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Politik

Studie: AfD-Politik nicht auf Arbeiter ausgerichtet

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 13, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 13.08.2026 • 07:16 Uhr

Die AfD holt bei Arbeitern besonders viele Stimmen. Laut einer von Panorama in Auftrag gegebenen Studie hält sie aber am marktliberalen Kurs ihrer Gründungszeit fest – und hat ihn zuletzt sogar verschärft.

Von Sebastian Friedrich und Isabel Schneider, NDR

Bei der vergangenen Bundestagswahl war die AfD erstmals stärkste Partei unter Arbeiterinnen und Arbeitern. Je nach Umfrageinstitut machten zwischen 30 und 38 Prozent der Arbeiterinnen und Arbeiter ihr Kreuz bei der AfD. Eine Studie der Universität Tübingen im Auftrag von Panorama kommt zu dem Ergebnis, dass die wirtschafts- und sozialpolitischen Positionen der AfD alles andere als arbeiterfreundlich sind. Die Partei sei „eindeutig am marktliberal-unternehmensfreundlichen-fiskalkonservativen Pol“ des Parteienspektrums einzuordnen und befinde sich damit zwischen Union und FDP. In einer der Auswertungen erreicht die AfD 92 Prozent marktliberale Positionen, die Union 79 und die FDP 100 Prozent.

Bild: Stimmanteile unter Arbeitern|im Vergleich zu 2021

Für die Studie analysierte der Politikwissenschaftler Floris Biskamp das Grundsatzprogramm sowie sämtliche Bundestags- und Europawahlprogramme der AfD seit 2013. Die Ergebnisse prüfte er mit weiteren Methoden, etwa quantitativen Programmanalysen und einer Auswertung der Antworten der Parteien auf Fragen des Wahl-O-Mats. Alle Auswertungen zeigen übereinstimmend, dass die AfD seit ihrer Gründung stark marktliberal ausgerichtet ist.

Analyse des Wahl-O-Mats

Dieser Befund zeigt sich exemplarisch in Biskamps Auswertung der Wahl-O-Mat-Antworten seit 2013. Vor Bundestagswahlen können die Parteien dort 38 von der Bundeszentrale für politische Bildung ausgewählten Forderungen zustimmen, sie ablehnen oder sich neutral positionieren. Biskamp wertete jene Aussagen aus, die sich eindeutig auf wirtschafts- und sozialpolitische Themen beziehen, etwa Fragen zu Steuerpolitik, Erhöhungen oder Kürzungen von Sozialleistungen, Staatsausgaben oder der Regulierung von Märkten.

Für die Antworten vergab er Punkte: Zustimmungen zu marktliberalen Forderungen oder Ablehnungen von umverteilenden Forderungen zählte Biskamp jeweils positiv, die umgekehrte Position negativ. Neutrale Antworten blieben ohne Einfluss. Anschließend übertrug Biskamp die Ergebnisse auf eine Skala von 0 bis 100 Prozent. Null Prozent stehen dabei für eine konsequent umverteilende und sozialstaatliche Position, 100 Prozent für eine maximal marktliberale, unternehmensfreundliche und fiskalkonservative Ausrichtung.

Das Ergebnis: Die AfD befindet sich seit ihrer Gründung deutlich am marktliberalen Ende des Spektrums und damit ungefähr zwischen Union und FDP. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte sie der Auswertung zufolge 92 Prozent. Nur die FDP lag mit 100 Prozent noch weiter am marktliberalen Pol. CDU/CSU kamen auf 79 Prozent, das BSW auf 29, SPD und Grüne auf jeweils 25 und die Linke auf acht Prozent.

In diesen Werten zeigt sich, dass die AfD nach einer zwischenzeitlichen Abmilderung wieder zum starken Marktliberalismus ihrer Anfangstage zurückgekehrt ist. 2013 lag sie bei 89 Prozent, 2017 bei 83 Prozent, 2021 bei 71 Prozent und 2025 bei 92 Prozent – und damit wieder auf dem Niveau ihrer Anfangsjahre.

