Reportage
Mehr als 20 Millionen Menschen leben laut Schätzungen im Großraum Kairo – dennoch gibt es kein öffentliches System zur Müllentsorgung. Fast alles landet in der „Müllstadt“. Dort ist derzeit vor allem ein Material nachgefragt.
Ein Lkw nach dem anderen schiebt sich durch die engen Gassen des Viertels. Auf den Ladeflächen stapeln sich Berge von Müll meterhoch in den Himmel: Plastik, Pappe, Essensreste, Glas und Metall.
Die Lkws bringen den Abfall von mehr als 20 Millionen Einwohnern Kairos in einen Teil der Stadt, den hier alle nur „Müllstadt“ nennen. Davon gibt es sogar mehrere in der Metropole. So gut wie immer ist der Abfall nicht sortiert. Ein funktionierendes öffentliches System gibt es nicht. In vielen Teilen der Metropole übernimmt der informelle Sektor die Müllentsorgung.
Auf einen Transporter werden Abfälle verladen: Die Luft in der Müllstadt ist schwer vom Gestank.
„Zabbaleen“ organisieren die Entsorgung
Vor einem großen Haufen Müll neben einer Haustür sitzt eine kleine Frau, vielleicht anderthalb Meter groß. „Im Müll sind auch Sachen dabei wie Windeln, Katzen- und Hundekot. Das ist schrecklich“, erzählt die Mitte-50-Jährige.
Sie ist eine der „Zabbaleen“, eine der sogenannten Müllmenschen, die den Abfall nur mit den Händen sortieren. Ihren Namen will sie aus Angst vor Diskriminierung lieber nicht sagen. „Manchmal fangen meine Augen wegen der Gerüche an zu tränen“, sagt sie, während sie mit geübtem Handgriff Deckel und Gehäuse von Deospray-Dosen auseinanderbaut.
Es ist Hochsommer in Kairo und die Sonne brennt unbarmherzig vom Himmel. 40 Grad zeigt die Handy-App für heute. Die Luft in der Müllstadt steht, ist schwer vom Gestank des Mülls.
Den Plastikdeckel wirft die Frau in eine blaue Tüte, den Aluminium-Körper in eine andere. Später will sie die vollen Tüten an ein Geschäft im Viertel verkaufen, das die Materialien weiter recycelt. Seit sie sechs Jahre alt ist, sortiert sie Müll. Jeden Tag bei jedem Wetter.
Müll sortieren und ihn später verkaufen – viele Menschen verdienen so mühsam ihr Geld, wenige machen damit Profit.
Einige macht der Müll reich
„Ich habe versucht, meinem Sohn eine Schulbildung zu ermöglichen. Aber es gibt hier nicht die gleichen Bildungsmöglichkeiten, wie in anderen Teilen der Stadt“, erzählt sie. „Wenn jemand hier eine gute Position erreichen möchte, muss er extrem hart arbeiten.“
Und diese Erfolgsgeschichten, wenn man sie so nennen will, gibt es hier auch in der Müllstadt. In einigen wenigen Hauseinfahrten stehen blitzblank geputzt neue, teure Autos. Einige der Zabbaleen verdienen mit dem Müll gutes Geld. Rizk Yousef ist einer von ihnen. Er hat Angestellte, die für ihn den Müll aus Kairo holen und sortieren.
Krieg gegen Iran treibt Preise
In einem Hinterhof steht eine große Presse, die Plastikflaschen in rechteckige Pakete presst. Ein Hauseingang weiter ist sogar eine ganze Recycling-Straße aufgebaut. Das Plastik wird erst geschreddert, dann geschmolzen und in einem Wasserbad zu Plastik-Granulat verarbeitet. Vor allem in den letzten Monaten verkauft sich das recycelte Plastik hervorragend.
„Wir haben von der Iran-Krise profitiert“, holt Rizk Yousef aus, um direkt wieder einzuschränken: „Natürlich sind wir grundsätzlich gegen Krieg und mögen ihn nicht, aber für uns ist es eine umgekehrte Gleichung. Wenn es eine Krise gibt, steigen die Preise und die Arbeit ist gefragter.“ Statt einem Pfund bekommt er jetzt fünf Pfund pro Kilo. Ein enormer Preissprung.
Die meisten Menschen in Kairo meiden das Viertel.
Ägypter meiden die Müllstädte
Er könnte sich leicht eine Wohnung außerhalb des Viertels leisten, doch er bleibt. Die Müllsammler sehen sich als eine Gemeinschaft, die zusammenhält. Vor allem gegen die Diskriminierung von außen. Die meisten Ägypter meiden diese Gegend, haben das Ausmaß nie mit ihren eigenen Augen gesehen und wollen damit auch nichts zu tun haben.
Also bleiben die mehr als 100.000 Müllsammler in ihrem Viertel. Die meisten sind Kopten, also christlichen Glaubens. Und so hört man hier auch ein Geräusch, das es sonst kaum gibt in Kairo: In einigen Höfen grunzen und quieken Schweine, so auch im Hof von Ayman.
Schweinezucht als zweite Einnahme
Rund 30 Tiere leben hier neben Hühnern und freuen sich lautstark, als Ayman einen vollen Eimer mit Essensresten über den Zaun wirft. Alles gefunden im Müll aus Kairo. Eigentlich verdient auch Ayman sein Geld, indem er Müll sortiert. Aber die Schweine sind sein zweites Standbein. Nur so kann er die Hochzeit seiner Tochter bezahlen.
In seiner Familie sind alle Müllsammler, wie schon sein Vater und sein Großvater. „Ich würde mir natürlich ein besseres Leben wünschen“, sagt er und füllt mit einem Schlauch die Tränke mit Wasser. Das Leben hier sei immer gleich: „So wie der Tag beginnt, endet er auch. Wenn es etwas gäbe, das besser und sauberer ist, wäre das eine gute Sache. Für meine Zukunft oder auch für die meiner Kinder.“ Doch den Weg raus aus der Müllstadt schaffen die Wenigsten.
Keine Ruhe in der Müllstadt
Für die Müllsammlerin geht der Arbeitstag nach Sonnenuntergang langsam zu Ende. Der Müllberg neben ihr ist kaum geschrumpft. „Ohne unsere Arbeit hier in Kairo würde die Stadt stinken“, sagt sie ohne jeden Groll. „Ohne uns – ganz Ägypten, jeder Ort – wir sind diejenigen, die alles saubermachen.“
Während sie spricht, suchen sich die mit Abfall beladenen Lkws weiter ihren Weg durch die kleinen Gassen. Zu jeder Stunde, zu jedem Tag der Woche, das ganze Jahr lang.
