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Politik

Wie sich Armut in Deutschland immer mehr verfestigt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 21, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 21.06.2026 • 16:57 Uhr

Einen Kaffee trinken gehen – das ist für viele Senioren inzwischen Luxus. 13 Millionen Menschen sind armutsgefährdet, darunter viele Ältere. Der Weg raus aus der Armut wird immer schwieriger, sagen Forscher.

Von Lisa Seemann und Mareike Wilms, beide WDR

Rentnerin Regina Brieler sitzt auf einer Bank auf dem Waldfriedhof in Münster-Lauheide. Sie blickt auf die grüne Wiese, auf die anonyme Grabfläche. Hier ist ihre Familie beerdigt. Auch sie will sich dort einmal bestatten lassen, hat sie beschlossen, auch aus Kostengründen. Denn Grabpflege ist teuer und sie möchte ihren Kindern und Enkeln nicht zur Last fallen.

Die 71-Jährige hat heute nicht mal 300 Euro im Monat zur Verfügung. Brieler bezieht eine kleine eigene Rente, dazu kommen Wohngeld und Witwenrente. Sie hat sich ihr Leben lang um andere Menschen gekümmert und daher auch selbst wenig in die Rente eingezahlt.

Sie ist eine von Millionen Frauen, die viel sogenannte Care-Arbeit übernommen haben. Alleinlebende Frauen sind stärker von Armut im Alter bedroht, zeigen offizielle Zahlen. Insgesamt sind rund 20 Prozent der Menschen über 65 Jahren von Armut bedroht – Tendenz steigend.

Pflege von Mutter, Ehemann und Schwester

Die gelernte Säuglingsschwester Brieler hat sich erst um ihre Kinder gekümmert, dann konnte sie nach einem Unfall länger nicht arbeiten. Später hat sie Angehörige gepflegt und lebte teilweise von Bürgergeld: „Ich habe meine Mutter über 30 Jahre gepflegt, ich habe meinen Mann über zehn Jahre gepflegt, meine Schwester die letzten vier Jahre vor ihrem Tod“, sagt Brieler.

Sie bereue nichts und würde es immer wieder tun. Wenn man es gewohnt sei, mit wenig auszukommen, dann komme man damit hin.

Regina Brieler lebt sparsam, weil sie es muss. Inzwischen hat sie sich daran gewöhnt.

Ein Leben lang für andere eingesetzt – jetzt in Altersarmut

Mehr als 13 Millionen Menschen in Deutschland gelten als armutsgefährdet, weil sie – so lautet die Definition – in Haushalten leben, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens haben. Und da rauszukommen, werde immer schwerer, sagen Fachleute. Studien zeigen, dass 25 Prozent der Menschen in prekären Lebenslagen leben und sich die Armut verfestigt.

Sie haben ein geringes Einkommen, wenig Vermögen und leben in kleinen Wohnungen. Armutsforscher Olaf Groh-Samberg von der Universität Bremen sagt, die Vorstellung, man müsse sich nur anstrengen, sei „hochgradig stigmatisierend und belastend“. Die Ungleichheit bekomme man „nicht dadurch gelöst, dass man Individuen sagt, streng dich mal individuell an“.

Bei der Frage, welches Gerechtigkeitsprinzip ihnen am wichtigsten ist, antworteten in einer repräsentativen ARD-Umfrage im April 2026 42 Prozent der Menschen, dass sie Leistungsgerechtigkeit bevorzugen: Derjenige, der mehr leistet, soll auch mehr verdienen. Nur 23 Prozent finden es am wichtigsten, dass man sich besonders um die Schwachen in der Gesellschaft kümmert. Aber welche Leistung belohnt die Gesellschaft?

Unterstützung und Blick in die Zukunft

Auch heute noch strengt sich Regina Brieler an – für andere in ihrem Viertel. Seit vielen Jahren macht sie ehrenamtlich das Frühstück für Schulkinder und danach in einem Nachbarschaftscafé für Menschen in Münster-Kinderhaus, einem Viertel, in dem es viele gibt, die mit wenig Geld auskommen müssen. Es ist ein Treffpunkt für Gemeinschaft, gegenseitige Unterstützung und auch gegen Einsamkeit. Der Kaffee kostet dort nur 50 Cent, für fast jeden bezahlbar.

Plaudern bei einem Kaffee: Das geht im Nachbarschaftscafé, in dem die Getränke sehr günstig sind.

Solche Angebote dürften in Zukunft noch wichtiger werden: Armutsforscher Groh-Samberg erklärt, dass „der Aufstieg aus der Armut raus über die Zeit kontinuierlich abgenommen hat. Die Leute strampeln ohne Ende, die strengen sich an. Niemand ist gerne in Armut, aber die strukturellen Bedingungen sind einfach so schlecht geworden, dass sie es einfach nicht mehr schaffen“.

Waschbrett statt Waschmaschine

Regina Brieler hatte mehrere Monate eine kaputte Waschmaschine. Mit einem alten Waschbrett von früher hat sie von der Kleidung bis zur Bettwäsche alles mit der Hand gewaschen. Hilfe bekam sie von einem Verein in Münster, der Senioren unterstützt. Nun hat sie eine neue Waschmaschine.

Es gehe um Grundbedürfnisse, sagt Nadine Wittkamp von der Seniorenhilfe: „Wir leben in einem sehr reichen Land und dann finde ich, sollte niemand im Alter Sorge haben müssen, dass er seine Lebensmittel am Ende des Monats nicht mehr bezahlen kann.“

Ganz persönliche Lichtblicke hat Brieler, wenn ihr Enkel Lukas sie besuchen kommt. Er möchte später Verkäufer werden. „Das ist mein größter Wunsch, dass meine Enkelkinder das aus ihrem Leben machen, was sie gerne möchten“, sagt Brieler. Lukas packe das schon, „wenn er ein bisschen was von der Oma hat“.

Mehr zu Regina Brieler und der Chancengerechtigkeit in Deutschland sehen Sie in der MONITOR-Dokumentation „Arm sollst du bleiben? Das Los der Herkunft“ in der ARD-Mediathek.

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Dr. Heinrich Krämer
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