Tränen statt TriumphDFB-Ikone Popp verlässt ihre Bühne – die jetzt nur noch dem FC Bayern gehört
Alexandra Popp will ihre Erfolgsära beim VfL Wolfsburg mit dem Pokalsieg krönen. Doch die Übermacht des FC Bayern zieht dem Traum gnadenlos den Stecker. Während Popp ohne Triumph geht, ist der Machtwechsel im deutschen Frauenfußball endgültig vollzogen.
Der Drehbuchautor für Märchen hatte Vatertagnachmittag in Köln-Müngersdorf frei. Gelegenheiten, aus dem DFB-Pokalfinale zwischen den Fußballerinnen des VfL Wolfsburg und denen des FC Bayern eine Märchengeschichte für Alexandra Popp zu schreiben, hätte es durchaus gegeben. Dann wäre ein 35-Meter-Versuch der Leitwölfin in Minuten sieben nicht weit am Tor vorbei geflogen, sondern eingeschlagen. Oder aber der VfL Wolfsburg hätte einen Angriff in der 44. Minute, den Popp per Hackentrick einleitete, mit dem Tor zur Führung in einer zähen, von vielen Zweikämpfen geprägten Partie abgeschlossen.
Allerdings war genau dieser Wölfinnen-Attacke die wohl entscheidende Szene des Spiels vorausgegangen. Bevor Wolfsburg sich den Ball geschnappt und Popp auf Höhe der Mittellinie ihr Kabinettstückchen aufgeführt hatte, trug sich im Strafraum der Grün-Weißen ein Foul zu. Lineth Beerensteyn traf beim Versuch, den Ball in höchster Not zu klären, einzig und allein den Fuß von Momoko Tanikawa. Schiedsrichterin Franziska Wildfeuer sah das in Echtzeit zunächst nicht und ließ weiterlaufen. Wenig später steuerte sie auf Zuruf des Kölner Kellers den Bildschirm an und revidierte sich. Georgia Stanway ließ sich die Chance vom Punkt in Minute 45+2 nicht nehmen: In Andy-Brehme-Manier verwandelte sie unerhört präzise flach links zum 1:0 und stellte die Weichen für die Bundesliga-Meisterinnen zum psychologisch idealen Zeitpunkt auf Double.
Bayrische Effizienz trifft Wolfsburger Machtlosigkeit
Ein Tor ohne die freie Bahn des Elfmeters war in den 45 Endspiel-Minuten zuvor ganz weit weg gewesen. Beide Mannschaften beharkten sich im Mittelfeld, rieben einander auf, neutralisierten sich. Zweikämpfe sahen die 46.064 Zuschauer – Rekordkulisse für ein Frauenfinale – en masse, Torraumszenen waren Mangelware. Ein Schüsschen hier, eines da. Die Torwärterinnen blieben weitgehend unbeschäftigt. Das 1:0 spielte Bayern mächtig in die Karten.
Und doch hätte der Märchenonkel noch eine letzte Chance gehabt, diesem Spiel ein Kapitel wundersamer Pokalgesetze zu verpassen. In der vierten Minute der Nachspielzeit hatten die Bayern-Fans im Gästeblock schon den Torschrei auf den Lippen. Tanikawa legte im Sechszehner Pernille Harder den Ball vor die Füße, die schien von der Fünfmeterraumlinie leichtes Spiel zu haben. Doch Harder scheiterte an der Wolfsburger Abwehrspielerin Sarai Linder, die ihr linkes Bein ausfuhr und die Kugel abwehrte. Wieder so ein psychologischer Zeitpunkt – dieses Mal, um die Vorentscheidung zu verhindern. Die Wölfinnen schrien sich an, machten dicke Backen, pushten sich. Sie waren noch im Spiel.
Im Märchenland wäre dies die Initialzündung gewesen. Wolfsburg hätte in der zweiten Hälfte alle Kräfte mobilisiert und angeführt von Kapitänin Popp zurückgeschlagen. Die 35-Jährige hatte sich nach einer Wadenverletzung im März rechtzeitig ins Team zurückgefightet und ackerte auch auf dem Rasen des Müngersdorfer Stadions leidenschaftlich wie eh und je. Doch dieser 14. Mai war kein Tag für kitschige Pokalfiktion. Realität war angesagt. Und die war gnadenlos und unromantisch.
Nach der Pause übernahm der FC Bayern das Kommando. Die Münchnerinnen ließen Ball und Gegnerin laufen, kombinierten sich zu Chancen, bissen die Wölfinnen spielerisch. Dem VfL fiel nach vorne dagegen nichts ein, aber die Münchnerinnen ließen auch keine Räume, in denen Popp und Co. groß etwas hätte einfallen können. Das Pokalfinale zwischen Meister und Vizemeister offenbarte einen Klassenunterschied. Harder nutzte nach rund einer Stunde ihr nächstes Ding, köpfte nach einer lange durch die Luft gesegelten Flanke vom Fünfereck ein. Tanikawa (77.) machte alles klar, Arianna Caruso (84.) setzte per Freistoß den Schlusspunkt. Bayrische Effizienz traf Wolfsburger Machtlosigkeit.
