Bei den Kommunalwahlen in England verlor die Regierungspartei Labour 1.400 Sitze. Auch in den eigenen Reihen mehren sich die Rücktrittsforderungen an Premier Starmer. Kann er das Ruder mit einer Rede heute noch rumreißen?
Die Luft wird dünner für den britischen Premierminister Keir Starmer. Nach der historischen Niederlage seiner Labour-Partei bei den Kommunal- und Regionalwahlen werden Rücktrittsforderungen aus den eigenen Reihen lauter.
Labour-Abgeordnete Catherine West stellte ein Ultimatum: Wenn bis Montag niemand aus dem Kabinett den Premier herausgefordert hätte, täte sie es. Wenn eine Schule bei einer Inspektion durchfalle, würde man den Schulleiter entlassen, erklärte sie. „Ebenso bei einer Krankenhausinspektion oder in einem Unternehmen: Der Chef würde Verantwortung übernehmen und der Vorstand eine neue Führung einsetzen“, sagte West der BBC.
Zum Rücktritt aufgefordert
Knapp 40 der 403 Labour-Abgeordneten haben den Premier zum Rücktritt aufgefordert. Nach Medienberichten soll Starmer ein Datum für seinen Rücktritt vorlegen. Doch die möglichen Anwärter halten sich bedeckt.
Eine von ihnen, die ehemalige Parteivorsitzende Angela Rayner, sprach sich etwa für eine Rückkehr von Andy Burnham ins Parlament aus – den aktuellen Bürgermeister von Greater Manchester. Auch er gilt als möglicher Anwärter.
Keine Einigkeit über eine Alternative
Einen Konsens darüber, wer das Potenzial zum Parteichef hätte und damit alle in der Partei hinter sich versammeln kann, gibt es bislang nicht. Starmer selbst erklärte in einem Interview mit der Zeitung Observer am Wochenende, er wolle sogar noch eine zweite Legislatur dranhängen, also insgesamt 10 Jahre im Amt bleiben.
Eine Aussage, die die Reform-UK-Abgeordnete Nadine Dorries kaum glauben kann. Starmer sei in einem Zustand wahnhafter Überheblichkeit. Statt zehn Jahren im Amt sollten ihm nicht einmal zehn Minuten gewährt werden, findet Dorries.
Doch es gibt auch Labour-Abgeordnete, die vor dem Chaos und Drama einer Führungskrise warnen, etwa Bildungsministerin Bridget Phillipson: „Ich glaube einfach nicht, dass die Botschaft dieser Wahlen lautet, dass wir uns als Partei streiten und uns gegenseitig bekämpfen sollten.“
Volatile Woche für Starmer
Mitten in der Regierungszeit haben die Abgeordneten eigentlich anderes zu tun. Die Briten haben genug von dem teuren Wocheneinkauf, den teuren Tankfüllungen. Und auch außenpolitisch käme ein Machtvakuum ungelegen: Als wichtiger Unterstützer im Ukraine-Krieg, bei Verhandlungen zu den Spannungen im Nahen Osten oder bei Gesprächen mit dem Weißen Haus sind eine klare Linie und eine ruhige Hand gefordert.
Doch alle Zeichen deuten auf eine volatile Woche für Starmer. Die Geduld bei den Briten für die Führungsfrage schrumpft derweil. Jeremy Vine, Moderator einer BBC-Call-in-Sendung, berichtet von zahlreichen Anrufern mit folgender Meinung: „Starmer abzusetzen und mit einem der potenziellen Nachfolger zu ersetzen, ist nicht die Lösung. Das ist, als würde man sich in die Hose machen und dann den Hut wechseln.“
Entscheidende Rede über Starmers Zukunft
Am Montag will Starmer das Ruder rumreißen – mit einer Rede und einer Vision für Labour. Es soll um engere Beziehungen zur EU gehen. Zahlreiche Stimmen hatte die Partei bei den Lokalwahlen an die Grünen verloren. Stimmen, die Labour mit progressiver, auch EU-freundlicher Politik noch eher zurückholen kann.
Eher noch zurückholen, als Stimmen, die sie an die Rechtspopulisten von Reform UK verloren haben. Für Starmer ist es eine Rede, die über seine Zukunft entscheiden könnte.

