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Politik

Unterseekabel als Sicherheitslücke am Meeresgrund

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 14, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 14.06.2026 • 13:35 Uhr

Unfälle und Sabotageakte bedrohen Unterseekabel, von denen die Kommunikation ganzer Staaten wie etwa Australien abhängt. 17 Staaten wollen kritische Unterwasser-Infrastruktur jetzt besser schützen.

Jennifer Johnston

Unterseekabel sind die digitalen Lebensadern der Welt. Mehr als 95 Prozent des weltweiten Internet- und Datenverkehrs werden über Glasfaserkabel auf dem Meeresboden übertragen. Das Aufrufen einer Website vom anderen Ende der Welt dauert dank der Kabel nur einige Millisekunden. Die Unterseekabel können jedoch leicht beschädigt oder durchtrennt werden – durch Schiffsanker und Fischernetze, aber auch durch absichtliche Sabotage. Weltweit wird durchschnittlich alle zwei Tage ein Unterseekabel beschädigt.

Der australische Verteidigungsminister Richard Marles warnte vor dieser wachsenden Bedrohung auf Asiens wichtigster Sicherheitskonferenz Shangri-La in Singapur. „Der Meeresboden ist ein Schlachtfeld geworden. In den vergangenen 18 Monaten hat die Welt eine Reihe von Angriffen auf Unterseekabel erlebt, die in Ausmaß und Häufigkeit in der Geschichte beispiellos sind.“

Umleitungen des Datenverkehrs nötig

Marles erinnert an die Sabotageakte in der Ostsee, aber auch in der Straße von Taiwan oder vor Vietnams Küste. Im Jahr 2023 waren alle fünf internationalen Unterseekabel von Vietnam nahezu gleichzeitig beschädigt.

In der Zeit musste der Datenverkehr über Landkabel und Satellitennetze mit geringerer Kapazität umgeleitet werden, was in Teilen des Landes zu extrem langsamen Internetverbindungen führte. Etwa 75 Prozent der verfügbaren Bandbreite war beeinträchtigt. Es dauerte Monate, bis die Kabel repariert waren.

Sabotageakte könnten leicht als Unfall getarnt werden, sagt Sicherheitsexpertin Darshana Baruah vom Internationalen Institut für Strategische Studien IISS. „Es ist fast unmöglich festzustellen, ob so etwas absichtlich oder versehentlich passiert ist. Wir haben sehr viele Daten ausgewertet. Mit Sicherheit lässt sich das oft nicht sagen.“

Für die Kabelschäden in der Ostsee und der Taiwan-Straße werden Russland und China verantwortlich gemacht. Doch dies nachzuweisen ist oft schwierig, ebenso jemanden dafür haftbar zu machen.

Unterseekabel weltweit

Weltweit gibt es etwa 550 Unterseekabel, die sich über mehr als eine Million Kilometer auf dem Meeresboden erstrecken. Die Kabel sind so lang, dass man sie circa 30-mal um den Äquator wickeln könnte. Und jedes Jahr kommen neue dazu. Im Kern des Kabels sind die Glasfasern, drum herum ein Stahldraht, der vor Druck und Ankern schützen soll. Außen schützt ein Kunststoffmantel vor Korrosion und Wasser. Große Seekabel haben dadurch einen Durchmesser von mehr als 20 Zentimetern und können bis zu 70 Kilogramm pro Meter wiegen.

Gefahren durch Fischerei

Im Südchinesischen Meer verlaufen Kabel, welche die Knotenpunkte Singapur, Hongkong und Japan mit dem Rest der Welt verbinden. Die Unterseekabel im Südchinesischen Meer sind besonders anfällig für Schäden, da die Region sowohl eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten als auch eines der größten Fischereigebiete der Welt ist. Auch Naturereignisse wie Seebeben und Unterwassererdrutsche können Schäden verursachen. Dazu kommen absichtliche Sabotageakte als Teil der hybriden Kriegsführung.

Die Reparatur der Kabel im Südchinesischen Meer wird durch konkurrierende Gebietsansprüche Chinas mit sechs südostasiatischen Anrainerstaaten erschwert. Private Kabelunternehmen sind darauf angewiesen, sich frei bewegen zu können. Doch sie brauchen immer häufiger eine Genehmigung aus Peking, was Reparaturarbeiten massiv verzögert.

