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Startseite»Politik»Wie Pistorius in Kanada ein Milliardengeschäft anstoßen will
Politik

Wie Pistorius in Kanada ein Milliardengeschäft anstoßen will

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 27, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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analyse

Stand: 27.05.2026 • 08:45 Uhr

Kanada ist für Deutschland ein zentraler Partner. Beim Besuch von Verteidigungsminister Pistorius steht ein milliardenschwerer U-Boot-Deal im Vordergrund. Doch Pistorius ist nicht nur als Handelsreisender dort.

Claudia Buckenmaier

Kanada ist für Deutschland ein wichtiger Partner. Ganz allgemein außenpolitisch, spätestens, seit die USA unter Präsident Donald Trump nicht mehr als verlässlicher Bündnispartner agieren, weder für Deutschland noch für Kanada. Aber das Land ist für die deutsche Regierung auch industriepolitisch wichtig. Nicht ohne Grund reist Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) zum zweiten Mal in nur sieben Monaten dorthin. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) war auch gerade erst in Kanada.

Es geht um ein milliardenschweres Rüstungsgeschäft des deutschen Unternehmens TKMS, das für das neue U-Boot vom Typ 212 CD Norwegen als ersten Partner gefunden hat und seit Monaten darauf hofft, die Kooperation auf Kanada auszuweiten. Das Land muss seine U-Boot-Flotte erneuern, auch um seinen Aufgaben in der NATO nachzukommen.

Zu viele Systeme – eine Schwäche der NATO

Es ist ein Rüstungsgeschäft mit einem strategischen Ziel. Durch den Krieg in der Ukraine haben die Mitglieder im Verteidigungsbündnis der NATO erkannt, dass eine ihrer Schwächen zu viele verschiedene Waffensysteme sind. Pistorius betonte daher, als er im Oktober 2025 zu Besuch in Kanada war: „Es geht nicht darum, dass irgendjemand etwas kauft und dann ’see and forget‘. Es geht um viel mehr: um Kooperation auf Jahrzehnte.“

Sein norwegischer Kollege Tore Sandvik, der ebenfalls mit vor Ort war, machte sich für einheitliche Standards in der NATO stark: „Waffen müssen kompatibel sein unter Partnerländern, wir müssen die gleichen Waffensysteme kaufen.“

Davon ausgehend hoffen Deutschland und Norwegen auf das Ja aus Kanada. Auch weil es zu dem passt, was der kanadische Premierminister Mark Carney in seiner vielbeachteten Rede vor dem Wirtschaftsforum in Davos ausgeführt hat: „Mittelmächte müssen gemeinsam handeln, denn wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte.“ Gemeinsame Investitionen in Widerstandsfähigkeit seien günstiger, als wenn jeder seine eigenen Festungen baue. „Gemeinsame Standards reduzieren Zersplitterung.“ Zersplitterung meint Schwäche.

Mehr als nur ein U-Boot-Deal

Die deutsche Seite hofft, dass Carneys Rede dergestalt in praktische Politik umgesetzt wird, sodass die U-Boot-Kooperation zustande kommt. Doch es gibt einen ernsthaften Konkurrenten aus Südkorea, also einem Nicht-NATO-Mitglied. Dieser Wettbewerber verspricht, schneller zu produzieren als das deutsche Unternehmen und könnte möglicherweise auch günstiger sein. Es wird auch darum gehen, was Südkorea und Deutschland Kanada noch anbieten können.

Könnte es weitere Kooperationen mit kanadischen Firmen geben? Oder neue Arbeitsplätze in Kanada? Beide Seiten bieten mehr als „nur“ einen U-Boot-Deal. Aber bei der Diskussion über das Geschäft geht es auch um die viel grundsätzlichere Frage, richtet sich Kanada stärker in Richtung Pazifik, also Südkorea, aus oder bekräftigt das Land seine Integration in das transatlantische Bündnis und steht damit an der Seite Europas, auch in Abgrenzung zu den USA unter einem US-Präsidenten Donald Trump?

