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Politik

Reformdebatte: Hat Schwarz-Rot die Jugend noch im Blick?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 6, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 06.06.2026 • 06:12 Uhr

Kanzler Merz verspricht der jungen Generation eine gute Zukunft. Die fühlt sich hingegen vielfach nicht gehört. Aus Ihrer Sicht gehen die geplanten Reformen weitgehend in die falsche Richtung.

Sarah Beham

Es ist eine Botschaft der Zuversicht, die der Kanzler immer wieder in Richtung junge Generation setzt. Anfang Juni auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum im brandenburgischen Bad Saarow sagte Friedrich Merz, es lägen die besten Jahre nicht hinter dem Land, sondern „sehr gute Jahre vor uns“. Merz arbeite daran, dass die Kinder und Enkel eines Tages sagen könnten: „Ja, die haben es damals verstanden, die haben das richtig gemacht und die haben auch die richtigen Entscheidungen getroffen.“

Wer mit jungen Leuten spricht, hört derzeit oft das Gegenteil von Zuversicht: Ein junger Mann macht sich bei einer Straßenumfrage Gedanken, ob er sich jemals ein Haus leisten könnte. Ein anderer fühlt sich nicht gehört, und „nebenbei wird einem gesagt, dass man selber für die Renten vorsorgen soll“. Er fühle sich von der Politik oft nicht priorisiert.

„Unverantwortliche“ Lasten für die junge Generation?

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, widerspricht den jungen Leuten nicht, im Gegenteil. Als Wissenschaftler müsse man eigentlich abwägen, sagt er im Interview mit tagesschau.de. „Hier fällt es mir schwer, der jungen Generation nicht zuzustimmen. Sie haben zu 100 Prozent recht.“ Die Liste sei lang: von der Umweltzerstörung über ungleiche Bildungschancen bis hin zur Rente. Was an Lasten auf Junge umverteilt werde, nennt Fratzscher „unverantwortlich“.

Besonders scharf geht er beim Thema Rente ins Gericht. Vor 25 Jahren habe man einen Nachhaltigkeitsfaktor eingeführt. Das bedeutet, wenn immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Rentner finanzieren müssen, wird bei der jährlichen Rentenerhöhung gebremst. Oder anders: Es wurde versprochen, dass die Älteren bei der demografischen Wende Abstriche machen.

Die Bundesregierung habe das im vergangenen Dezember ausgehebelt und gesagt: „Nein, wir ignorieren dieses Versprechen an die junge Generation und erhöhen die Renten in der Zukunft effektiv stärker als die Löhne“, sagt Fratzscher. „Das ist, was das die Garantie des Rentenniveaus letztlich beinhaltet.“

Spardruck sorgt für Verunsicherung

Beschlossen hat die schwarz-rote Bundesregierung bereits ein erstes Rentenpaket, das unter anderem das Rentenniveau bis 2031 stabil hält. Doch auch die Jüngeren sollten nicht leer ausgehen. Deshalb haben sich Union und SPD die Frühstartrente ausgedacht: Der Staat gibt zehn Euro monatlich pro Kind für ein Aktiendepot – eine staatlich geförderte private Altersvorsorge.

Doch die Kassen sind knapp – und so wird selbst dieses Versprechen gestreckt: Statt für alle 6- bis 18-Jährigen startet die Förderung jahrgangsweise, beginnend mit den 2020 geborenen Kindern. Die heute 7- bis 18-Jährigen gehen vorerst leer aus.

Der Spardruck zeigt sich auch anderswo. Die angekündigte „große BAföG-Novelle“ wackelt gewaltig. Die Wohnkostenpauschale sollte bereits in diesem Wintersemester von 380 auf 440 Euro steigen, der Grundbedarf – aktuell 475 Euro – dauerhaft an das Grundsicherungsniveau gekoppelt werden. Von Unionsfraktionschef Jens Spahn und der zuständigen Forschungsministerin Dorothee Bär kamen stattdessen Signale der Verunsicherung und des Sparens.

Dazu kommen Sorgen um mögliche Kürzungen beim Elterngeld und Kritik an der geplanten Pflegereform von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU), die nach Ansicht von Kritikern auch die Jüngeren treffe.

Demografischer Wandel sorgt für Ungleichgewicht

Junge Menschen und Familien, so die Befürchtung von Betroffenen und Ökonomen, sind Gruppen ohne laute Lobby. Und der demografische Wandel verstärkt das auch an der Wahlurne. Bei der Bundestagswahl 2025 waren lediglich 3,9 Prozent aller Wahlberechtigten Erstwähler. Dem gegenüber stand mit über 42 Prozent die große Gruppe der über 60-Jährigen. Unter 30-Jährige stellten nur rund 13 Prozent.

Auch das Parlament selbst ist kein Abbild der Gesellschaft – der Blick auf das Alter zeigt: Das Durchschnittsalter der Abgeordneten liegt bei 47,1 Jahren; nur 32 der 630 Abgeordneten sind jünger als 30.

„Wir haben einerseits Wählerwünsche, die sich sehr stark an der eigenen Generationenzugehörigkeit orientieren – und wir haben dagegen die Notwendigkeit des Handelns, wie sie von Experten aber auch Jüngeren immer wieder dagegengehalten wird“, benennt Generationenforscher Jörg Tremmel von der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen im tagesschau.de-Gespräch das Dilemma.

Tremmel meint, wir lebten über unsere Verhältnisse, so könne es nicht weitergehen. Auch, dass Politiker Probleme in die Zukunft verschieben würden nach dem Motto: „Bloß nicht in meiner Amtszeit irgendein Risiko für meine Wiederwahl eingehen.“

Partei- statt Generationenlinien

Doch „die Jungen“ sind keine geschlossene Front in der Politik: Wird es konkret, treten die Parteilinien hervor. Unter dem Begriff „Generationengerechtigkeit“ verstehen die jeweiligen Vorsitzenden der Jugendorganisationen etwas anderes.

Für Johannes Winkel von der Jungen Union heißt er, „bei den Sozialversicherungen und bei den anstehenden Reformen die Lasten des demografischen Wandels fair zwischen den Generationen aufzuteilen.“ Für ihn liegt das zentrale Instrument hierfür im Nachhaltigkeitsfaktor.

Philipp Türmer, Chef der SPD-Jugend, legt den Finger auf eine andere Stelle: „Im Moment werden Reformen gleichgesetzt mit Kürzungen, und diese Kürzungen betreffen in der Regel am meisten junge Menschen, weil die mehr zahlen müssen und am Ende weniger bekommen.“ Er fordert Strukturreformen und eine Bürgerversicherung, in die alle einzahlen – auch Beamte und Politiker.

Kompromiss gesucht

Jetzt gilt es, bei den anstehenden Reformen wie bei der Rente einen Kompromiss zu finden, nachdem die Expertenkommission Ende Juni ihre Vorschläge vorlegen wird. Kanzler Merz sieht eine positive Zukunft, „wenn wir jetzt gemeinsam statt gegeneinander daran arbeiten“. Das Hoffen aber auf „einen großen Befreiungsschlag“ müssten die Menschen hinter sich lassen.

Den „großen Big Bang, der alle Probleme auf einmal löst“ – den gebe es nicht. Bleibt der Maßstab, den der Kanzler selbst gesetzt hat: Dass die Enkel einmal sagen, man habe es richtig gemacht.

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