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Politik

Wie Freiwillige in Kiew Trümmer wegräumen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 25, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 25.06.2026 • 14:50 Uhr

Immer wieder zerstören russische Drohnen und Raketen Wohnhäuser. Eine Gruppe Freiwilliger in Kiew hat es sich zur Aufgabe gemacht, Trümmer wegzuräumen – das ist auch ein emotionales Unterfangen.

Von Frederik Rother, ARD Kiew

Eine Wohnsiedlung in Kiew. Es ist sommerlich warm und grün hier, überall gibt es Gärten und kleine, einfache Häuschen. Aber die Idylle trügt.

Mitten in der Siedlung ist ein Krater zu sehen, mindestens zehn Meter breit. Ein Raketenteil kam hier runter. Die Druckwelle zerstörte ein nahegelegenes Haus. Die Familie, die darin wohnte, überlebte – aber das Gebäude ist nur noch ein Haufen Geröll und Schutt.

Aufräumarbeiten nach russischen Angriffen

Deswegen ist Vasyl gekommen. Er sagt: „Unsere Aufgabe ist es – da die Familie hier zurzeit nicht über die finanziellen Mittel verfügt -, die Abrissarbeiten durchzuführen.“ Es gehe jetzt darum, das Haus abzureißen und den gesamten Schutt zu beseitigen.

Vasyl leitet die Aktion. Er ist hier für „Dobrobat“, eine Freiwilligenorganisation, die hilft, Trümmer nach russischen Angriffen wegzuräumen. Der Name heißt übersetzt „Bataillon für das Gute“.

Dann kommt Mykola. Er ist über 70 Jahre alt, ehemaliger Ingenieur und will mit anpacken. „Slava dobrobatu“ sagt er im Scherz, „Ruhm dem Dobrobat“ – angelehnt an den patriotischen Gruß „Slava Ukraini“, der in der Ukraine oft zu hören ist und der für Solidarität und Verbundenheit mit dem Land steht.

Hilfe für Menschen in Not

Auch ein paar andere Freiwillige machen sich bereit für ihren Einsatz. Sie ziehen sich Arbeitskleidung und Warnwesten an, Werkzeug hat Vasyl mitgebracht – dann geht es los.

Es wirkt etwas unkoordiniert, jeder packt irgendwie an. Manche räumen Teile des Mauerwerks weg, zwei Männer heben die kaputte Waschmaschine aus dem Trümmerhaufen. Dazwischen liegen immer wieder persönliche Sachen: Musiknoten, Kleidung, ein Buch zum Englischlernen, Schuhe.

Mykola macht das betroffen: „Die Menschen hier haben einen großen Verlust erlitten,“ sagt er. „Sie haben diese Dinge über viele Jahre hinweg gesammelt, und jetzt ist alles kaputt, unbewohnbar. Das bedeutet großes Leid für die Menschen.“ Um das zu lindern, möchte er helfen. Außerdem hält es ihn fit als Rentner, erzählt er.

Die 66-jährige Marija unterstützt die NGO Dobrobat bei diesem Einsatz. Jeder müsse helfen, so gut er kann, sagt sie.

„Jeder hilft, so gut er kann“

Ein paar Meter weiter räumt Marija Trümmerteile weg. Sie ist 66, war früher Krankenschwester. Die Zerstörungen hier und im ganzen Land belasten sie.

Sie fühle sich sehr schlecht, wirklich schlecht. „Deshalb habe ich mich entschlossen, bei „Dobrobat“ mitzumachen, um irgendwie zu helfen.“ „Unsere Jungs“, sagt sie, „riskieren ihr Leben in der Armee – deshalb sind wir verpflichtet, zu helfen, jeder so gut er kann.“

Auch Ausländer räumen Trümmer weg

Dann wird eine Kettensäge gesucht. Die Frage danach erfolgt auf Englisch, denn zwei der Freiwilligen kommen aus den USA. Jason, einer der beiden Amerikaner, nimmt das Gerät in die Hand und legt los. Er sägt in die Wand, vor der er steht. Nach wenigen Sekunden bleibt das Sägeblatt stecken. Aber die Laune im Team ist trotzdem gut.

Jason war schon mehrmals in der Ukraine zum Helfen, erzählt er. Sein Arbeitgeber stellt ihn dafür einmal im Jahr ein paar Monate frei. Er wolle der Ukraine einfach helfen, sagt er. „Seltsamerweise hat mir meine Mutter schon als Kind erzählt, dass Russland angreifen würde. Wir lebten damals in Pennsylvania, und Russland kam nie.“ Deshalb dachte er sich, er müsse er dort hin, wo Russland angreift, damit er helfen kann.

Regionale Gruppen in der gesamten Ukraine

„Dobrobat“ gibt es seit 2022, gegründet wurde die Organisation kurz nach der russischen Vollinvasion. Landesweit gibt es mehrere Regionalgruppen, die inzwischen, wie sie sagen, mehr als 10.000 Familien geholfen haben. Meistens räumen sie Trümmer weg oder machen beschädigte Häuser wieder so bewohnbar, dass Menschen zumindest temporär darin wohnen können.

Auch Jewa schaut nun vorbei. Sie ist 19 und lebte mit ihrer Familie in dem Haus – bis das Raketenteil hier vor zwei Monaten runterkam. Sie erinnert sich noch an den Moment: „Leider befanden wir uns damals im Haus. Danach mussten wir aus den Trümmern rausklettern. Zum Glück wurde niemand schwer verletzt. Das war buchstäblich ein Wunder.“

Schmerz sitzt tief

Der Schmerz über das zerstörte Zuhause sitzt immer noch tief. Sie muss schlucken, als sie die Trümmer sieht. Ob sie, ihre drei Geschwister und ihre Eltern hier jemals wieder wohnen werden, weiß sie noch nicht.

Aber dass die Freiwilligen von „Dobrobat“ hier anpacken, freut sie. „Ich bin dankbar für all die Hilfe. Es wäre sehr schwierig und teuer gewesen, das alleine zu machen. Und ich hätte nicht gewusst, wann wir das hätten machen können, da meine Mutter arbeitet und mein Vater beim Militär ist.“

In zwei Tagen wollen die Freiwilligen hier fertig sein und bis dahin den Schutt so weit sortiert haben, dass er abgeholt werden kann. Bis der nächste Auftrag ruft.

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Dr. Heinrich Krämer
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