Die Zeit drängt. Die Entscheidung soll bald fallen. Es hieß immer wieder in diesem Frühjahr. Nun kommt sie vielleicht noch vor dem NATO-Gipfel Anfang Juli in Istanbul. Denn in der NATO steht Kanada wegen derzeit zu niedrigen Verteidigungsausgaben unter Druck. Das Land ist weit entfernt von dem NATO-Ziel, fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Verteidigung zu investieren. Ein Geschäft über zwölf neue U-Boote in Höhe von rund 37 Milliarden Euro würde Kanada Luft verschaffen.

Pistorius als „Außenrüstungswirtschaftsminister“

Auch deshalb kommt der deutsche Verteidigungsminister ausgerechnet jetzt zu einem erneuten Besuch nach Kanada. Anlass ist die größte kanadische Sicherheitsmesse CANSEC in Ottawa, auf der sich diverse deutsche Unternehmen, darunter der U-Boot-Hersteller TKMS, präsentieren. Am Rande wird Pistorius mehrere kanadische Minister treffen und er wird Firmen besuchen, die möglicherweise bei der U-Boot-Kooperation eine Rolle spielen können.

Für den Grünen-Politiker Sebastian Schäfer, der Pistorius nach Kanada begleiten wird, zeigt diese Reise einmal mehr, dass der Verteidigungsminister heute eine neue Rolle ausfüllen muss, und zwar die eines „Außenrüstungswirtschaftsministers“. Er unterstützt die Kooperation und hofft, dass sie gelingt. „Kanada ist wirklich wichtig für uns.“ In der Handelspolitik, im Bereich der Seltenen Erden und bei der Interoperabilität bei der Rüstungszusammenarbeit mit dem europäischen Pfeiler der NATO.

Keine Reise in die USA

Doch die Reise nach Kanada hat noch eine nicht ganz so beruhigende Fußnote. Eigentlich wollte Verteidigungsminister Pistorius von Kanada aus noch in die USA weiterreisen. Gesprächsstoff gäbe es genug: Das Hin und Her über einen Abzug von US-Soldaten aus Deutschland und Polen, die Verärgerung der US-Regierung über die Kritik der deutschen Seite am Iran-Krieg, die zurückgezogene Zusage, Marschflugkörper vom Typ „Tomahawk“ in Deutschland zu stationieren, die von der Ukraine benötigte Unterstützung.

„Die USA anzuschließen macht nur dann Sinn, wenn ich die entsprechenden Gesprächspartner in Washington antreffe“, sagte Pistorius am vergangenen Mittwoch. Das Problem aus seiner Sicht: „Kongress und Repräsentantenhaus haben Sitzungspause.“

Am Montagabend ist klar, es gibt keine Termine in der US-amerikanischen Hauptstadt: weder mit dem Außenminister und Nationalen Sicherheitsberater, Marco Rubio, noch mit Pistorius‘ Amtskollegen Pete Hegseth. Sind es Termingründe oder gibt es kein ausreichendes Interesse daran, sich mit dem Partner auf der anderen Seite des Atlantiks auszutauschen?

„Konkurrieren oder sich zusammenzuschließen“

Ein zwar wichtiges Land in Europa, aber eben nur eine Mittelmacht, nach der Lesart des kanadischen Premierministers Carney. „In einer Welt der Rivalität zwischen Großmächten haben die Länder dazwischen eine Wahl: miteinander, um Gunst zu konkurrieren oder sich zusammenzuschließen, um einen dritten Weg mit Wirkung zu schaffen.“

Daran dürfte Verteidigungsminister Pistorius die kanadische Seite versuchen zu erinnern. Eine Herausforderung für den Diplomaten und nicht den Handelsreisenden.

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Dr. Heinrich Krämer
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