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Politik

Warum immer mehr Frauen sich gegen Kinder entscheiden

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 23, 2026Keine Kommentare3 Minuten Lesezeit
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Stand: 23.05.2026 • 09:35 Uhr

Kinder bekommen oder nicht? Immer mehr Frauen wollen keinen Nachwuchs. Wirtschaftliche Unsicherheit und fehlende Betreuung beeinflussen die Entscheidung – genau wie ein starres Rollenbild.

Von Ann-Brit Bakkenbüll, NDR

Olesja Ahlf dreht routiniert ihre Hula-Hoop-Runden. Sport gehört fest zu ihrem Alltag. Die 33-Jährige reist gern, arbeitet selbstständig als Coach, spricht auf Social Media offen über Mental Health, Selbstbestimmung – und darüber, keine Mutter werden zu wollen.

Für dieses Lebensmodell habe sie sich bereits Mitte 20 bewusst entschieden. Ohne Kinder habe sie vor allem mehr Freiheit. Zudem habe sich der Wunsch nie eingestellt, sagt sie über ihren Entschluss. Heute spricht Olesja offen darüber, doch das sei ihr schwergefallen.

Zwischen Erwartungen und Selbstbestimmung

Olesja Ahlf stammt ursprünglich aus Estland und kam im Alter von sechs Jahren nach Deutschland. Vor allem in ihrer Familie sei ihre Entscheidung zunächst auf Unverständnis gestoßen. Immer wieder habe sie gehört, sie habe noch Zeit oder werde ihre Meinung irgendwann schon ändern. Gerade in ihrem osteuropäischen Umfeld sei das klassische Bild von Frau und Mutter stark verankert.

Sich gegen Kinder zu entscheiden, müsse sie deshalb oft rechtfertigen und erklären. Gleichzeitig beobachte sie in ihrem Umfeld, dass viele Frauen heutzutage grundsätzlich anders auf Familie, Beruf und Selbstbestimmung blickten als frühere Generationen.

Frauen sind heute unabhängiger, besser ausgebildet und beruflich stärker eingebunden als früher. Gleichzeitig erleben viele Familien den Alltag als belastend – besonders dann, wenn Betreuung, Arbeit und finanzielle Sicherheit schwer miteinander vereinbar sind.

Olesja Ahlf genießt ihre Unabhängigkeit.

Zweifel und gesellschaftlicher Druck

Geprägt habe Olesja auch ihre frühere Arbeit als Erzieherin. Acht Jahre lang arbeitete sie in Kitas. Dort habe sie erlebt, wie groß die Belastung vieler Familien sei – vor allem für Frauen. Oft habe sie Mütter gesehen, die versuchten, Beruf, Betreuung und Familienalltag gleichzeitig zu organisieren.

Eine Erfahrung, die auch ihre Freundin Charline Kimmer gemacht hat. Die 32-Jährige arbeitet ebenfalls als Erzieherin und hat sich bewusst gegen Kinder entschieden. Mutterschaft bedeute für viele Frauen noch immer große persönliche Einschränkungen, sagt Charline. Gleichzeitig würden Frauen ohne Kinder gesellschaftlich häufig infrage gestellt.

Die Frage, ob sie ihre Entscheidung irgendwann bereuen könnten, kennen beide. Angst davor, im Alter allein zu sein, hätten sie trotzdem nicht.

Gesellschaft altert und schrumpft

Die sinkenden Geburtenzahlen beschäftigen inzwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Weniger junge Menschen bedeuten langfristig weniger Fachkräfte und erhöhen den Druck auf Renten- und Sozialsysteme.

Im vergangenen Jahr lag die Geburtenrate in Deutschland bei etwa 1,35 Kindern pro Frau. Für eine stabile Bevölkerungsentwicklung wären langfristig deutlich mehr Geburten nötig. Gleichzeitig wächst die Unsicherheit vieler Menschen: steigende Lebenshaltungskosten, hohe Mieten und Krisen beeinflussen zunehmend die Familienplanung.

Inzwischen erreichen die geburtenschwachen Jahrgänge der 1990er-Jahre das Alter, in dem die Menschen Kinder bekommen. Dadurch sinkt die Zahl potenzieller Eltern zusätzlich. Besonders stark ist der Geburtenrückgang derzeit in Ostdeutschland.

Auch familienpolitische Maßnahmen spielen offenbar eine Rolle. In der Vergangenheit stieg die Geburtenrate zeitweise wieder leicht an, nachdem Betreuungsangebote und finanzielle Unterstützung für Familien ausgebaut worden waren. Seit 2022 sinken die Zahlen jedoch erneut, nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen europäischen Ländern.

„Nicht allein die Verantwortung der Frauen“

Olesja Ahlf kann die gesellschaftliche Debatte über sinkende Geburtenzahlen nachvollziehen. Die Verantwortung dafür allein bei Frauen zu suchen, hält sie allerdings für falsch.

Stattdessen müsse man darüber sprechen, wie Familien besser unterstützt werden könnten, sagt sie – etwa bei Betreuung, Arbeitszeiten und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Frauen dürften nicht das Gefühl haben, allein die Verantwortung dafür zu tragen, dass das System funktioniere.

Die Entscheidung für ihre Zukunft hat Olesja längst getroffen. Und sie wünscht sich vor allem eines: Dass Frauen ihre Entscheidung irgendwann nicht mehr ständig erklären müssen.

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Dr. Heinrich Krämer
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