Im Moment der Niederlage denkt Popp an ihren Vater
Dabei hätte Popp in ihrem letzten großen Spiel für den VfL Wolfsburg so gerne noch einmal gejubelt – wie sie es jahrelang getan hatte. Sieben Meisterschaften, zwei Champions-League-Titel, elf Pokalendspiele hat die Angreiferin mit dem Klub aus der Autostadt gewonnen. Vor zwei Jahren noch hatte Popp mit ihrem Rudel die aufstrebenden Bayern geärgert und ihr „Baby“ DFB-Pokal mal wieder gen Himmel gestemmt, 2:0 hieß es damals in Köln. Dieses Jahr war gegen die zur Nummer eins des deutschen Frauenfußballs aufgestiegenen Münchnerinnen kein Kraut gewachsen. Ein schmerzhafter (vorläufiger) Abschied von der großen Bühne für die langjährige DFB-Kapitänin, die in der kommenden Saison Borussia Dortmund aus der Drittklassigkeit schießen will.
Popp sank nach dem Schlusspfiff in sich zusammen, es dauerte, ehe gönnerhafte Siegerinnen in Rot sie wieder auf die Beine stellten. Popp weinte bitterlich in ihr Trikot, schlurfte energieberaubt über den Platz. In den Armen ihrer Teamkolleginnen heulte sie sich schließlich aus, im „Post-Match“-Interview bei Sky wurde es nicht minder emotional. „Ich glaube, mein Papa ist extrem stolz, und heute ist ja auch noch Vatertag“, sagte sie mit stockender Stimme: „Leider konnte ich ihn nicht beschenken.“
Popps Vater war im Dezember 2022 nach schwerer Krankheit gestorben. „Mein Papa war, glaube ich, mein größter Kritiker, aber auch mein größter Förderer. Von daher bin ich ihm sehr, sehr dankbar. Und gleichzeitig wird er auch sehr, sehr stolz sein, dass ich, glaube ich, mit 13 Pokalsiegen (zwei davon mit dem FCR Duisburg, Anm.d.Red.) hier einen Abgang mache.“
Später in der Mixed Zone referierte Popp ihren Gefühlszustand gefasster. „Es hat jeder gesehen, dass ich in Tränen ausgebrochen bin. Natürlich, weil die Enttäuschung riesengroß war und weil das mein letztes Pokalfinale gewesen sein könnte. Dementsprechend emotional war ich, weil ich zu diesem Pokal, zum Pokalfinale in vielen, vielen Jahren, eine besondere Bindung hatte. Und weil es heute auch mein vorletztes Spiel für den VfL Wolfsburg war“, sagte sie. Sportlich betrachtet müsse man „neidlos anerkennen, dass uns die Bayern überholt haben“.
Bayerns Frauen genauso dominant wie die Männer
Zum Ende der Ära Popp in Wolfsburg ist der Machtwechsel im deutschen Frauenfußball endgültig vollzogen. Das zweite Double in Serie der Münchnerinnen ist ein eindrucksvolles. In der Liga sind sie längst Meister, haben vor dem letzten Spieltag keine Partie verloren, liegen 16 Punkte vor Wolfsburg. Im Pokal hat das Team von Trainer Jose Barcala kein Gegentor kassiert. „Momentan ist der FC Bayern einfach die Benchmark im deutschen Frauenfußball“, sagte Wolfsburg-Trainer Stephan Lerch auf der Pressekonferenz: „Es gibt keine zwei Meinungen, dass die Bayern mehrere Schritte voraus sind.“
Zwischen München und dem Rest gebe es einen „Qualitätsunterschied“. Was bei den Herren seit Jahrzehnten eiserner Status Quo ist, gilt nun auch bei den Frauen. Die Konkurrenz sei gefordert, der Dominanz Einhalt zu gebieten, befand Lerch. Nicht nur das ab der zweiten Hälfte einseitige Endspiel vom Donnerstag zeigt: das wird verdammt schwer. Besonders für den VfL Wolfsburg.
Beim VW-Klub, der im deutschen Frauenfußball jahrelang den Ton angab und auch europäisch zur Crème de la Crème gehörte, sind die dicken Jahre vorbei. Die Schwäche der Männer, die am Samstag im Keller-Endspiel auf St. Pauli den ersten Abstieg seit ihrer Bundesliga-Zugehörigkeit 1997 abwenden wollen, haut überall im Verein rein. Stürzt der VfL in Liga zwei, dürfte der schwer angeschlagene Volkswagen-Konzern sein Engagement rationalisieren.
Das trifft auch die Frauen, Lerch sprach in Köln gar von einem „Standortnachteil“. Der Bau eines neuen Trainingsgeländes für die Frauen soll auf Eis liegen, solange der Klassenerhalt der Männer nicht fix ist. Mit Ralf Kellermann hört der Architekt der langen Erfolgsära im Sommer nach 18 Jahren als Direktor Frauenfußball auf. Offiziell, weil er „eine neue Herausforderung annehmen möchte“. Laut Medienberichten fühlte sich Kellermann in seinem Wirken aber von dem im März geschassten Sport-Geschäftsführer Peter Christiansen beschnitten und reichte daher seine Papiere ein. Und jetzt klafft auch noch diese „große Lücke“ (Lerch), die Alexandra Popp hinterlässt.
Die scheidende Leitwölfin richtete ihren Blick nach der Niederlage nach vorne. Popp zieht zurück in ihre Heimat, den Ruhrpott, und schließt sich ihrem Herzensverein Borussia Dortmund an. Regional- statt Bundesliga. Das Ziel ist klar: Sie soll die Schwarzgelben als Galionsfigur ins Oberhaus führen. „Der BVB hat enorme Strahlkraft auch im Frauenfußball“, sagte Popp. „Wenn alles glatt läuft, bin ich in zwei Jahren wieder hier.“ Das klang schon wieder eher märchenhaft.