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Startseite»Politik»Schweizer Soziologe Jean Ziegler mit 92 Jahren gestorben
Politik

Schweizer Soziologe Jean Ziegler mit 92 Jahren gestorben

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 10, 2026Keine Kommentare3 Minuten Lesezeit
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Stand: 10.06.2026 • 15:26 Uhr

Er gehörte zu den schärfsten Globalisierungskritikern, prangerte Kapitalismus und Profitgier an – und er polarisierte, vor allem auch in seiner Heimat Schweiz. Nun ist der Soziologe Jean Ziegler im Alter von 92 Jahren gestorben.

Der Schweizer Soziologe und Ex-Politiker Jean Ziegler ist gestorben. Das bestätigte seine Frau dem Schweizer Rundfunk RTS und anderen Medien. Er wurde 92 Jahre alt.

Ziegler, im Jahr 1934 als Hans Ziegler in Thun geboren, wollte als Autor und UN-Berater gegen Ungerechtigkeit in der Welt kämpfen. Er setzte sich zeitlebens gegen Globalisierung, Profitgier und „die verlogene Herrschaftsschicht“ ein. Von 1967 bis 1999 war er mit einer vierjährigen Unterbrechung Abgeordneter in der großen Parlamentskammer, dem Nationalrat, für die Sozialdemokraten. Er war Soziologie-Professor an der Universität Genf.

Viel Kritik an und aus der Schweiz

Bekannt wurde er 1976, nachdem er in seinem Buch „Eine Schweiz, über jeden Verdacht erhaben“ großen Schweizer Konzernen Profite auf Kosten der Ärmsten vorgeworfen hatte. 1990 stellte er seine Heimat als Finanzdrehscheibe des internationalen Verbrechens dar („Die Schweiz wäscht weißer“).

In „Die Schweiz, das Gold und die Toten“ prangerte er 1997 die Verstrickung von Schweizer Geldinstituten mit den Nazis und den Umgang mit Guthaben von Holocaust-Opfern auf Schweizer Konten an. Vor allem in seiner Heimat brachten ihm seine Schriften viel Kritik ein, oft wurde er als Nestbeschmutzer und Landesverräter beschimpft.

Immer wieder Gerichtsprozesse

Mehrere seiner Bücher wurden Bestseller, aber reich wurde Ziegler nie. Er musste Hunderttausende Franken wegen Verleumdung an Leute zahlen, die er angegriffen hatte.

Als UN-Berater prangerte er die Produktion von Biotreibstoffen in Drittweltländern an, die auf Kosten des Nahrungsmittelanbaus gehe. Er forderte ein Bleiberecht für Hungerflüchtlinge in wohlhabenden Ländern und einen Verhaltenskodex für transnationale Konzerne.

Lange verteidigte er aber auch Pol Pot, der in den 1970er-Jahren aus Kambodscha einen marxistischen Bauernstaat machen wollte und dessen Schreckensherrschaft für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich war. 1989 beriet Ziegler Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi, was er im hohen Alter als Fehler bezeichnete. Er applaudierte auch dem populistischen Präsidenten Venezuelas, Hugo Chávez, und ließ kein schlechtes Wort auf Kuba kommen.

Mit de Beauvoir und Sartre befreundet

Ziegler war mit 18 Jahren aus seiner gutbürgerlichen Familie mit Villa in Thun nach Paris geflohen, wurde dort zum Marxisten und war mit Ikonen der Linken wie Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre befreundet. De Beauvoir verpasste dem jungen Mann seinen weltläufigen Vornamen, sagte er: Sie machte aus dem gebürtigen Hans einen Jean.

Entscheidend war für ihn auch eine Begegnung mit Che Guevara 1964, wie er oft berichtete. Ziegler chauffierte den kubanischen Guerillaführer bei einer UN-Zuckerkonferenz in Genf. Er habe mit ihm in den Kampf ziehen wollen. Der habe ihm aber geraten, in Genf zu bleiben und „das Gehirn des Monsters“ zu bekämpfen.

Zu seinem 90. Geburtstag bezeichnete Ziegler sich im April 2024 als „privilegiert unter den Privilegierten“. Schließlich sei er in einem „zwar korrupten, aber freien Land“ geboren, sagte er der „Schweizer Illustrierten“. Zuletzt lebte er in Russin bei Genf.

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