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Politik

Wie giftig ist das Pestizid Fluazinam wirklich?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 2, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Exklusiv

Stand: 02.07.2026 • 06:00 Uhr

Das Fungizid Fluazinam wird seit Langem im Kartoffelanbau eingesetzt. Doch nun erheben Wissenschaftler nach BR-Recherchen schwere Vorwürfe: Die Risiken seien falsch berechnet worden, das Mittel hätte nie zugelassen werden dürfen.

Von Constanze Bayer, Marco Lehner und Ludwig Spitaler, BR

Landwirte und Landwirtinnen spritzen das Fungizid Fluazinam vor allem im Kartoffel- und Zwiebelanbau gegen Pilzkrankheiten. Allein 2024 wurden über 340 Tonnen des Wirkstoffs in Deutschland verkauft. Fluazinam gilt als äußerst wirksam, echte Alternativen gibt es auf dem Markt kaum.

Jetzt steht die Sicherheit des Pestizids, das 2008 europaweit zugelassen wurde, infrage: Der Chemiker Axel Mie hat sich gemeinsam mit seiner Kollegin Christina Rudén von der Universität Stockholm mit dem Zulassungsprozess des Wirkstoffs befasst. Diese Fehler sind offenbar niemandem aufgefallen.

Er bezieht sich auf eine Studie, die der Fluazinam-Hersteller ISK Biosciences im Vorfeld der Zulassung in Auftrag gegeben hatte. Das Labor untersuchte, ob der Stoff die Gehirnentwicklung von Ungeborenen und Kindern schädigen könnte. Dazu wurde schwangeren Ratten das Pestizid verabreicht und untersucht, ob sich dadurch die Gehirne des Nachwuchses verändern.

„Fluazinam hätte nicht zugelassen werden sollen“

Das Labor kam zu keinem klaren Ergebnis – bei einer Gruppe von Ratten wurden negative Effekte festgestellt, bei einer anderen nicht, so fasst Mie die Ergebnisse der Studie von 2005 zusammen. Im EU-Zulassungsprozess reichte der Hersteller die Studie nicht ein. Dies sei gesetzlich nicht gefordert gewesen, teilte er auf Anfrage mit. Auch die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA bestätigt das.

Mie und Rudén haben nun die Ergebnisse dieser Studie überprüft und nachgerechnet – mit den gleichen Daten und Methoden, die das Labor ursprünglich verwendet hatte. Sie aber kommen zu einem anderen Ergebnis und finden für hohe Dosen des Pestizids negative Effekte in beiden Gruppen.

Ganz konkret: Die Ratten, die dem Stoff ausgesetzt waren, hatten in statistisch signifikantem Ausmaß kleinere Gehirne und veränderte Gehirnregionen. Insgesamt sei die Studie an sechs Stellen fehlerhaft. Mie schließt daraus: „Meiner Meinung nach hätte Fluazinam schon 2008 nicht zugelassen werden sollen.“

Moderne Verfahren weisen auf höheres Risiko hin

Darüber hinaus wurde eine verfeinerte Analysemethode angewandt. Diese hat laut Mie gezeigt, dass die Gehirnentwicklung auch durch niedrigere Dosen stärker beeinträchtigt sein könnte, als bisher angenommen.

Die Studie der Stockholmer Wissenschaftler lag dem BR, dem schwedischen Sender SVT, dem britischen Guardian und ff Südtirol vor Veröffentlichung vor. Die Ergebnisse wurden noch nicht von Fachkollegen im Peer-Review-Verfahren begutachtet, unabhängige Experten haben sie auf Anfrage der Medienkooperation aber als plausibel eingeschätzt.

