Im südenglischen Portsmouth haben Demonstranten teils gewaltsam versucht, die Weiterreise von Flüchtlingen zu verhindern. Sie beklagen eine „Invasion“ von Migranten an den Küsten – obwohl deren Zahl sinkt.
Am Sonntagabend ist es in der südenglischen Hafenstadt Portsmouth zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Rund 500 Personen, vor allem Männer, versammelten sich, einige waren schwarz vermummt. Sie brüllten: „Schickt sie zurück!“
Ihr Ziel: Die Weiterreise von rund 140 Flüchtlingen zu verhindern, die mit einem Boot über den Ärmelkanal gekommen waren. Behörden hatten sie am Strand entgegengenommen. Das nächste Ankunfts-und Registrierungszentrum liegt im südlichen Kent. Erst gegen drei Uhr morgens löste sich die Menge auf.
Labour-Politikerin Emma Reynolds verurteilte das Vorgehen der Männer im BBC-Radio scharf: Als Politikerin sei sie vom Recht auf friedlichen Protest überzeugt, „aber es ist klar, dass diese Art von einschüchterndem Verhalten eine Grenze überschreitet und dass es weder friedlich war noch friedlich gemeint“, sagte Reynolds.
Rechte Bürgerwehr zieht Gewalttätige aus dem ganzen Land an
Die Proteste werden der Gruppe „Patriot Platform“ zugerechnet, dessen Anführer der Brite Daniel Thomas ist. Nick Lowles, Vorsitzender der Antirassismusorganisation „HOPE not hate“, bezeichnete ihn im BBC-Radio als rechte Hand von Großbritanniens bekanntestem Rechtsextremen: Tommy Robinson.
Bei der Gruppe handle es sich im Grunde um eine Bürgerwehr, sagte Lowles. „Dieser Mann hat während der Unruhen 2024 die Menschen dazu aufgefordert, Ärger zu machen, und sie gedrängt, während der Proteste Anfang dieses Jahres nach Southampton zu fahren. Die Gruppe zieht einige der aggressiveren und gewalttätigeren Aktivisten aus der radikalen Rechten aus dem ganzen Land an.“
Zahl der Flüchtlinge sinkt – Rechte sehen „Invasion“ der Strände
Am Sonntag streamte Daniel Thomas live vom Protest in Portsmouth. Er sagte: „Alle Jungs aus dem ganzen Land kommen hierher. Das ist ihr Ground Zero. Hier sagen wir: Jetzt reicht’s. Dover war nur ein Probelauf.“
Schon am Samstag waren in der südostenglischen Hafenstadt Dover mehrere hundert schwarz gekleidete und teilweise mit Sturmhauben vermummte Männer durch die Straßen gezogen. Sie skandierten unter anderem „Stoppt die Boote“ und brachten den Fährverkehr in Dover, Großbritanniens geschäftigstem Hafen, für mehrere Stunden weitgehend zum Erliegen.
Immer wieder sprechen auch Politiker der rechtspopulistischen Partei Reform UK von einer „Invasion“ britischer Strände. Tatsächlich ist die Zahl der Flüchtlinge, die den Ärmelkanal überqueren, zuletzt aber zurückgegangen, sagte Labour-Politikerin Emma Reynolds. „Von Januar bis zum 1. September ist die Zahl der Menschen, die mit dem Boot kommen, um 43 Prozent gesunken“, so Reynolds. „80.000 Personen sind seit den letzten Parlamentswahlen zurückgeschickt worden, weil sie kein Aufenthaltsrecht haben.“ Das sei ein starker Anstieg.
Migration – eines der drängendsten Themen der Briten
Für viele Briten aber bleibt das Thema Migration eines der drängendsten, wie etwa Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Yougov zeigen. Donna Jones, Polizei-und Kriminalitätsbeauftragte für Hampshire und die Isle of Wight, nannte es zudem „extrem ungewöhnlich“, dass ein Flüchtlingsboot in der Nähe von Portsmouth auftauchte, und warnte davor, dass die Stadt zu einem neuen Ziel für Menschenschmuggler werden könnte.
Portsmouth sei nicht darauf ausgelegt, illegale Einwanderer aufzunehmen und deren Fälle zu bearbeiten, sagte Jones. „Deshalb war das auch eine sehr komplexe Operation. Meine größte Sorge ist, dass Portsmouth zu einem bevorzugten Ziel für Menschenhändler wird, die versuchen, Menschen nach Großbritannien zu bringen – das ist eine echte Sorge.“
Normalerweise werden viele Boote abgefangen und nach Dover gebracht. Schmuggler setzen aber zunehmend auf weitere, riskantere Routen. Immer wieder sterben Flüchtlinge bei der Überfahrt.