Arbeiter als gezielt angesprochene Wählergruppe

Trotz dieser stark wirtschaftsliberalen Ausrichtung möchte die AfD laut Politikwissenschaftler Biskamp gezielt die Gruppe der Arbeiter ansprechen. Schon 2016 nahm die AfD Arbeiter als Wählergruppe in den Blick. In einem internen Strategiepapier des Bundesvorstands, das Panorama vorliegt, werden „kleine Leute“, Arbeiter und Arbeitslose als Zielgruppen genannt. Da die Partei in der gehobenen Mittelschicht ein negatives Image habe, gelte es, „fehlende Stimmen in den oberen Schichten durch umso bessere Ergebnisse bei den ‚kleinen Leuten‘ auszugleichen“.

Biskamp sieht darin einen frühen strategischen Blick auf Arbeiter: Verändert worden sei vor allem das Image, weniger die Programmatik.

AfD-Sozialpolitiker René Springer widerspricht dieser Interpretation. Andere Parteien, insbesondere die SPD, hätten eine „riesige Repräsentationslücke“ hinterlassen: „Wir füllen diese Repräsentationslücke, weil wir das Bedürfnis haben, diese Interessen zu repräsentieren.“ Als spezifische Arbeiterinteressen nennt Springer „Heimat, Familie und Leistung“, räumt aber ein, dass diese Werte nicht nur von Arbeitern geteilt werden.

Das ZEW Mannheim kam vor der Bundestagswahl 2025 zu dem Ergebnis, dass von den steuerpolitischen Vorschlägen der AfD überproportional Menschen mit hohen Einkommen und Vermögen profitieren würden. Springer kritisiert, dass solche Berechnungen indirekte Abgaben wie die CO2-Bepreisung nicht einbezögen. Deren Abschaffung käme allerdings ebenfalls Wohlhabenden überdurchschnittlich zugute, da diese im Schnitt mehr CO2 verbrauchen.

Wenn aus „oben gegen unten“ ein „innen gegen außen“ wird

Politikwissenschaftler Biskamp verweist darauf, dass die eigenen wirtschaftlichen Interessen nicht zwingend der ausschlaggebende Faktor für eine Wahlentscheidung sind. Insgesamt lasse sich feststellen, dass der Verteilungskonflikt zwischen „oben und unten“, bei dem es etwa um die Höhe der Löhne oder die Besteuerung von Vermögen geht, im politischen Wettbewerb an Bedeutung eingebüßt habe.

Das liegt Biskamp zufolge auch daran, dass sich heutige Arbeiterinnen und Arbeiter immer seltener in der Arbeiterbewegung sozialisieren: in klassischen Gewerkschaften oder in eigenen Organisationen für Arbeiterinnen und Arbeiter, etwa Arbeitersport- oder Arbeitersingvereinen. Statt „oben gegen unten“ bietet die AfD eine alternative Deutung an. René Springer sagt dazu im Interview mit Panorama: „Die soziale Frage des 21. Jahrhunderts, das ist eben nicht mehr die Frage zwischen ‚unten und oben‘, sondern es ist die Frage zwischen ‚innen und außen‘.“ Der Blick soll sich demnach weniger auf Reiche und Wohlhabende richten, sondern auf Migration und Globalisierung.

Es gehe darum, so der AfD-Politiker Springer, „sich vor denen zu schützen, die hierherkommen und am Ende das Sozialsystem ausnutzen“.

Sozialpolitik allein reicht laut Studie nicht

Die Studie von Politikwissenschaftler Biskamp kommt abschließend zu dem Urteil, dass es nicht ausreiche, wenn andere Parteien im Wettbewerb mit der AfD allein mit sozialpolitischen Angeboten punkten wollten. „Sie müssen auch darauf hinarbeiten, dass Wähler den Staat im Allgemeinen und den Wohlfahrtsstaat im Besonderen wieder als etwas wahrnehmen, das zur Verbesserung der Lebensbedingungen beiträgt und von dem sie selbst profitieren.“ Diese Wahrnehmung sei in den vergangenen Jahrzehnten deutlich geschwächt worden.

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