrand.

Der offenbar leicht entflammbare Akustikschaum war vom Barinhaber nach dessen Angaben bereits zehn Jahre vor dem Brand zur Dämmung in der Bar verbaut worden und bei zwei Brandschutzkontrollen der Gemeinde nach Angaben der Kontrolleure nicht aufgefallen. Die Ermittlungen dazu dauern an. Eine ARD-Anfrage an die Gemeinde sowie an die Anwälte der Barbetreiber blieb unbeantwortet.

Rettungsdienst: Kein Mangel bei medizinischer Versorgung

Die Zentrale der Walliser Rettungsorganisation hatte in der Silvesternacht einen „Massenanfall von Verletzten“ ausgerufen. In einer Bankfiliale neben der Bar „Le Constellation“ wurde den Recherchen zufolge eine Sammelstelle für Schwerverletzte eingerichtet, die im weiteren Verlauf der Nacht abtransportiert wurden. Die anwesenden Ärzte hatten die Verletzten triagiert, also nach dem Schweregrad der Verletzungen eingeteilt, so Fredy-Michel Roten, der den Einsatz der Sanitäter in der Neujahrsnacht leitete.

Er bestreitet nicht, dass es zu Wartezeiten gekommen war. Ziel sei grundsätzlich, so lange wie möglich individualmedizinische Versorgung zu gewährleisten. Aber „in einem Fall wie Crans-Montana muss man anders arbeiten“, so Roten. „Wenn man nicht direkt künstlich beatmet werden muss, nicht ins Koma gelegt, und nicht direkt abtransportiert werden muss, spricht das dafür, dass man Glück hatte.“ Die ersten Profis seien nach 10 bis 15 Minuten vor Ort gewesen, um die Schwerverletzten zu versorgen. Einen Mangel bei der medizinischen Versorgung vor Ort habe es nicht gegeben.

Keine Toten während des Rettungseinsatzes

Laut dem polizeilichen Bericht nach dem Brand, der in den Recherchen ausgewertet werden konnte, sind die meisten Brandopfer direkt in der Bar verstorben. Demnach wurden 37 Menschen tot im Untergeschoss gefunden, die meisten von ihnen in der Nähe der Treppe. Diese war der einzige Weg ins Freie, da der Zugang zum Notausgang versperrt war – warum genau, ist noch Gegenstand der Ermittlungen.

Drei weitere Menschen waren im Erdgeschoss aufgefunden worden und konnten ins Freie verbracht werden, doch auch sie waren dem Bericht zufolge bereits verstorben. Während des Rettungseinsatzes kam demnach niemand ums Leben. Ein 18-Jähriger Schweizer starb einen Monat nach dem Feuer in einem Krankenhaus in Zürich.

Hilfe erst nach Stunden

Einer der Fälle, bei denen es zu Verzögerungen gekommen sein soll, ist der einer 16-Jährigen Mailänderin. Der italienische Anwalt Fabrizio Ventimiglia erklärt, die späte Versorgung habe damals zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustands seiner Klientin geführt. „Sofia fehlte es an Sauerstoff, das ist bestimmt ein wichtiger Punkt, der zu Sofias Schäden an der Lunge beitrug.“ Sie habe nach wie vor Probleme beim Sprechen und sei sehr heiser.

In einem Schreiben an die Ermittler führt der Anwalt die Situation der Jugendlichen in der Nacht weiter aus: Demnach lag sie nach 3 Uhr noch „auf dem Gehsteig, vor Kälte zitternd“. Weil es keine Wärmedecken gegeben habe, seien ihre Angehörigen gezwungen gewesen, sie mit ihren eigenen Jacken einzuhüllen.

Der zweite Fall ist der eines 17-jährigen Jungen, dessen Familie die Abläufe in der Nacht in einem Gedächtnisprotokoll festgehalten hat. Sie erinnern sich wie folgt:

02.40 Uhr: Er versucht zu atmen, sagt aber, dass es ihm nicht gelingt. 02.50 Uhr: Ihm ist sehr kalt. Die anwesenden Personen sagen, es gibt nichts, um ihn zuzudecken. 03.10 Uhr: Weiterhin vor Ort wartend – auf dem kalten Boden. Bis 04.00 Uhr: Sie warten am Boden (…). Sein Bewusstsein nimmt ab, und er kann fast nicht mehr atmen. Dann kommt er in den Krankenwagen.

Der Anwalt der Familie hat die Staatsanwaltschaft dazu aufgefordert, weitere Beweismittel zu erheben.

„Ich hatte ja noch Glück“

Auch der 17-Jährige Valentin berichtet im ARD-Dokumentarfilm „Crans-Montana: Leben nach dem Feuer“, in der Nacht lange auf Hilfe gewartet zu haben. Der Sohn einer deutsch-französischen Familie hat den Brand in der Silvesternacht nur knapp überlebt, seine Haut war zu 40 Prozent verbrannt. Es gelang ihm, über die Treppe zu entkommen. Dann wartete er zunächst in einem Café gegenüber der Bar auf Hilfe und wurde schließlich in die Bankfiliale neben der Bar gebracht.

Dort wartete er, bis seine Erinnerung gegen 03.30 Uhr endet. Erst dann habe er Hilfe bekommen. Die stark verbrannte Haut habe in der Kälte geschmerzt, so Valentin, und er habe damit gekämpft, sich wach zu halten. „Ich wollte schlafen, aber vielleicht, wenn ich einschlafe, wäre ich nicht mehr aufgewacht.“

Er hat dennoch Verständnis dafür, dass er warten musste. Zeitgleich war es für ihn eine große Belastung. „Ich versteh’s ja, weil es so viele Verletzte und Gestorbene gab. Aber ich hatte ja hatte noch Glück, weil ich unter denen war, die prioritär waren.“ Mit den körperlichen Folgen der Silvesternacht hat der 17-jährige bis heute zu kämpfen.

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