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Politik

Wie Russland mit Drohnen Zivilisten in der Ukraine jagt.

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 29, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 29.06.2026 • 11:29 Uhr

Russland terrorisiert die Zivilbevölkerung in der Ukraine mit verschiedenen Methoden. Eine ist besonders perfide: Drohnenpiloten machen Jagd auf einzelne Menschen. Das Beispiel Saporischschja.

Florian Kellermann

Die Stadt Saporischschja, in der vor der russischen Vollinvasion mehr als 700.000 Einwohner lebten, liegt im Südosten der Ukraine, direkt am Fluss Dnipro. Die russische Armee rückte nach ihrem vollumfänglichen Angriff auf das Land im Februar 2022 rasch von Süden bis kurz vor die Stadt vor – und blieb dann stecken.

Seit mehr als vier Jahren ist der Frontverlauf hier fast unverändert. Und doch nimmt der Terror gegen die Zivilbevölkerung von Saporischschja seit einigen Wochen massiv zu.

Zivilisten gezielt beschossen

„Jetzt sind auch noch diese FPV-Drohnen aufgetaucht, die ihre Ziele genau und mit voller Absicht treffen“, sagt Inna Krasnych, 53 Jahre alt, die zu einer Therapiesitzung in der Innenstadt gekommen ist. In ihrem Stadtviertel gebe es die noch nicht, aber in den südlichen Bezirken täglich.

FPV steht für „First Person View“ – billige, kleine Drohnen, die ein Pilot direkt steuert. An seinem Bildschirm sieht er genau, was die Kamera der Drohne sieht.

Die Ukraine geht davon aus, dass die russischen FPV-Drohnenpiloten gezielt Jagd auf Zivilisten machen. Die Bilder aus Saporischschja und den Vororten in den vergangenen drei bis vier Wochen sprechen dafür. Zerstörte Bushaltestellen, Sammeltaxis, Kioske – und immer wieder schwarze Leichensäcke.

Bilder, die die Ukraine aus einer anderen Stadt kennt, aus Cherson noch weiter südlich, die Russland seit Jahren mit FPV-Drohnen terrorisiert. Dort werden immer wieder auch Fußgänger und Radfahrer angegriffen. In der Ukraine hat sich dafür der zynische Begriff „Menschen-Safari“ eingebürgert.

Anti-Drohneneinheit soll den Himmel schützen

Droht dieses Schicksal auch dem viel größeren Saporischschja? „Wir versuchen, das zu verhindern. Aber möglich ist es“, sagt Andrij, 34 Jahre alt. Er ist der Kommandeur einer Antidrohnen-Einheit, die in einem Radius von zehn Kilometern einen Teil des Himmels über Saporischschja schützen soll.

Im Bunker der Einheit, gelegen am Rand einer Ausfallstraße, blickt Andrij gespannt auf den Monitor. Dort ist ein roter Pfeil aufgetaucht – er symbolisiert eine heranfliegende feindliche Drohne.

In Cherson ist es für die russischen Drohnenpiloten leicht, die Stadt zu erreichen. Dort bildet der Fluss Dnipro die Front, es sind nur wenige Kilometer bis zu den russischen Stellungen. Für FPV-Angriffe auf Saporischschja, im Süden knapp 20 Kilometer von der Front entfernt, reicht die Batterie der kleinen Drohnen eigentlich nicht aus.

Billigdrohnen mit Mutterdrohnen

„Aber der Feind setzt jetzt die Molnja-Drohne als Mutterdrohne ein“, sagt Andrij. Die größeren Molnja-Drohnen brächten jeweils zwei bis drei FPV-Drohnen in das Stadtgebiet und verstärken das Internet-Signal, über das die Piloten die kleinen Drohnen steuern.

Andrij deutete auf den Monitor. Das da sei wahrscheinlich eine FPV-Drohne, sagt er. „Wir sehen das am Radarquerschnitt“, so der Soldat, der sich vor vier Jahren freiwillig gemeldet hat. Andrij war früher Polizist in Mariupol, der Stadt am Asowschen Meer, die Russland seit über vier Jahren besetzt hält. Nun entscheidet er, wie eine eindringende Drohne bekämpft wird.

Gegen Langstrecken-Drohnen vom Typ „Schahed“ (die russische Bezeichnung lautet „Geran“) setzt seine Einheit neu entwickelte Abfangdrohnen ein. Gegen FPV-Drohnen eigene FPV-Drohnen.

Bei der Drohne, die sich gerade genähert hat, ist das allerdings nicht nötig. Es gelingt, sie durch Störsender steuerungsunfähig zu machen. Die Gefahr ist erst einmal vorbei.

Gemeinsam die Bedrohung vergessen

Inna Krasnych hat ihre Therapiegruppe in der Innenstadt inzwischen hinter sich. Die Gruppe von Frauen trifft sich regelmäßig mit einer Psychologin. Es geht bei den Sitzungen einfach darum, Stress abzubauen, ohne die konkrete Belastung der Teilnehmerinnen zu besprechen.

Diesmal haben sie Kerzen gebastelt. „Das Wachs riecht so gut, und dann haben sie noch ein Öl gegeben, das auch gut riecht“, erzählt die Frau. Am Abend werde sie zu Hause eine Kerze anzünden, das werde sie beruhigen, sagt sie.

Denn gegen Abend nehmen die Drohnenangriffe in der Regel zu – und können mitunter die ganze Nacht andauern.

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Dr. Heinrich Krämer
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