Die Vereinigten Staaten erhöhen seit Jahren den Druck auf Unternehmen und Regierungen, nicht mit chinesischen Firmen zusammenzuarbeiten, unter anderem aus Sorge vor Spionage. Der strategische Wettbewerb zwischen den USA und China im Indopazifik beeinflusst, wie Kabel verlegt und gewartet werden, wer sie herstellt und welche Technologien eingesetzt werden.

Route durch das Südchinesische Meer am wichtigsten

Als Folge intensiver Lobbyarbeit der USA wurden zwei transpazifische Kabelprojekte amerikanischer Unternehmen inzwischen so verlegt, dass sie das Südchinesische Meer umgehen und stattdessen Gewässer entlang Indonesiens und der Philippinen nutzen. Solche Umwege erfordern mehr Kabel und verursachen daher massive Mehrkosten. Zudem führen die alternativen Routen an der Küste teils durch flachere Gewässer, wodurch die Leitungen anfälliger für Schäden werden.

Nach Ansicht vieler Experten bleibt die zentrale Route durch das Südchinesische Meer die direkteste und effizienteste Möglichkeit, den rasant steigenden Datenverkehr innerhalb Asiens zu bewältigen.

Australiens Verteidigungsminister Marles betont, dass sein Land als Inselstaat den Bedrohungen mit am stärksten ausgesetzt sei. Rund 99 Prozent des australischen Internetverkehrs würden über nur 15 Unterseekabel fließen. „Unser Finanzsystem, unser Gesundheitssystem, unsere Kommunikation, Geheimdienstpartnerschaften, unsere Fähigkeit als moderne Wirtschaft und funktionierender Staat zu agieren, hängt alles bedrohlich stark von einer Infrastruktur ab, die, wie wir in der Ostsee gesehen haben, mitten in der Nacht durch einen Anker durchtrennt werden kann.”

Er kritisiert, dass die Länder der Region „kollektiv zu lange gebraucht” haben, um zu erkennen, „dass Unterseekabel zu strategischen Zielen geworden sind.“

Deutschland noch nicht bei Initiative dabei

Australien ist daher eines von 17 Ländern, die sich Ende Mai in Singapur erstmals zusammengetan haben, um kritische Unterwasserinfrastruktur zu schützen – von Stromkabeln, über Ölpipelines bis hin zu Datenkabeln. Die teilnehmenden Staaten kommen aus Europa, dem Nahen Osten und dem Indopazifik.

Deutschland ist nicht dabei, könne sich für die Zukunft jedoch einen Beitritt vorstellen, sagt Florian Hahn, Staatsminister im Auswärtigen Amt. „Das Anliegen teilen wir absolut.“ Es gäbe bereits Gespräche. Besonders aufgrund Deutschlands Erfahrungen mit Kabelschäden in der Ostsee ist die Singapurer Initiative für Deutschland interessant. Noch scheitert ein Beitritt wohl an unklaren Zuständigkeiten in Berlin.

Die Länder, die jetzt schon an der Initiative teilnehmen, wollen sich gegenseitig früh bei möglichen Bedrohungen warnen, sich auf Experten-Ebene austauschen und durch feste Ansprechpartner ihre Reaktionsfähigkeit bei Zwischenfällen verbessern.

Neue Routen als Ausweichmöglichkeit

Länder im Indopazifik investieren zudem vermehrt in zusätzliche Kabel, um Ausweichrouten zu haben oder installieren Verbindungen über Land. Vietnam plant, bis 2030 mindestens zehn neue Kabelrouten zu errichten. Zudem haben sie kürzlich die erste Verbindung über Land nach Singapur über Thailand, Malaysia und Laos geschaffen. Es gibt auch Ideen für weitere Sicherheitsmaßnahmen, weiß Darshana Baruha vom Internationalen Institut für Strategische Studien, zum Beispiel durch Sensoren an den Kabeln, um Unterwasserbewegungen frühzeitig zu erkennen und Unterwasserdrohnen.

Dass der Schutz von Unterseekabeln inzwischen breit von Sicherheitsexperten, Verteidigungsministern und Militärs besprochen wird, zeigt, welche Bedeutung die Unterseekabel inzwischen für die nationale Sicherheit haben. Jeder Angriff auf einen Teil des Kabelnetzes sei ein Angriff aufs gesamte Netz, so der Tenor in Singapur.

Mitarbeit: Laura Scanu

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