Die Hamburger Elbphilharmonie hat sich vom teuren Projekt zu einem Konzerthaus von internationaler Strahlkraft entwickelt. Die Akustik ihres kristallklaren Klangs hat auch ihre Tücken.
Als die Elbphilharmonie endlich eröffnet wurde – die Aussichtsplattform am 6. November 2016, der Große Saal am 11. Januar 2017 – da lag die Messlatte hoch. Nach diversen Bauverzögerungen und dramatischen Kostensteigerungen bis zur Summe von 866 Millionen Euro erwartete man etwas Besonderes. 789 Millionen davon wurden aus öffentlichen Mitteln finanziert.
Ziel: Bestes Konzerthaus der Welt
Eins der besten Konzerthäuser der Welt sollte es ein, wenn nicht das Beste überhaupt. Akustisch herausragend und von Musikerinnen und Musikern der Spitzenklasse bespielt. Es sollte ein möglichst breites Publikum anlocken, gerade auch die jungen Menschen.
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Elbphilharmonie: Bilder des Hamburger Konzerthauses
Olaf Scholz: „Ein Haus für alle“
Jedes Kind in der Stadt solle einmal das Konzerthaus besucht haben, hatte der damalige Erste Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) gefordert. Mehr noch: Die Elbphilharmonie sei „Ein Haus für alle“. Außerdem wünschte das Stadtmarketing ein „Markensymbol“, das Hamburg im globalen Bewusstsein verankert.
Knapp zehn Jahre nach der Eröffnung, zu Beginn der Jubiläumssaison, ist es Zeit, zu überprüfen, ob und wie diese Erwartungen erfüllt worden sind.
7,4 Millionen Menschen bei Konzerten und Veranstaltungen
Am einfachsten lässt sich die Frage nach der Strahlkraft beantworten, weil es konkrete Zahlen gibt. Laut Statistik der Elbphilharmonie werden zum Januar 2027 29,5 Millionen Menschen auf der Plaza genannten Aussichtsplattform gewesen sein. 7,4 Millionen Menschen werden rund 6.600 Konzerte und andere Veranstaltungen besucht haben. Damit hat sich die Anzahl der Konzertbesucher pro Jahr im Großraum Hamburg seit Eröffnung der Elbphilharmonie verdreifacht.
Solche Fakten belegen, dass die Erwartungen nicht bloß erfüllt, sondern weit übertroffen worden sind. Auch, wenn der Andrang auf die Plaza zukünftig abflauen dürfte, sobald der Eintritt, wie angekündigt, ab dem 5. Oktober kostenpflichtig wird.
Spektakuläre Architektur hat Anteil am Erfolg
Das hat mit der spektakulären Architektur des Hauses zu tun, aber sicher auch mit der künstlerischen Qualität. Ein Blick auf den Konzertkalender des Hauses zeigt eine beeindruckende Dichte an großen Künstlerinnen und Künstlern. Stars wie die Geigerin Anne-Sophie Mutter, die Wiener Philharmoniker oder der Pianist Igor Levit sind regelmäßig hier zu Gast.
Ein Auftritt in Hamburgs Konzerthaus ist zum Gold-Standard geworden. „Wenn man dort regelmäßig auftreten darf, dann hat man es geschafft.“, sagt die Schlagwerkerin Vivi Vassileva bei einem Podiumsgespräch am Eröffnungstag zur neuen Jubiläums-Saison.
Anlass für Europatourneen
Dieser Ruf gelte laut Intendant Christoph Lieben-Seutter nicht nur im Bereich der Klassikszene: „Es ist auch im Jazz so, dass wir regelmäßig der Anlass für Europatourneen von amerikanischen Gruppen sind.“
Selbst für Prominente außerhalb der Musikszene ist die Elbphilharmonie eine Attraktion. So hat etwa der inzwischen verstorbene Star-Designer Karl Lagerfeld im Dezember 2017 eine exklusive Modenschau im Großen Saal gezeigt.
Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter sagt im Gespräch mit dem NDR: „Ich würde mit keinem anderen Saal der Welt tauschen.“
Der Rang der Elbphilharmonie ergibt sich jedoch nicht allein aus dem Glamour-Faktor bekannter Namen. Lieben-Seutter und sein Team schaffen mit ihren Partnerveranstaltern Programme, deren Vielfalt und Mut dem Musikbetrieb neue Impulse geben. Etwa mit den „Elbphilharmonie Visions“. Ein Festival für Orchestermusik des 21. Jahrhunderts, präsentiert in Zusammenarbeit mit dem NDR.
