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Startseite»Politik»Sexualisiertes Fehlverhalten: Fast 2000 Verdachtsfälle bei der Bundeswehr
Politik

Sexualisiertes Fehlverhalten: Fast 2000 Verdachtsfälle bei der Bundeswehr

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 8, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 08.09.2026 • 18:20 Uhr

Eine Auflistung aus dem Verteidigungsministerium gibt Aufschluss über Verdachtsfälle von sexualisiertem Fehlverhalten innerhalb der Bundeswehr, die in den letzten fünf Jahren gemeldet wurden. Insgesamt gab es fast 2.000 solcher Verdachtsmeldungen in dem Zeitraum.

Von Berit Kalus, Martin Kaul, Helene Fröhmcke WDR und Catharina Felke, NDR

Es geht um Vorwürfe der sexuellen Belästigung bis hin zum sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen – ein Auswertung aus dem Verteidigungsministerium listet fast 2.000 Verdachtsmeldungen in den vergangenen fünf Jahren auf.

Bei den Zahlen, die NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung vorliegen, handelt es sich zunächst um Verdachtsfälle zu sexualisiertem Fehlverhalten, die über das Meldewesen der Bundeswehr beim Verteidigungsministerium in den Jahren 2021 bis 2025 erfasst wurden. Bestandteil der Auflistung sind dabei alle Fälle, an denen Bundeswehrangehörige beteiligt sind – unabhängig davon, ob sich der Vorfall während des Dienstes oder außerhalb der Bundeswehr ereignet hat.

Erfasst wurden dabei sowohl Fälle, in denen Bundeswehrangehörige mutmaßlich Opfer waren, als auch solche, in denen sie beschuldigt wurden. Über den Zeitraum ist ein Anstieg der gemeldeten Verdachtsfälle zu verzeichnen, von 312 Meldungen im Jahr 2021, auf insgesamt 472 Meldungen im Jahr 2025. Ein Teil des Anstiegs kann auch damit zusammenhängen, dass Betroffene heute eher melden als früher. Insgesamt gingen so 1.965 Verdachtsmeldungen zu sexualisiertem Fehlverhalten ein – davon wurden laut Ministerium 1.114 Vorgänge an die Staatsanwaltschaften abgegeben.

Unterschiedliche Vorwürfe

Die Meldungen erstreckten sich dabei vom Vorwurf der sexuellen Belästigung – der weitaus am häufigsten gemeldete Tatbestand mit insgesamt 828 Meldungen – bis hin zum sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen (9 Fälle). 395 Meldungen gab es zu mutmaßlichen sexuellen Übergriffen, Nötigung und Vergewaltigungen. Der überwiegende Teil dieser Fälle betraf Sachverhalte im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen, teilte dazu eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums mit.

In mehr als 50 Verdachtsmeldungen, so steht es in der Übersicht aus dem Bundesverteidigungsministerium, geht es um den sexuellen Missbrauch von Kindern. Auch mehr als 200 Verdachtsmeldungen im Zusammenhang mit Kinderpornografie finden sich darin. In 31 Fällen wurden exhibitionistische Handlungen gemeldet, in zwei Fällen der Verdacht auf Zuhälterei.

Wie viele dieser Verdachtsfälle zu Strafverfahren führten, wird in der Statistik im Verteidigungsministerium nicht erfasst. Zur tatsächlichen Zahl der zu Ende ausermittelten Straftatbestände schreibt eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums: „Eine Verknüpfung von gemeldeten Verdachtsfällen und den abschließenden Ergebnissen von Strafverfahren erfolgt in der Datenbank des Meldewesens nicht.“ Die Zuständigkeit für Strafverfahren liege nicht beim Ministerium, sondern bei den Strafverfolgungsbehörden der Länder.

Bundeswehrführung will stärker gegen sexuelle Übergriffe vorgehen

Am Montag hatte Generalinspekteur Carsten Breuer sich mit einem internen Schreiben, dem sogenannten „Tagesbefehl“, an alle Soldatinnen und Soldaten und Kommandeure und Kommandeurinnen gewandt und gewarnt, dass er den Umfang der Meldungen zu sexualisiertem Fehlverhalten mit großer Sorge beobachte: „Die Zahl der gemeldeten Fälle ist zu hoch.“ Breuer mahnte: „Solche Verhaltensweisen“ hätten keinen Platz in den Streitkräften und dürften „weder durch Vorgesetzte noch Untergebene oder Gleichgestellte akzeptiert werden“.

Auch ein bewusstes Wegschauen oder stillschweigendes Tolerieren müsse Folgen haben, so Breuer. Breuer ist Generalinspekteur der Bundeswehr und damit der ranghöchste Soldat. Insgesamt arbeiten für die Bundeswehr gut 267.000 militärische und zivile Beschäftigte, etwa 13 Prozent der Militärangehörigen sind Frauen. Über das Schreiben, das auch WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung vorliegt, hatte zuerst der Spiegel berichtet.

Großes Dunkelfeld

Immer wieder kommt es in Bundeswehrkasernen zu sexuellen Übergriffen, teils auch durch Vorgesetzte. Wie viele dieser Vorfälle allerdings überhaupt gemeldet werden, ist unklar. Oft fürchten Soldatinnen offenbar auch negative Konsequenzen für ihre eigene Karriere, wenn sie Vorfälle in ihrer Bundeswehreinheit melden.

Das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissen der Bundeswehr selbst weist auf seiner Website darauf hin, dass ein nicht unerheblicher Anteil von sexualisiertem Fehlverhalten nicht erkannt oder gemeldet werde. Für mehr Aufklärung soll daher nun eine sogenannte „Dunkelfeldstudie“ sorgen, die derzeit dort erstellt wird.

Die Wissenschaftler sollen beleuchten, wie groß das Dunkelfeld sein könnte und warum Betroffene Vorfälle nicht melden – sei es aus Angst vor negativen Konsequenzen oder weil möglicherweise das Vertrauen in die Verfahren zur Aufklärung fehlt. Die ersten Ergebnisse der Studie werden für Ende des Jahres erwartet.

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