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Startseite»Nachrichten»Neue Strategie hinter Angriffen: Russland arbeitet fleißig am Ziel vom hungernden Kiew
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Neue Strategie hinter Angriffen: Russland arbeitet fleißig am Ziel vom hungernden Kiew

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 9, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Neue Strategie hinter AngriffenRussland arbeitet fleißig am Ziel vom hungernden Kiew

09.08.2026, 07:55 Uhr Von Denis Trubetskoy
Nach-einem-russischen-Raketenangriff-steigt-Rauch-ueber-der-Innenstadt-von-Kiew-auf
Beinahe jede Nacht schlagen derzeit Raketen in Kiew ein – weil es dem Land an Flugabwehrraketen fehlt. (Foto: picture alliance/dpa/AP)

Die ukrainischen Angriffe auf russische Logistiklager lenken davon ab, in welchem Umfang Russland diese Strategie selbst anwendet. Anders als im Land der Angreifer droht der ukrainischen Zivilbevölkerung große Gefahr: Kiew steht ein Winter ohne Strom, Wärme, Wasser und Nahrung bevor.

Russlands Angriffswelle mit ballistischen Raketen gegen Kiew und die umliegende Hauptstadtregion hat in der Nacht zum 5. August einen neuen Höhepunkt erreicht. Während wegen der fehlenden Patriot-Abwehrraketen die russischen Raketen fast ungehindert ihre Ziel erreichen, richtete sich der Angriff am Mittwoch in noch nicht dagewesener Dimension gegen die systemrelevante ukrainische Privatwirtschaft. Unter anderem wurde der größte automatisierte Distributionslagerkomplex des wichtigsten ukrainischen Onlinehändlers Rozetka in Browary zerstört. Ebenfalls komplett vernichtet wurden ein Sortierzentrum des führenden privaten Postunternehmens Nowa Poshta sowie ein wichtiges Logistikzentrum der Bausupermarktkette Epizenrt.

Für sich genommen sind russische Angriffe auf die Logistik der größeren Vertreter des ukrainischen Einzelhandels alles andere als neu. Schon 2022 nahm Russland diese Ziele ins Visier. Mehr als 30 Angriffe trafen allein im vergangenen Jahr die wichtige Logistikinfrastruktur von Nova Posta. Stand Anfang August 2026 zählt eines der wichtigsten ukrainischen Unternehmen überhaupt bereits über 20 Angriffe auf Terminals und Sortierzentren im ganzen Land. In der Region um Kiew wurden seit 2022 über eine Million Quadratmeter Lagerfläche vernichtet, was etwa die Hälfte der Vorkriegskapazität ausmacht. Allein im Laufe der letzten vier Wochen sollen jedoch über 400.000 Quadratmeter verloren gegangen sein.

Die systematischen ukrainischen Angriffe auf die Infrastruktur des russischen Online-Händlers Wildberries sind daher viel mehr eine Antwort auf das längst existierende und zuletzt eskalierende Vorgehen Russlands. Der russische Beschuss vom 5. August ist daher keine Antwort auf die ukrainische Angriffskampagne gegen die russischen Wildberries-Lager. Auch wenn Rache-Propaganda bei der russischen Aktion sehr wohl eine Rolle gespielt hat, geht es Moskau im Großen und Ganzen um etwas anderes in diesem langen Zermürbungskrieg: Das Leben in der Hauptstadt Kiew soll im kommenden Winter ganz und gar unmöglich gemacht werden. Als Folge der bisherigen Angriffe auf die Energieinfrastruktur werden erneute Strom- und Heizungsausfälle unvermeidlich sein. Vor dem kommenden Winter gesellt sich die berechtigte Sorge hinzu, Russland könnte zusätzlich die Wasserversorgung der Hauptstadt größtmöglich beeinträchtigen.