Außerdem weitet die Elbphilharmonie ihren Blick über die Grenzen der Klassik hinaus. Mit eigenen Jazz-Reihen, mit Schwerpunkten von Künstlerinnen und Künstlern wie der Sitarspielerin und Komponistin Anoushka Shankar, aber auch mit Festivals, die Musik aus dem Libanon, aus dem Kaukasus oder aus der Sufi-Tradition in den Fokus nehmen.
„Elbphilharmonie hat ihre schärfsten Kritiker überzeugt“
Gleichzeitig ist das Haus eng mit lokalen Akteuren verbunden. Etwa durch die Residenz des NDR Elbphilharmonie Orchesters, das rund 50 Konzerte pro Jahr im Großen Saal spielt. Oder mit der Reihe „Made in Hamburg“. Sie bietet Bands und Solo-Acts aus der Stadt eine Bühne. Der Anspruch, ein „Haus für alle“ zu sein, wird ernstgenommen.
Die hohe Qualität und die Vielfalt des Programms kommen an. „Die Elbphilharmonie hat auch ihre schärfsten Kritiker überzeugt“, konnte Christoph Lieben-Seutter schon vor Jahren in einem Interview mit der österreichischen Kleinen Zeitung feststellen.
Akustik ist sehr eigen
Ganz so uneingeschränkt lässt sich das über die Akustik nicht sagen. Der Große Saal hat zwar viele prominente Fans unter den Künstlern – wie etwa die Geigerin Anne-Sophie Mutter und den Dirigenten Esa-Pekka Salonen – und erntet überwiegend positive bis begeisterte Reaktionen.
Trotzdem haben einige kritische Stimmen, medial verstärkt, den Eindruck erwecken können, dass die Akustik heftig umstritten sei. Unbestritten ist der sehr eigene Charakter. Nicht nur durch die besondere Form des Saals, der das Publikum terrassenförmig aufsteigend um die Bühne herum gruppiert.
Der Akustiker Yasuhisa Toyota hat die Wände mit Paneelen aus hellem Gipsfaserbeton – bekannt als „Weiße Haut“ – verkleidet und so einen Raum geschaffen, der einen kurzen Nachhall hat und die höheren Frequenzen begünstigt.
Kristallklarer Klang – der auch jedes Störgeräusch transportiert
So entsteht ein heller, transparenter Sound, der keine schützende Hülle um die Musik legt. Er bildet jedes noch so feine Klangereignis plastisch ab. Selbst in den obersten Rängen, mit der größten Entfernung zur Bühne, hört man kristallklar. Umgekehrt bekommt man aber auch jede Unebenheit im Klang und jedes Störgeräusch genau mit.
Der Dirigent Sir Simon Rattle hat die Präzision der Akustik in einem NDR-Interview einmal so zusammengefasst: „Es ist wie eine hochauflösende Fotografie von einem Gesicht, bei der man denkt: oh mein Gott, mussten sie wirklich so nahe an die Haare herangehen, die mir aus der Nase wachsen?“
Musikvermittlung erreicht alle Altersgruppen
Wichtig ist auch das Thema Musikvermittlung. In den vergangenen zehn Jahren hat dieser Bereich mit 7.400 Veranstaltungen rund 420.000 Besucherinnen und Besucher aller Altersgruppen erreicht.
Das Angebot umfasst etwa verschiedene Publikumsorchester und einen Chor, aber auch zahlreiche Angebote für Kitas und Schulen.
Rund 680 Kita- und Schulworkshops pro Saison bringen Kinder und Jugendliche mit Musik in Berührung. Deshalb könne man davon ausgehen, dass die Elbphilharmonie der Forderung von Olaf Scholz sehr nahegekommen sei, sagt der Pressesprecher der Elbphilharmonie, Martin Andris: „Inzwischen hat nahezu jede Hamburger Schule mindestens einmal die Elbphilharmonie besucht.“
Viele der vorher gesteckten Ziele wurden also erreicht. Die Auslastung im Großen Saal liegt nach Angaben des Hauses bei 96 Prozent.
Nummer acht unter umstrittensten Gebäude aller Zeiten
Auch im globalen Bewusstsein hat die Elbphilharmonie, wie gewünscht, ihre Spuren hinterlassen. In einem Ranking der umstrittensten Gebäude aller Zeiten vom April 2026, erschienen in der New York Times, landet das Konzerthaus auf Platz acht. Laut Architektin Toshiko Mori als Beispiel dafür, „wie Kontroversen mit der Zeit an Bedeutung verlieren“. Nach der Fertigstellung, so Mori, habe sich die öffentliche Wahrnehmung des Baus komplett geändert. „Alle lieben es“.

