Designhauptstadt FrankfurtZwischen Bembel und Bankenturm – ein Gang durch das Ostend

Frankfurt ist 2026 Welthauptstadt des Designs. Galerien, Museen, Hotels – alle machen sich hübsch. In der hessischen Metropole erwarten Besucher und Besucherinnen eine lebendige Stadtkultur, eine Vielzahl spannender Kunstprojekte und eine Menge Neues.
Frank Seibold ist ein echter Frankfurter Jung und liebt seine Heimat in all ihren Facetten, den rauen und den glitzernden. Der Stadtführer steht in der Schwedlerstraße, einer Seitenstraße zur geschäftigen Hanauer Landstraße, mitten im Ostend – einst abgerocktes Stiefkind der Metropole, heute ihr trendiges Lieblingsviertel. „Zu meiner Linken liegt das Upper Eastend Mainhattan, eine neue Eventlocation im hypermodernen Glasbau, von deren Dach aus man einen spektakulären Blick auf die Frankfurter Skyline hat“, sagt der Guide und streicht mit der Hand über die vielen metallicfarbenen Minikacheln, in denen der Eingangsbereich funkelt. „Zu meiner Rechten befindet sich das Atelier Frankfurt“, fährt er fort und zeigt auf den Altbau-Gebäudekomplex auf der anderen Straßenseite, Hessens größtes Kunstzentrum. In diesem 11.000 Quadratmeter großen, ehemaligen Lagerhaus finden über 220 Künstlerinnen und Kreative rund 150 bezahlbare Ateliers.
Musik tönt nach draußen in den Innenhof, den Graffitis zieren, vor einem Foodtruck sitzen Ausstellungsbesucher in der Sonne. Gleichzeitig wird der entspannte Klangteppich ab und zu vom Sound des Osthafens um die Ecke übertönt, mit seinen Werften und den wuchtigen Containerschiffen, von denen gerade Getreide, Kies oder Sand ausgeladen werden. Nur eine Biegung entfernt aber wartet die wohl größte Überraschung des einstigen Arbeiterviertels: Von Bäumen und Büschen gesäumt, leuchtet der Schwedlersee in sattem Grünblau. „Er war eigentlich als Erweiterung des Hafen-Nordbeckens geplant, doch mit Beginn des Ersten Weltkriegs war das passé“, weiß Seibold. Die beinahe quadratische Grube füllte sich mit Grundwasser und in der Folge zog die Natur in Gestalt von Reihern, Libellen und Muscheln ein. Ins Wasser dürfen hier nur die Mitglieder des Ersten Frankfurter Schwimmclubs, im Restaurant am See kann es sich aber jeder gut gehen lassen.
„Frankfurt ist eine Stadt der Widersprüche, sie ist nicht so einfach zu fassen, fordert heraus, provoziert. Sie bedeutet Schwerindustrie neben einem Naturidyll und futuristische Bankentürmen in unmittelbarer Nähe von Fachwerk- und Giebelhäusern“, erklärt Seibold. Er deutet auf die Europäische Zentralbank (EZB), die sich nur wenige hundert Meter entfernt in den Himmel streckt. „Als die Zentralbank vor über zehn Jahren in den vom Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au entworfenen avantgardistischen Wolkenkratzer zog, war das der Startschuss für die maßgebliche Veränderung des Viertels: Das Ostend wurde hip. Zugleich gibt es sie aber auch noch, die alteingesessenen Läden, die schon seit Ewigkeiten hier sind.“
Es ist ein spannendes Potpourri aus Innovation und Tradition – kein Wunder, dass Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet 2026 als erste deutsche Stadtregion zur Welthauptstadt des Designs („World Design Capital“) gewählt wurde. Diesen Titel verleiht seit 2008 eine kanadische Nichtregierungsorganisation im Zwei-Jahres-Rhythmus an Städte in aller Welt – in der Vergangenheit etwa an Valencia, Lille, Taipeh und Helsinki – und fördert Ausstellungen und Veranstaltungen von Museen, Hochschulen, Kommunen und Institutionen, darunter in diesem Programmjahr die Design Week im Juni oder das Module-Festival im August. Aber auch unzählige von kleinen lokalen Vereinen und Künstlerinnen und Künstlern initiierte Projekte der kanadischen NGO.
Kunst und Design finden sich in Frankfurt an allen Ecken, wenn man mit offenen Augen durch die Straßen geht. Auf der Hanauer Landstraße etwa fällt der Blick automatisch auf das 25hours Hotel The Goldman: Die Fassade leuchtet in Knallorange. Drinnen wartet der Frankfurter Künstler Michael Dreher, der für die eklektische Gestaltung des Hauses verantwortlich zeichnet. Der Gang durchs Hotel gleicht einem farbenfrohen Rausch. Jedes Zimmer ist einer spannenden Persönlichkeit gewidmet, das Interieur frech, bunt, mit einem Augenzwinkern. Die gerade neu gestaltete Oost Bar ist ein psychedelischer Cocktail fürs Auge, pink-rote Blumenmuster ranken sich über Wände, Sessel und ein Gemälde im Jugendstil.