Wie es zu den Fehlern kam, lässt sich für Mie nicht nachvollziehen. Auffällig sei, dass alle Fehler vorteilhaft für die Hersteller-Firma von Fluazinam seien. Das Labor rechne nach standardisierten Verfahren, die sie täglich anwenden, sagt Mie: „Dass sechs Mal ein ähnlicher Fehler in ähnlichen Situationen passiert, der aber in die gleiche Richtung zeigt, kann ich mir kaum vorstellen.“

Zu den mutmaßlichen Fehlern und ihrer Entstehung äußerte sich das beauftragte Labor auf Anfrage nicht. ISK Biosciences antwortet, die Studie der Uni Stockholm läge ihnen nicht vor, deshalb könne man sich dazu nicht äußern. Weiter heißt es: „Der Wirkstoff wurde von den zuständigen Behörden gemäß den geltenden Verfahren geprüft.“ Man vertraue auf dieses Vorgehen.

Zentrale Rolle für die Landwirtschaft

Landwirt Thomas Scheuerer baut in Hagelstadt in der Oberpfalz Kartoffeln an. Fluazinam ist für ihn ein sehr wichtiges Mittel: „Die Zulassungssituation gibt nicht mehr viel her“, sagt er. „Wir haben vor 20, 30 Jahren wesentlich mehr neue Wirkstoffe in kurzer Zeit zugelassen bekommen als heute.“

Der Deutsche Bauernverband (DBV) teilt auf Anfrage mit, dass bei einem Wegfall von Fluazinam unter bestimmten Umständen „erhebliche Ertrags- und Qualitätsverluste“ drohten. Johann Meierhöfer, Fachbereichsleiter beim DBV für Pflanzliche Erzeugung, weist aber ausdrücklich darauf hin, dass die von Mie aufgeworfenen Fragen „eine sorgfältige Klärung“ verdienten: „Wir erwarten, dass die zuständigen Behörden ihnen konsequent nachgehen.“ Ein zuverlässiges Zulassungsverfahren liege „im ureigenen Interesse der Landwirtinnen und Landwirte“.

Auch Scheuerer ist das wichtig, unter anderem weil er Angestellte hat: „Wenn sie Pflanzenschutz betreiben, möchte ich natürlich, dass sie keine gesundheitlichen Schäden davontragen.“

Es ist davon auszugehen, dass Menschen, die direkt mit dem Stoff in Kontakt kommen, das größte Risiko tragen. Als nicht gefährdet gelten Verbraucher, die die Produkte später essen. Bei europaweiten Untersuchungen von 39.000 Proben wurden lediglich sechs Mal Rückstände von Fluazinam gefunden.

Überprüfung auf EU-Ebene

Für das Zulassungsverfahren von Fluazinam sind die EFSA und die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit AGES zuständig.

Die Studie zu den Rattenversuchen wurde vom Hersteller erst nach über zehn Jahren bei diesen Behörden eingereicht. Mie, der in einer wissenschaftlichen Arbeit nachgewiesen hat, dass Hersteller relevante Studien in Europa nicht vorgelegt haben, kritisiert das. Bereits im Jahr 2023 weist er die EFSA darauf hin, dass eine Neubewertung der Rattenstudie notwendig sei. Warum keine der beiden Behörden dem nachgekommen ist, ließen sowohl EFSA als auch AGES auf Anfrage unbeantwortet.

Erst jetzt, nachdem Mie selbst nachgerechnet hat, will die AGES die Originalhersteller-Studie neu bewerten. Für die EFSA ist dies ein Zeichen, dass das EU-System wie vorgesehen funktioniert: Nachdem Bedenken von Experten geäußert worden seien, würden die Daten neu geprüft.

EU will Zulassung reformieren

Die EU reformiert aktuell die Zulassung von Pestiziden: Anfang nächsten Jahres soll der Food-Feed-Omnibus verabschiedet werden, ein Gesetzespaket, das Bürokratie in der Landwirtschaft abbauen soll. Aktuell werden beispielsweise zugelassene Pestizide von der EFSA regelmäßig neu bewertet. In Zukunft soll das wegfallen und eine Zulassung soll unbefristet gelten.

Der Deutsche Bauernverband begrüßt grundsätzlich Bürokratieabbau, fordert aber gleichzeitig „mehr Transparenz und unabhängige Verifizierung“. Umweltverbände befürchten, dass Risiken dann noch seltener entdeckt werden.

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