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Politik

Widerstand als Kunstform – die Arbeiten von Gabriele Stötzer

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 20, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 20.06.2026 • 08:26 Uhr

Als erste Ostdeutsche erhält Gabriele Stötzer in diesem Jahr den Kaiserring – einen Kunstpreis der Stadt Goslar. Und der Martin Gropius Bau in Berlin ehrt die Künstlerin jetzt mit einer großen Ausstellung.

Als sie erfuhr, dass sie 2026 den Goslarer Kaiserring erhalten würde, wusste Gabriele Stötzer erst mal gar nicht, was für ein wichtiger Kunstpreis das ist. Sie dachte, sie bekäme halt einen Ring überreicht. Erst als sie recherchierte, wer diesen Preis vor ihr bekommen hat, und auf Namen wie Christo, Rebecca Horn oder Josef Beuys stieß, erschrak sie und dachte: „Morgen bist du tot.“ So jedenfalls erzählt sie es beim Pressegespräch zu ihrer Ausstellung „Dabei sein und nicht schweigen“ im Gropius Bau.

Prägend für die Kunst- und Untergrundszene der DDR

Geschwiegen hat sie selbst in den für sie schwierigsten Zeiten nicht. Weil sie sich gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns einsetzte, wurde sie 1977 wegen „Staatsverleumdung“ zu einem Jahr Haft im Frauengefängnis Hoheneck verurteilt. Da war sie Anfang 20. Schon zuvor war sie, die 1953 in Thüringen geboren ist, wegen ihres künstlerischen Engagements ins Visier der Stasi geraten. Sie galt den Staatsoberen abwechselnd als politisch gefährlich oder als Fall für die Psychiatrie.

„Das Leben zum Gegenstand der Kunst machen“, so ein Prinzip von Stötzers Arbeit. Ein „Bettbezug“ gehört sicher dazu.

Feministisch, kämpferisch und vielfältig

Rund 150 Arbeiten von Gabriele Stötzer aus fast fünf Jahrzehnten zeigt der Gropius Bau nun in der Ausstellung. Dabei sieht man, wie vielseitig die Künstlerin in der Wahl ihrer Medien war und immer noch ist. Super-8-Filme, Fotoserien, Zeichnungen, Textilarbeiten, Texte, Künstlerbücher, Performances, auch einige wenige Ölbilder – Gabriele Stötzer hat sich nie auf ein Medium festgelegt. Ebenso wenig auf die Labels, die ihr zugeschrieben wurden: Feministin, politische Aktivistin, Stasi-Opfer – „stinklangweilig“ findet sie es, wenn sie irgendwo eingeordnet werden soll. Sie ist alles gleichzeitig.

Wichtig ist ihr zu sagen, dass sie ihre Kunst aus sich selbst heraus geschaffen hat, ohne Vorbild; und die Zusammenarbeit mit anderen Menschen, vor allem Frauen. „Verschwesterung“ ist hier das Stichwort. Wie ab 1984 mit der „Künstlerinnengruppe Erfurt“, die Gabriele Stötzer mitgründete, eine Gruppe, die mit Super-8-Filmen, Performances und Mode-Objekt-Shows von sich reden machte. Häufig wird dabei der eigene Körper in den Mittelpunkt gestellt, oft auch nackt, und das ist als Zeichen feministischer Selbstbehauptung zu verstehen.

Der nackte Frauenkörper als Motiv. Für Gabriele Stötzer „ein Zeichen feministischer Selbstbehauptung“.

„Unser Prinzip war, unser Leben zum Gegenstand der Kunst zu machen und in Mode, Film und Performance darzustellen. Die individuellen Proteste und Brüche bekamen so einen Sinn und halfen uns, nicht im einsamen Aufstand zu verpuffen“, so Stötzer.

Widerstand gegen politische Unterdrückung

Als eine der wenigen politisch verfolgten Künstlerinnen blieb sie in der DDR, obwohl man ihr das Leben dort schwer machte. Sie wurde zwangsexmatrikuliert, später wurde ihre Galerie in Erfurt „liquidiert“. Die meisten ihrer Weggefährten und -gefährtinnen verlor sie damals an den Westen, sie musste immer wieder neu anfangen.

Als sie 2013 das Bundesverdienstkreuz bekam, sagte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck: „Gabriele Stötzer macht als Schriftstellerin und Künstlerin mit ihrem Werk eindringlich erfahrbar, was staatliche Unterdrückung, Bespitzelung und Gewalt für den Einzelnen bedeutet.“ 1989 gründete Gabriele Stötzer die Oppositionsgruppe „Frauen für Veränderung“, mit der sie die Stasi-Bezirksverwaltung Erfurt besetzte. Es war die erste Besetzung dieser Art in der DDR. Auch dies ist in der Ausstellung mit Interviews und Bildern dokumentiert.

„Dabei sein und nicht schweigen“ – selten war ein Ausstellungstitel so passend für die Künstlerin selbst und für ihr Werk.

Humor und Lebensfreude spiele eine wichtige Rolle

Gabriele Stötzers neueste Arbeiten in der Ausstellung „Dabei sein und nicht schweigen“ sind großformatige Skulpturen aus Wolle, monumentale nackte Frauenkörper mit farblich herausgestellten Geschlechtsmerkmalen. „Undine kommt“, so der Titel der Arbeiten. Undine versteht sie dabei als Urkraft des Weiblichen.

Eine gute Portion Humor ist oft bei Gabriele Stötzers Arbeiten dabei, auch wenn sie gleichzeitig kämpferisch sind. Selten war ein Ausstellungstitel so passend für die Künstlerin selbst und für ihr Werk wie hier: „Dabei sein und nicht schweigen“ trifft es genau.

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Dr. Heinrich Krämer
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