Von der Kunstfreiheit gedeckt
Zum Schluss führt Dreher noch in die Herrentoiletten, deren Kloschüsseln im Stile eines geöffneten Rolling-Stones-Mundes aufwarten: „So mancher fand sie skandalös“, erinnert er sich grinsend, „doch mittlerweile haben sich die Toilettenbesucher daran gewöhnt“. Eben alles von der Kunstfreiheit gedeckt. Ein Tipp von ihm, wo man heute unbedingt noch hin sollte, um knallig Kreatives zu sehen? „Ins Fortuna Irgendwo!“ Wir merken uns den Club, der ebenfalls Drehers Handschrift trägt, für später vor.
Jetzt lockt erst mal der Hunger. Schräg gegenüber des Hotels liegt eine Institution: die Traditionsmetzgerei Gref-Völsing. Und, auch das ist Design, wer morgens früh genug dran ist, erhascht noch einen Blick auf das flächendeckende Bild, das auf die Rollläden des Geschäfts gepinselt wurde: eine rote Rindswurst, nebst einem Klecks Senf, die Spezialität des Hauses. Seit 1894 kaufen die Frankfurter hier ihr liebstes Fleischerzeugnis, entweder zum Direktverzehr vor Ort oder zum Mitnehmen und zu Hause aufwärmen.
Ein weiterer, echter Designklassiker ist der Bembel. Das niedliche Wort steht für einen dickbauchigen, grauglasierten Tonkrug mit blauem Muster. Der Inhalt schmeckt dann schon weniger lieblich: Ebbelwoi, herb-säuerlicher Apfelmost. Im quirligen Stadtteil Sachsenhausen am südlichen Mainufer findet sich eine ganze Reihe von Apfelweinwirtschaften. In einer davon, dem Lokalbahnhof, teilt man sich schließlich zu mehreren den Inhalt eines Bembels und findet mit der Zeit Gefallen am „Schtöffsche“, wie die Kellnerin ihn anmoderiert hat. Man sieht den Most aber auch häufig in der Dose, gemischt mit Cola oder Kirschsaft – Bembel 2.0.
Von Frankfurter Küche bis Frankfurter Schule
Kein Frankfurt-Aufenthalt ohne Museumsbesuch! Die Stadt verfügt über eine der vielfältigsten und dichtesten Musemslandschaft Deutschlands. Den Kern bilden 39 Museen in der Nähe des Mainufers und in der Innenstadt, alle mit kurzen Wegen untereinander. Sollte man nur Zeit für eines der Häuser haben, dann geht man am besten ins Städel, in dem herausragende Werke von Alten Meistern wie Johannes Vermeer, Gegenwartskunst etwa von Gerhard Richter und wechselnde Schauen zu sehen sind. Bei etwas mehr Zeit empfiehlt sich zum Beispiel das Museum Angewandte Kunst, in dem Alltagskunst aus den verschiedensten Epochen zu sehen ist, seien es ein Handspiegel aus dem 12. Jahrhundert, eine komplette erhaltene „Frankfurter Küche“ der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky aus den 1920er-Jahren oder ein erster iMac-Computer von 1995. Zugleich ist das Museum Angewandte Kunst die zentrale Anlaufstelle des Weltdesignhauptstadt-Jahres: Im dortigen WDC-Hub kann man sich über das Programm und alle Projekte informieren, zudem finden Workshops und Pop-up-Ausstellungen statt.
Der letzte Programmpunkt ist der von Künstler Michael Dreher empfohlene und gestaltete Club Fortuna Irgendwo im Ostend. Sofort taucht man in eine andere Welt ein: Ein Dschungel aus Blüten und Pflanzen rankt an Decken und Wänden entlang, Holzfiguren und Schnitzereien zieren die Räume und durch die Tiki-Bar und einen Pool kommt Südsee-Flair auf. Der Club ist Teil des Union-Geländes, auf dem der Stadtteil-Regisseur und Immobilienentwickler Ardi Goldman eine kleine Stadt in der Stadt geschaffen hat. Rund um die Piazza, das Herzstück des Ensembles mit alten Kastanien, haben sich Ateliers, Shops und Restaurants angesiedelt und Skulpturen und großflächige Kunstwerke an den Hauswänden machen den Besuch zu einem echten Großstadtabenteuer.