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Politik

Wie Ägypten vom Chaos in Nahost profitiert

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 3, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 03.06.2026 • 09:05 Uhr

Lange verstand sich Ägypten als Zentrum der arabischen Welt. Das hat sich geändert. Doch Kriege und Krisen in der Nachbarschaft lassen das Land als stabil wirken – und stärken es sogar.

Ramin Sina

Die Hauptstädte von Libanon, Syrien, Jemen und dem Irak wurden im vergangenen Jahr von Israel bombardiert. Im Frühjahr diesen Jahres schlugen iranische Raketen und Drohnen in Hauptstädten der Golfregion ein und Raketentrümmer gingen über Amman in Jordanien nieder. In Khartum im Sudan bekriegen sich Milizen, ebenso in der libyschen Hauptstadt Tripolis.

Mitten in dieser Krisenregion liegt die größte arabische Metropole – und bleibt bislang von allen Kriegen verschont: Kairo.

Ägypten ist von Ländern und Gebieten umgeben, in denen Krieg herrscht oder die von bewaffneten Angriffen betroffen sind.

Umgeben von Kriegsgebieten

Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi sieht darin den Erfolg seines Kurses. Jahrelang wurde der ehemalige General kritisiert, Milliarden in Militär und Sicherheit zu investieren, während die Wirtschaft schwächelte und viele Menschen mit steigenden Lebenshaltungskosten kämpften.

Seit den Kriegen in Gaza, im Libanon und am Golf ist bei manchen Ägyptern das Verständnis für diese Prioritäten gewachsen. Sicherheit hat in einer zunehmend instabilen Region an Bedeutung gewonnen.

Denn im Westen grenzt es an das politisch zerrissene Libyen, im Süden an den Sudan, wo Millionen Menschen vor Krieg und Hunger fliehen. Rund anderthalb Millionen Sudanesen sind seit Beginn des Krieges nach Ägypten gekommen. Im Nordosten liegen Israel und der Gazastreifen, seit fast zwei Jahren Zentrum eines der folgenreichsten Konflikte der Region.

Der Tourismus profitiert

Doch in Ägypten selbst herrscht Frieden, und das wird zunehmend zu einem Standortvorteil. Anders als viele Staaten der Golfregion und der Levante, liegt Ägypten nicht direkt zwischen Israel und Iran. Der internationale Flugverkehr läuft weitgehend normal, das Land gilt als sicher.

Davon profitiert vor allem der Tourismus. Die Pyramiden von Gizeh, die Tempelanlagen entlang des Nils, die Badeorte am Roten Meer und das neue Grand Egyptian Museum machen Ägypten für viele Reisende attraktiv. Während Länder wie Syrien, Libanon oder Irak für viele Urlauber weiterhin nicht infrage kommen, hat sich seit 2022 die Zahl der Besucher mehr als verdoppelt. Rund 19 Millionen Touristen kamen zuletzt ins Land.

Und doch verfolgen viele Ägypter die Kriege in ihrer Nachbarschaft mit Sorge. Auf den Straßen Kairos wird immer wieder darüber diskutiert, ob die Konflikte irgendwann auch Ägypten direkt erfassen könnten, angesichts der Militäroffensiven Israels in Gaza, im Libanon und in Syrien.

Strategische Rolle im Wandel der Region

Bislang ist es Sisi jedoch gelungen, sein Land aus den militärischen Auseinandersetzungen herauszuhalten. Ebenso wenig versucht er – im Vergleich zu aufstrebenden Golfstaaten wie den Vereinigten Arabischen Emirate oder Saudi-Arabien – durch die finanzielle Unterstützung militanter Gruppierungen in der Region den Einfluss des eigenen Landes auszubauen.

Ägyptens geografische Lage macht das Land zwar verwundbar, aber gleichzeitig strategisch wichtig. Während sich die Machtverhältnisse im Nahen Osten verschieben, bemüht sich Ägypten darum, seine traditionelle Bedeutung zu bewahren.

Die Zeit, in der Kairo die politische Agenda der arabischen Welt bestimmte, ist lange vorbei. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar verfügen über erheblichen finanziellen und politischen Einfluss. Aber ganz ohne Ägypten geht es weiterhin nicht.

Ägypten als Vermittler

Besonders sichtbar wird das im Gaza-Krieg. Gemeinsam mit Katar vermittelt Ägypten zwischen Israel und der Hamas. Trotz des schwierigen Verhältnisses zur Hamas verfügt Kairo über Gesprächskanäle, die nur wenige Staaten in der Region besitzen.

Immer wieder finden Verhandlungen in Ägypten statt. Auch Mitte dieser Woche werden erneut Hamas-Vertreter in Kairo erwartet. Für Sisi sind solche Treffen Ausdruck des Anspruchs, Ägypten als wichtigen diplomatischen Akteur sichtbar zu halten. Tatsächlich bleibt das Land aufgrund seiner geografischen Lage und seiner Beziehungen zu den Konfliktparteien ein gefragter Gesprächspartner.

Repression im Innern

Der Eindruck von Stabilität kontrastiert mit den Problemen im Inneren. Menschenrechtsorganisationen werfen der Regierung seit Jahren vor, politische Freiheiten massiv eingeschränkt zu haben.

Kritiker sprechen von einem Sicherheitsstaat. Zehntausende politische Gefangene sollen in ägyptischen Gefängnissen sitzen. Im Ranking von Reporter ohne Grenzen gehört Ägypten zu den Ländern mit den größten Einschränkungen der Pressefreiheit weltweit – und liegt auf Platz 169 von 180.

Wirtschaftlich schwierige Lage

Die Landeswährung hat in den vergangenen Jahren stark an Wert verloren. Die Inflation hat die Kaufkraft vieler Familien geschwächt. Lebensmittel, Mieten und Energie sind deutlich teurer geworden. Fleisch und Fisch sind für viele Menschen selbst an Feiertagen kaum noch bezahlbar.

Wie angespannt die Lage ist, zeigte sich im April, als die Regierung zeitweise Stromabschaltungen anordnete, um Energie zu sparen. In Kairo gingen um 21 Uhr die Lichter aus – ein ungewohntes Bild für eine Metropole, die sonst bis tief in die Nacht pulsiert.

Gleichzeitig verliert Ägypten wichtige Einnahmen. Die Angriffe auf die Schifffahrt im Roten Meer haben den Verkehr durch den Suezkanal erheblich reduziert. Für den hoch verschuldeten Staat wiegt das schwer.

Auf Kredite angewiesen

Ägypten bleibt ein klammer Staat, ist auf Kredite, Investitionen und finanzielle Unterstützung aus den Golfstaaten, vom Internationalen Währungsfonds sowie der Europäischen Union zwingend angewiesen. Die Kreditgeber helfen vor allem deshalb, weil Sisi Ägypten als stabilen Staat inmitten einer Krisenregion präsentiert.

Ägypten ist heute weder die unangefochtene Führungsmacht der arabischen Welt noch ein Land am Rand der regionalen Entwicklungen. In einer Zeit, in der sich der Nahe Osten neu ordnet, versucht Kairo seinen Platz zu finden. Noch ist offen, welcher das sein wird.

Mehr zum Thema hören Sie auch im Weltspiegel Podcast „Ägypten – Profiteur des Nahost-Krieges?„

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Dr. Heinrich Krämer
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