Reportage
Im Süden der Ukraine bildet die Donau die Grenze zu Rumänien. Immer wieder versuchen ukrainische Wehrpflichtige hier, ihr Land unerlaubt zu verlassen – per Boot oder sogar schwimmend mit Flossen.
Vormittag in der kleinen Grenzstadt Ismajil, ganz im Süden der Ukraine: Die Sonne brennt von einem nahezu wolkenlosen, tiefblauen Himmel. Selbst im Schatten steigen die Temperaturen auf mehr als 30 Grad. Die Donau plätschert leise gegen einen sandigen Abhang. Das Wasser ist beinahe glatt. Andrij steuert das Patrouillenboot des ukrainischen Grenzschutzes flussaufwärts.
Am gegenüberliegenden Ufer beginnt Rumänien. Dichtes Grün reicht dort bis ans Wasser. Nur der an dieser Stelle etwa 600 Meter breite Fluss trennt hier die Ukraine von Rumänien und damit von der Europäischen Union. Auf den ersten Blick wirkt dieser Abschnitt der Donau friedlich. Doch für manche Männer ist der Fluss ein Weg aus der Ukraine.
Grenzschützer Andrij warnt, dass die Strömung der Donau stärker sei, als die Flüchtigen vermuten würden.
Ausgerüstet mit Neoprenanzug und Flossen
Meist seien es hier Männer zwischen 30 und 40 Jahren, die dem Militärdienst entkommen wollen, sagt Andrij. Ausgerüstet mit Neoprenanzug, Flossen, Wasserscootern, manchmal Booten. Doch die Flucht ist gefährlich. Unter der ruhigen Oberfläche hat die Donau eine starke Strömung und der Weg sei meist weiter, als die Flüchtigen zuerst annehmen würden, sagt Andrij.
„Im März sind hier zwei Leute geschwommen“, erzählt der Grenzschützer und blickt auf das Wasser. „Einer begann zu ertrinken. Wir haben ihn herausgeholt. Und der zweite ist in der Zwischenzeit geflohen.“ Wie viele Männer die Ukraine seit 2022 unerlaubt verlassen haben, ist schwer zu erfassen. Ukrainische Recherchen gingen Ende 2025 von rund 70.000 illegalen Grenzübertritten durch Männer zwischen 18 und 60 Jahren aus.
Einige Männer hätten versucht, mit ihm zu reden, erzählt Andrij. Sie erklärten ihre Situation, baten ihn, sie gehen zu lassen. Ob ihm die Männer leidtun? Andrij überlegt nicht lange. „Manchmal tun sie mir leid“, sagt er. „Aber ein Verstoß ist ein Verstoß.“
24-Jährigem gelang die Flucht nach Polen
Einer, der bei seiner Flucht nicht aufgegriffen wurde, ist Wolodymyr Korenejew. Vor knapp drei Jahren war er an der Front im Donbass – in einer der damals am heftigsten umkämpften Gegenden, in der Nähe der heute russisch besetzten Stadt Awdijiwka.
Der damals 24-Jährige fuhr immer wieder als freiwilliger Helfer zu Soldaten, schnitt ihnen kostenlos die Haare. „So ein Haarschnitt ist wie eine Therapie“, sagte er damals der ARD. „Das ist sehr wichtig.“
Für Wolodymyr war das seine Art, im Krieg zu helfen. Viele seiner Freunde hatten sich 2022 freiwillig zum Dienst an der Front gemeldet. Für ihn undenkbar. Kämpfen könne er nicht, betonte er. Aber die Männer, die kämpfen, wollte er unterstützen.
Vor knapp drei Jahren im Donbass: Wolodymyr schneidet Soldaten die Haare. Später flieht er nach Polen.
Soldaten die Haare geschnitten
Es seien ganz normale Leute gewesen, die sich freiwillig gemeldet hätten. „Manche waren aus dem IT-Bereich oder der Stadtverwaltung“, sagte er. „Sie hatten immer für sich selbst gesorgt, sich gepflegt. An der Front haben sie diese Möglichkeit aber nicht mehr“, sagte er damals. „Also habe ich damit angefangen, weil es notwendig ist.“
Alle paar Wochen packte der Friseur sein Zeug zusammen und reiste für ein bis zwei Wochen an die Front. Die Soldaten waren ihm dankbar dafür. Denis, ein junger Soldat einer Artillerieeinheit sagte: „Es ist schön, wenn jemand hierherkommt und wir neue Gesichter sehen. Wir sehen hier jeden Tag nur das Gleiche.“
Und Sergij sagte mit einem Schmunzeln: „Sagen wir mal so – das gibt einem ein gutes Gefühl. Wirklich. Weil, na ja, vorher haben wir uns gegenseitig die Haare geschnitten. Ist nicht immer gut ausgegangen.“
Wolodymyr ist damals überzeugt: Es geht um viel mehr als um eine Frisur. Es geht darum, die ukrainischen Verteidiger zu unterstützen.
Mittlerweile ist Wolodymyr nach Polen geflohen. Auch dort hat er wieder Arbeit als Friseur gefunden.
„Große Angst, wieder in die Armee zu kommen“
Heute, fast drei Jahre später, schneidet Wolodymyr noch immer Haare. Nur der Ort ist ein anderer: Polens Hauptstadt Warschau. Er hat die Ukraine unerlaubt verlassen. „Um ehrlich zu sein, habe ich große Angst davor, in die Armee zu kommen“, sagt er heute in seinem neuen Friseursalon. „Wenn du in die Armee kommst, gehörst du nicht mehr dir selbst.“ Vor diesem Gefühl habe er große Angst.
2025 wurde er von der ukrainischen Armee eingezogen, erzählt Wolodymyr. Nach 30 Tagen floh er von einem militärischen Ausbildungsgelände. Später verließ er die Ukraine über den Landweg nach Rumänien. „Auf der einen Seite bin ich ein Verräter. Auf der anderen Seite haben mich sehr viele Jungs bei dieser Entscheidung unterstützt und mich dafür nicht verurteilt, weil sie anderen nicht das Schicksal wünschen, das sie selbst jetzt haben.“
Er ist überzeugt: Er werde vom Militär nicht gebraucht. Das Militär brauche vor allem Männer, die auch kämpfen wollen, motiviert seien.
Schäferhund Tango begleitet Grenzschützer Andrij bei seiner Arbeit.
Etwas Verständnis vom Grenzschützer
Die meisten Grenzschützer an der Donau sehen das anders. Doch Andrij hat auch Verständnis. Er hat selbst erlebt, was es bedeutet, die Heimat zu verlassen. Er stammt aus Mariupol. Als russische Truppen die Stadt 2022 besetzten, lebte er dort rund eineinhalb Monate unter Besatzung. Dann gelang es ihm, die Stadt zu verlassen. Er kam mit seiner Familie in den ukrainisch kontrollierten Teil des Landes und schließlich hierher, in die Gegend um Ismajil.
Er denkt, dass niemand leichtfertig seine Heimat verlässt. Jeder habe seine eigene Meinung, sagt er. „Sie sollen selbst entscheiden, wohin sie gehen und was sie mit ihrem Leben machen wollen. Ich habe mich entschieden, zu dienen.“
Wer bleibt, wer geht, wer kämpft – für die Ukraine ist diese Frage längst existenzieller Teil der Verteidigung geworden.