Beim Angriff von der Nacht auf Mittwoch geht es daher nicht einmal primär um den wirtschaftlichen Schaden in einer diesbezüglich ohnehin schweren Lage. Bei Rozetka etwa, dem ukrainischen Äquivalent zu Wildberries, der allerdings kleiner als das russische Unternehmen ist, werden die Verluste auf mehr als 40 Millionen Euro eingeschätzt. Besorgniserregend ist vor allem, dass am 5. August drei große Verteilzentren der wichtigen Supermarktketten Silpo, Fora und Novus getroffen wurden. An sich sind auch solche Angriffe nicht neu. Anfang Juni wurde etwa ein Lager der ebenfalls systemkritischen Kette ATB bei Dnipro angegriffen und zerstört. Dieses Verteilzentrum hatte rund 300 Filialen beliefert, weswegen die ATB-Logistik in der Region völlig umgestellt werden musste. Im Falle von Kiew ist aber ein systematisches Vorgehen bereits klar erkennbar.

Zu Beginn des vollumfänglichen Angriffskrieges entstand in der ukrainischen Hauptstadt mit inzwischen rund drei Millionen Einwohnern eine gewaltige Lebensmittelknappheit. Aufgrund der aktiven Kampfhandlungen wurde die Stadt von den wichtigsten regionalen Verteilzentren abgeschnitten, die an unterschiedlichen Ecken des Gebiets Kiew gelegen waren. Der Gütertransport unter ständigem heftigen Beschuss war in vielen Fällen schlicht zu riskant. Diese Erfahrung hatte zu einem Überdenken der gesamten Logistik geführt. So wurden einige Verteilzentren näher an die Stadt Kiew gebracht. Es wurden auch neue, kleinere Lagerhallen errichtet, um Risiken zu diversifizieren.

Trotzdem hängt selbst bei größeren Ketten die Belieferung der Supermärkte letztlich von den jeweils drei, vier wichtigsten Verteilzentren ab. Und diese können schon allein aufgrund ihrer Größe nicht geheim gehalten werden. In solche Lagerhallen wird täglich Produktion aus dem gesamten Land gebracht. Vereinzelte Produkte wie Brot werden zwar meist direkt in die Filialen transportiert, doch der absolute Großteil der Lieferungen verläuft über die Schlüsselzentren. Sollte Russland seine ballistischen Angriffe auf diese fortsetzen, wovon man in Kiew angesichts der eigenen, wachsenden Lücken in der Flugabwehr ausgeht, wackelt die Versorgung mit verderblichen Lebensmitteln ganz bedenklich.

Es könnte eine Situation entstehen, in der Kiews Supermarktketten zum uralten Lieferungssystem zurückkehren müssen, in dem die ursprünglichen Lieferanten ihre Produkte direkt in die einzelnen Geschäfte bringen. Neben den deutlich erhöhten Logistikkosten würde die Umstellung ohnehin nicht von heute auf morgen gelingen. Die Hersteller sind gar nicht darauf eingestellt, die Supermärkte einzeln zu beliefern. Die Kette ABT betreut etwa in Kiew und der Region um die Hauptstadt rund 270 Supermärkte. Die andere wichtige Kette Silpo betreibt allein in Kiew etwa 100 Geschäfte.

Bei aller Diversifizierung und Dezentralisierung, die man in Kiew und anderswo im Land seit 2022 vorantreibt, drohen neben den gesamtwirtschaftlichen Kosten zwei sehr konkrete Auswirkungen. Erstens müssen sich die Millionen Menschen in Kiew und Umgebung weiter steigende Preisen einstellen. Zweitens droht eine deutliche Verknappung des Angebots. Leere Supermarktregale wie in den ersten Märzwochen 2022 sind nicht zwinend. Russland wird aber sehr vieles daran setzen, Kiew im sechsten Kriegswinter endlich unbewohnbar zu machen. Bleibt es beim vollkommenen Mangel an Abwehrraketen kann die Russen kaum etwas aufhalten.

Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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