FC Bayern „noch dümmer als BVB“Als Schalke die Dortmunder aus Versehen zum Meister machte

Vor 30 Jahren strauchelt der BVB im Meisterschaftsrennen gegen den FC Bayern München, doch dann kommt ihm ein Klub zu Hilfe, der dazu eigentlich gar keine Lust hat. Als die Schalker die Bayern besiegen, können die Dortmunder feiern. Eine komische Situation – für alle.
„Zur Strafe habe ich mich nicht mehr rasiert, sechs oder sieben Wochen lang. Ich sah aus wie der Nikolaus. Aber das Gute: Mit Bart habe ich in jedem Spiel getroffen, Woche für Woche. Ich wollte den Bart nie wieder abnehmen, aber meine Frau war dagegen.“ Die 5:0-Schlappe am 31. Spieltag der Saison 1995/96 beim KSC hatte nicht nur BVB-Kapitän Michael Zorc tüchtig zugesetzt. Nein. Alle Dortmunder begannen plötzlich wieder kollektiv zu zittern. Denn die Schmach von Karlsruhe war nicht nur der Höhepunkt einer äußerst unglücklichen Serie, die dem BVB am Ende fast noch die Meisterschaft gekostet hätte – sie war auch der Moment, an dem der Klub sich selbst innerlich zu zerfleischen drohte.
Nur einer blieb dabei allerdings wie immer ruhig: Trainer Ottmar Hitzfeld. Denn auch wenn es intern und im Umfeld bereits kräftig rumorte, meinte der Mann aus Lörrach nur: „Es gab logische Gründe, warum wir in sieben Spielen nur einmal gewonnen haben. Ich wehre mich dagegen, die Einstellung hätte gefehlt.“ Im Nachhinein weiß man: Er hatte recht! Doch damals war die Situation tatsächlich brenzlig für ihn.
Hitzfeld musste in dieser Zeit einen „stürmischen Kampf gegen alle“, wie die Medien schrieben, führen, denn selbst der damalige Präsident Gerd Niebaum hatte öffentlich angesichts der aufrückenden Bayern, die mit der Entlassung von Otto Rehhagel zum Endspurt geblasen hatten, die Taktik des Trainers hinterfragt. Ein 5:0-Erfolg am folgenden Spieltag über Uerdingen erstickte dann allerdings die aufkommenden, kritischen Stimmen genau zur rechten Zeit für Hitzfeld schnell wieder im Keim.
Ein Verein hilft, der das gar nicht wollte
Schließlich hatte sich der BVB vor der Durststrecke wiederholt, trotz ständiger Dämpfer in einer abwechslungsreichen Rückrunde, in blendender Fassung gezeigt und in einem Zwischenspurt am 23. und 24. Spieltag mit 11:0-Toren aus den Spielen in Stuttgart und gegen Eintracht Frankfurt eindrucksvoll seine Meisterschaftsambitionen untermauert. Zwar verloren die Dortmunder danach das Spiel gegen den direkten Konkurrenten Bayern München, doch das Selbstvertrauen aus diesen beiden Partien reichte schließlich bis zum Saisonende. Denn am entscheidenden 33. Spieltag sollte überraschend eine Mannschaft dem BVB helfen, die das selbst eigentlich gar nicht wollte.
Wie erbittert allerdings der Zweikampf zuvor zwischen dem BVB und den Bayern in dieser Saison geführt wurde, konnten die deutschen Fußballfans beim erwähnten Spitzenspiel am 25. Spieltag sehen. Mehmet Scholl und Stéphane Chapuisat lieferten sich an diesem Tag harte Zweikämpfe mit allen erlaubten wie illegalen Tricks und Kniffen. Es wurde geschlagen, getreten und gespuckt. Und weil der Dortmunder Scholl „übelst beschimpft mit Worten, die noch nie jemand“ so zu ihm gesagt hatte, verpasste der Bayern-Profi Chapuisat „einen Faustschlag auf die Nase“, wie BVB-Trainer Hitzfeld genau beobachtet hatte. Da Schiri Dr. Merk die Tätlichkeit allerdings nicht gesehen hatte, kam Scholl ohne Rote Karte davon. Uli Hoeneß erkannte eh keinen Anlass, Scholl zu bestrafen. Er schimpfte lieber über den „Hofschauspieler“ Chapuisat, der „immer auf blöd macht“, aber „in jedem Zweikampf foult“.
Die Bayern haben ihre eigenen Probleme
Nach dem Sieg der Bayern dachten alle, dass die Münchener nun endlich richtig in das Meisterschaftsrennen einsteigen würden, doch die hatten ihre eigenen Probleme mit ihrem Trainer Otto Rehhagel. Dabei waren die Dortmunder ordentlich geschwächt, weil ihr Mittelfeldstar Andreas Möller über Wochen ausfiel. Nach seinem Comeback gegen Uerdingen meinte Hitzfeld deshalb auch: „Was uns gefehlt hat, war Spielkultur, und die ist mit Andy Möller zurückgekehrt. Wenn er im Ballbesitz ist, hat er alle Möglichkeiten, den Angriff einzuleiten. Im Mittelfeld kann das kein anderer.“
Wie wichtig Möller im System Hitzfelds damals tatsächlich war, verrät eine kleine Anekdote aus dieser Spielzeit. Andreas Möller selbst erzählte diese persönliche Geschichte von ihm und seinem Trainer Ottmar Hitzfeld einmal: „Mir ging es wegen einer Magenschleimhaut-Entzündung sehr schlecht. Ottmar Hitzfeld nahm mich – meine Frau Michaela war damals bei ihren Eltern in Frankfurt – jeden Mittag mit zu sich nach Hause. Seine Frau kochte mir Haferbrei und andere Schonkost. Dabei führten der Trainer und ich sehr offene Gespräche über meine Rolle im Fußball, die mir sehr weitergeholfen haben.“
BVB feiert „Meisterschaft der Nerven“
Doch nicht nur Möllers Rückkehr bewahrte den BVB vor der Schmach, am Ende einer turbulenten Saison noch die Meisterschaft zu verspielen. Es war ausgerechnet der Lokalrivale vom FC Schalke 04, der quasi aus Versehen den Dortmundern den Titel bescherte. Denn während der BVB zeitgleich in München beim TSV 1860 nicht über ein 2:2 hinauskam, sorgte Andreas Müller mit seinem Tor in der 90. Minute für den königsblauen 2:1-Sieg über den FC Bayern. Mit vier Punkten vor dem letzten Spieltag war der Borussia die Deutsche Meisterschaft anschließend nicht mehr zu nehmen.
BVB-Präsident Niebaum feierte den Titelgewinn als „Meisterschaft der Nerven“. Und auch Dortmunds Trainer Hitzfeld war eher erleichtert als glücklich: „Weder Bayern noch wir haben eine glorreiche Rückrunde gespielt.“ Am besten brachte die ganze Situation aber am Ende Bayerns Lothar Matthäus auf den Punkt: „Wir sind nicht Meister geworden, weil wir noch dümmer als Dortmund waren.“ Und: Weil Schalke im rechten Moment seinem Nachbarn unabsichtlich und äußerst hilfreich unter die Schulter gegriffen hatte.
